Konfliktlösen durch Kampfkunst
Die Kampfkunst Aikido kennt keinen Gewinner oder Verlierer, Wettbewerbe und Siege sind ihr fremd. Es geht allein darum, die Kräfte eines Gegners für die eigene Verteidigung nutzbar zu machen und ihn dadurch von der Sinnlosigkeit seines Angriffs zu überzeugen, ohne ihn zu verletzen. In diesem Sinne ist Aikido ein möglicher Weg zur Lösung von Konflikten.
Unsere Welt ist voller Konflikte. Und doch stellen wir immer wieder fest, dass wir selten vorbereitet sind, Konflikte als eine Chance zum Erfolg zu begreifen. Die Ursache liegt in unserer Sozialisation und die daraus gewachsene Einstellung, dass Konflikte etwas Negatives sind.
Im unserem durch die westliche Kultur geprägten Denken verbirgt sich ein grosser Irrtum: Für uns gibt es als Ergebnis eines Konflikts nur einen Gewinner oder Verlierer. Das östliche Denken, das in der japanischen Kampfkunst Aikido zum Ausdruck kommt, sieht das anders: Das Ziel ist es, den Gegner von der Sinnlosigkeit seines Angriffs zu überzeugen, ohne ihn zu verletzen. Ein Konflikt hat somit zwei Gewinner.
Die Vorteile eines Konflikts
• Ein Konflikt erfordert eine aktive Beteiligung.
• Ein Konflikt sorgt für Klarheit über Wünsche und Ziele.
• Ein Konflikt bringt Alternativen ins Spiel.
• Ein Konflikt stärkt das innere Wachstum.
Im Aikido wird die Kraft eines Angreifers so geführt und umgelenkt, dass sie für die Technik des Verteidigers nutzbar gemacht und verstärkt dem Angreifer wieder zurückgegeben werden kann. Die Bewegungen des Aikido sind dynamisch ausgeführte Kreis- und Spiralbewegungen. Durch geschicktes Ausweichen und frühzeitiges Führen des Angreifers, verliert dieser sein Gleichgewicht und kann seine Körperkräfte nicht mehr gegen den Verteidiger einsetzen, da der instabile Körper nicht mehr gehorcht.
Die Grundprinzipien des Aikido lassen sich sehr gut auf das Konfliktlösen in unseren Lebenssituationen übertragen:
Alle Konflikte beginnen in dir.
Lerne, dich selbst zu zentrieren und eine ruhige, wache Haltung zu entwickeln. Frage dich: Was sind meine eigenen Werte? Worin finde ich Stabilität und Gleichgewicht? Wie nutze ich die Kraft der Gedanken? Welcher Sinn entsteht durch Konflikte, die ich herauf beschwöre?
Nimm einen Angriff nicht persönlich.
Bedenke, dass ein Angreifer nicht von vorn herein bösartig, sein Angriff nicht von vorn herein verwerflich ist. Nimm keine starre, blockierende Abwehrhaltung ein, sondern gehe zunächst dem Angriff aus dem Weg, um nicht getroffen zu werden. Anerkenne das Recht des Anderen, seinen Standpunkt und sein Interesse zu vertreten. Trete ihm offen und ehrlich gegenüber.
Werde eins mit deinem Gegner.
Lasse dich auf die Energie des Gegners ein. Schaffe eine Verbindung, die dich schützt und gleichzeitig die Perspektive des Anderen annimmt und respektiert. Stelle deine eigene Position in Frage, um dann das Anliegen deines Gegners ernsthaft zu würdigen.
Übernehme die Verantwortung für dein Handeln.
Zeige Mut, dir selbst und dem Gegenüber einzugestehen, dass die eigene Position eventuell verbesserungswürdig ist. Räume dem Anderen eine Möglichkeit ein, an der vielleicht erforderlichen Verbesserung mitzuwirken. Erkenne den Konflikt als die Chance, eine Lösung zu erreichen, die beide Seiten als vernüftig erleben können.
Natürlich löst man Konflikte am besten, indem man sie erst gar nicht entstehen lässt. In einem Konflikt ist wichtig, was wirkt und nicht, wer wirkt. Das Ziel sollte sein, einen Konflikt gemeinsam zu lösen. Dann gibt es keinen Gewinner oder Verlierer, sondern nur Menschen, die bei ihrer Begegnung voneinander gelernt haben. 

Kommentare: 2
1. Heiko Zaenker | 07. September 2008 15:33
Dazu paßt der Spruch des Tai Chi Meisters Cheng Manching: “Du must ins Verlieren investieren.”
2. Joachim Zischke | 08. September 2008 09:01
Schönen Dank für den Kommentar.
In Aikido sollen ja beide Seiten zu Gewinnern werden. Wie ist die Nutzanwendung dieses Tai Chi-Spruchs dann zu verstehen?
Gruss, Joachim Zischke