Zeitplanquadrate
Wem gehört die Zeit? Uns Menschen sicherlich nicht, denn wir können Zeit weder besitzen, noch kaufen, noch weggeben. Mit unserer mechanisch getakteten Zeit entfernten wir uns von der ursprünglichen Zeit: Gott und die Natur ersetzten wir durch Geld und Maschinen. Dabei können wir Menschen nur auf der Strecke bleiben, auch wenn wir unsere Zeit noch so gut planen.

In früheren Zeiten hatte alles seine Zeit: Die zyklischen Wiederholungen der Natur, der Wechsel der Gestirne, die Regen- und Trockenzeiten, der Umlauf der Erde um die Sonne, der Rhythmus des tierischen und pflanzlichen Wachstums, das Arbeitstempo und das, was wir heute ein Zeitbewusstsein nennen.
Die Einheit von Arbeit und Leben kannte und brauchte keine abstrakten Maße. Die Zeit war nicht im Besitz der Menschen, sie gehörte Gott. Die Erfahrungen, Erlebnisse und das Leben mit der nicht greifbaren Zeit war naturgegeben.
Homer, der angenommene Autor von Ilias und Odyssee, rechnete nach Morgenröten. In der römischen Zeit des Julius Cäsars wurden Nachtwachen als Zeiteinheit verwendet. Mit den ägyptischen Stundenwachen ist ein Ritual stündlicher Rezitationen und Kulthandlungen im Osiris-Kult verbunden. Im Oman bestimmte das Wandern der Sonne während des Tages die Bewässerungsphasen in einer Oase. Und auch die christlichen Mönche richteten ihre Gebetszeiten weitgehend am Lauf der Sonne aus.
»Was ist die Zeit? Ein Geheimnis — wesenlos und allmächtig … Was zeigt sie denn? Veränderung!«
Thomas Mann
Später, insbesondere in der fortgeschrittenen Moderne, der Neuzeit, wird Zeit zu einem Faktor, der sich mit Geld gleichsetzen und verrechnen lässt. Die Erfindung der mechanischen Uhr ermöglichte es, Zeit unabhängig von naturnahen Ereignissen und menschlichem Handeln zu bestimmen. Turmuhren, mit den nach allen Himmelsrichtungen weisenden Ziffernscheiben und den weit hin hörbaren Glockenschlägen, gaben jetzt ein Maß an, das sich für Arbeit und Handel als eine verbindliche Orientierung nutzen ließ.
Zunächst taktete nur der Stundenzeiger die Zeit, bald aber folgte der Minutenzeiger, der die Einteilung noch weiter verfeinerte und verdichtete. Und mit diesem Instrument übernahm eine andere Herrschaft das tägliche Leben: Nicht mehr die Natur, der Sonnenaufgang und Sonnenuntergang, gab den Lebensrhythmus vor, sondern der immer gleichbleibende Takt einer technokratischen Errungenschaft.
Gott und die Natur, welche das Leben der Menschen bislang geordnet hatten, wurden durch Geld und Maschinen ersetzt, die fortan als Zeitgeber fungierten. Und so entstanden die vier dominierenden Formen unseres modernen Lebens: Beschleunigung, Vertaktung, Kontrolle und Gleichförmigkeit.
»Früh um 6 Uhr habe ich schon 24 Stunden Verspätung.«
Bertholt Brecht
Es war in den 1980er Jahren, als die Ära des persönlichen Zeitmanagements begann. Der kleine Taschenkalender, gerne von Sparkassen als Weihnachtsgabe verschenkt, hatte ausgedient. Zeitplanbücher, in wuchtigen, Backstein großen Formaten, wurden zum Inbegriff von Effizienz und Leistungsbereitschaft. Eine durch Ratgeber und Seminare forcierte Planokratie zog in die Köpfe der Menschen ein, zunächst in das Bewusstsein von Führungskräften, dann in das Leben jedes Einzelnen, der sich für zeitgemäß hielt. Die Ziele, mit welchen die Systemanbieter lockten, waren vielversprechend: Mehr Aufgaben in kürzerer Zeit erledigen, immer nur auf das Wesentliche konzentrieren, berufliche und private Freiräume schaffen. Vom Volltischler zum Leertischler — ja, so lautete eines der schönen Versprechen.
Die Wichtigkeit einer Person konnte man schon von weitem erkennen: am überfüllten, mühsam mit einem Einmachglasgummi zusammengehaltenen, als Datenbanken bezeichnete Formular- und Zettel-Sammelsurien. Es genügte jetzt nicht mehr, nur den Arbeitstag zu gliedern, um seine Aufgaben und Termine im Griff zu behalten. Nein, nur eine minutiöse Planung des gesamten Tags, so die Weisheit der Zeitgurus, lasse Zeitlücken, ungenutzte und nicht ausgeschöpfte, freiwerden und als produktive Zeit nutzen. Es entstand eine Welt voller kleiner Zeiteinheiten, in der sich die Zeitplaner recht unfrei bewegen mussten — die Zeitplanquadrate. Dabei vergaßen die meisten Zeitplaner, wissentlich oder unwissentlich, dass auch das Management der Zeit Zeit kostet. Und je präziser die Zeit geplant werden soll, umso mehr Zeit muss dafür aufgewendet werden. Ein Nullsummenspiel, meinen Sie? Das kann gut so sein.
»Es gibt eine Zeit zum Fischen und eine Zeit, die Netze zu trocknen.«
Weisheit der Fischer
Die Zeit gehört nicht uns. Wir können Zeit nicht kaufen oder verkaufen, nicht besitzen, nicht weggeben oder verschenken. Je mehr Zeit wir (ver)planen , umso geringer wird der Gestaltungsrahmen für unser Leben. Selbst wenn wir unsere Zeit randvoll ausfüllen könnten — wäre es dann eine erfüllte Zeit?
Wir versuchen immer mehr Zeit einzusparen, indem wir immer wieder neue Effizienzmethoden anwenden. Eingesparte Zeit werden wir aber nirgendwo finden. Im Gegenteil: Die Menge an Aufgaben und Belastungen wächst und damit auch der Zeitdruck. Wir verstärken durch die Methoden, die als Lösungen angepriesen werden, die Probleme noch. Das ist zwar paradox, aber dennoch real.
Zeitmanagement bedeutet im Grunde genommen Selbstdisziplin üben, für das Erledigen von Aufgaben genauso wie für ein bewusstes Innehalten. Wir Menschen sind nicht die Zeitmaschinen, die uns antreiben und vertakten wollen. Daher sollten wir die Zeitlöcher wahrnehmen, wenn sie sich uns bieten. Es sind wunderbare Gelegenheiten, um Gedanken schweifen zu lassen, sein Denken abzuschalten, seinen Atem zu beruhigen, zu sich selbst zu kommen. Wirklich freie Zeit ist nutzlos, sinnlos ist sie jedoch nicht.
