Sei, der Du bist
Wir folgen dem Weg, das zu tun, was wir werden sollen, was uns von außen aufgezwungen wird. Wir sind in einem Geflecht von Verpflichtungen und Rücksichtnahmen gefangen und verharren darin reglos. Wir verlieren schließlich den Kontakt zu uns selbst, spüren dennoch, alles in unserem Leben müsste anders werden. In einer Lebenskunst geht es auch darum, was wir sein wollen.
Bevor ich diesen Artikel schrieb, begab ich mich auf einen Denkgang. Ein Denkgang ist für mich eine Reflexion im Gehen: Ich greife mir einen Gedanken und gehe damit ins Freie. Im Gehen denke ich über ihn nach, versuche ihn perspektivisch zu betrachten und neue Richtungen auszuloten. Heute nun lag die Aufforderung »Werde, der du bist!« vor mir, ein Satz, dessen Ursprung sich in den Pythischen Oden des griechischen Dichters Pindar findet und den Friedrich Nietzsche in seiner Schrift Ecco Homo behandelte. Ist dieser schöne paradoxe Imperativ, so fragte ich mich, tatsächlich ein Leitgedanke, um den Menschen zu einem besseren Wesen zu machen? Entspricht er dem Gedanken einer Lebenskunst?
Lebenskunst bedeutet für mich: Aus den gegebenen Umständen das Beste zu machen und kreative, unkonventionelle Lösungen anzustreben. Das Leben als Gesamtkunstwerk zu sehen. Lebenskunst ist auch: Sich mit Mitwelt und Mitmensch auseinander zu setzen, fair zu bleiben und dabei die eigene Authentizität nicht zu verlieren.
Elisabeth Casanova
In unserem Leben verwenden wir viel Zeit darauf, vermeintlichen, eingebildeten oder von anderen Menschen propagierten Werten zu folgen oder Vorbildern nachzueifern. Wir streben nach Anerkennung; wir versuchen, eine berufliche Position zu erreichen, die uns Ansehen und materiellen Wohlstand bietet; wir wollen Menschen um uns versammeln, die uns das Gefühl geben sollen, ein wertvoller Mensch zu sein. Dabei übersehen wir, dass wir vielleicht einen Weg gehen, der gar nicht unser eigener Weg ist.
Indem wir bestrebt sind, das zu tun, was wir werden sollen, verlieren wir den Kontakt zu uns selbst. Das Gefühl und Wissen für unsere ureigenen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Wünsche geben wir auf zugunsten einer von außen aufgezwungenen Wegrichtung. Wir sind in einem Geflecht von Verpflichtungen und Rücksichtnahmen gefangen, das wir, aus Furcht vor Konflikten, nicht durchschneiden. Wir folgen den immer gleichen Ritualen: im Berufsalltag, in der Freizeit, in der Partnerschaft, in einem Verein. Kirche, Staat und Wirtschaft wollten und wollen, dass wir unbedingt »nach ihrer Pfeife tanzen«: arbeitssam, konsumfreudig, leicht lenkbar, duldsam, ruhig. Immer wieder verspüren wir, alles in unserem Leben müsste anders werden, und dennoch verharren wir reglos. Warum tun wir das? Weil es so schön bequem ist? Weil es Mühe macht, seinen eigenen Weg zu finden und ihn konsequent zu gehen?
Für mich bedeutet Lebenskunst die tragenden Lebenssäulen Kopf (Verstand), Seele (Spirituelles) und Körper (Physisches) ausgleichend im täglichen Leben einzusetzen. Gleichzeitig aber auch diese drei Lebenssäulen zu pflegen und weiterzuentwickeln und mit neuer Kraft zu versorgen. All dies zusammen sollte einen inneren Fliess- und Wohlfühlzustand erzeugen.
Othmar Koch
Im Sinne einer Lebenskunst geht es darum, was wir sein wollen. Wir leben unser Leben, nicht andere für uns. Der Hemmschuh: Meist wissen wir nicht genau, was uns im Leben wirklich wichtig ist. Oder wir verfolgen nicht konsequent genug ein konkretes Lebensziel. Doch bevor wir uns mit der Zukunft und unseren Zielen auseinandersetzen, sollten wir erst einmal unsere aktuelle Position klären. Sie könnten sich fragen: Wo stehe ich mit meinen Gefühlen, meinem Verhalten, meinem Wollen? Was will ich wirklich? Fragen Sie nicht: Was ist mein Problem? Formulieren Sie die Frage positiv: Was wäre das Schönste, das ich mir wünsche?
Lebenskunst bedeutet für mich, jeden Tag in seiner Vielfalt und in seiner Schönheit zu erleben, ohne mir Sorgen wegen der Vergangenheit und um die Zukunft zu machen und viel Zeit für Übungen (für Körper, Geist und Seele) zu haben. Lebenskunst heißt für mich auch, neuen Ideen, Menschen und Büchern zu begegnen und mich davon berühren und bewegen zu lassen und dabei zu erleben, wie ich mich stetig verändere. Und zu guter Letzt mich auf Neues, auf Veränderungen, auf die Zukunft zu freuen.
Susan Danuser
Es ist ein mentaler Prozess, der Diszipin und Einsicht verlangt. Disziplin, sein Inneres zu erforschen und Einsicht, sich Fehler, Konflikte und Schwächen einzugestehen. Dabei sollte unsere Selbstanalyse nicht in eine Nabelschau ausarten. Denn das andauernde Beschäftigen mit sich selbst könnte schnell zum Alibi für Nichthandeln werden, und damit würden wir die Sackgasse nicht verlassen.
Die Ziele, die wir uns setzen, sollten realitisch und erreichbar sein. Wenn wir unsere Vision schriftlich niederlegen, erhält sie den Charakter einer Selbstverpflichtung und entfaltet im Laufe der Zeit eine eigene Dynamik. Entscheidend für einen erfolgreichen Wechsel in eine neue Lebensphase ist das Loslassen. Einen neuen Weg zu beschreiten, verlangt einen alten Weg zu verlassen. Loslassen, um Abschied zu nehmen — von liebgewonnenen Gewohnheiten, Umgebungen, ja, auch von persönlichen Bindungen. Am schwersten dürfte der Abschied vom alten Ich sein: Das bisher gültige Bild unseres Selbst, unser Image, muss revidiert werden. Ansonsten gewinnen wir nicht die Unabhängigkeit im Denken und Handeln, die wir anstreben.
Loslassen kann auch bedeuten, sich von einer fixen Idee zu trennen oder einen Kampf aufzugeben, der bei nüchterner Betrachtung nicht mehr zu gewinnen ist — etwa die Liebe eines Menschen, die Anerkennung im Beruf, der Erfolg eines Unternehmens. Abschied nehmen ist nicht selten mit Ängsten und Schmerzen verbunden. Wir müssen auf etwas verzichten, um neue Chance zu nutzen und uns als Mensch weiterzuentwickeln. Anders kommen wir auf einem neuen Lebensweg nicht vorwärts.
Auf einer Bank zu sitzen, dem Vogelgezwitscher zuzuhören, die Aussicht zu geniessen, mich an den Pflanzen zu erfreuen und meinen Gedanken nachzuhängen — dieses alles ohne Zeitdruck.
Die Ideen für eine Kurzgeschichte im Kopf zu haben, mich an den PC zu setzen, um der Geschichte Form und Farbe zu geben und schliesslich die Genugtuung, ich habe es geschafft — wenn auch nur für mich persönlich.
Mit verschiedenen Menschen zu plaudern und zu diskutieren, ihnen zuzuhören, vielleicht einen Ratschlag zu geben und zu wissen, ich stehe auf dieser Welt nicht alleine da.
Ruth Suter
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