Wirtschaft neu denken
Denk-Impulse für Personaler in sieben Bildern
Zwei Drittel der Beschäftigten machen Dienst nach Vorschrift. Kaum ein Mitarbeiter fühlt sich seinem Unternehmen emotional verbunden. Zwanzig Prozent der Mitarbeiter haben bereits innerlich gekündigt. Der Schaden für die Volkswirtschaft geht in die Milliarden. Marco Nink vom Marktforschungsinstitut Gallup, der diese Ergebnisse 2008 der Presse vorstellte, glaubt nicht, dass die aktuelle Krise an diesen Zahlen viel ändert. Er sagt, die Probleme in Deutschland seien hausgemacht und gingen auf Defizite in der Personalführung zurück. Schuld habe oft die direkte Führungskraft. Müsste nicht jeder Personaler Tag und Nacht darüber grübeln, wie er mit diesem Dilemma umgeht?

Während des Wirtschaftswunders wurde ein türkisches Auto auf der Autobahn angehalten, das, voll beladen mit Menschen und Waren und einen Kühlschrank auf dem Dach, im Rückwärtsgang in Richtung Türkei fuhr. Alle anderen Gänge hatten nach und nach den Geist aufgegeben. Welche Werkzeuge nutzen Personaler in der heutigen Krise, um die Gangschaltung ihres Unternehmens wieder in Ordnung zu bringen?

Lautet die Lösung: »Problem erkannt, Kopf in den Sand«, wie es Klaus Werle im Manager Magazin provokant formulierte? Oder: »Benutzen Sie für Ihre Arbeit Zahlen! Selbst wenn diese Zahlen falsch sein sollten, sind sie immer noch besser als Ihr Bauchgefühl«, wie ein Berater es formulierte?

Vielleicht sollten sich die Personaler einmal anhören, was der Wirtschaftsautor Jeffrey Pfeffer über ihre Manager sagt: »Es fehlt ihnen in großem Maße an gesundem Menschenverstand. Sie sind in der Herden-Mentalität gefangen, wollen tun, was jeder andere auch tut, selbst wenn es keinerlei Sinn macht.« Mein Bauchgefühl sagt mir, Personaler haben heute die Wahl, ob sie der siebte Lemming sein wollen, der zur Krisenbewältigung den Verzicht auf kreative Seminare und das Streichen der Kekse bei der Bewirtung anbietet …

… oder ob die Personalabteilung sich quasi als Mutter der Menschen im Unternehmen versteht, als Hüter seines größten Kapitals. Eine Steigerung der Mitarbeiter-Motivation um nur drei Prozent wäre für ein Unternehmen mehr Geld wert als technische Innovationen, das könnten auch Firmenchefs verstehen.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx sieht im Export von Innovation und Kreativität eine Chance für die deutsche Wirtschaft. Es geht darum, Wirtschaft neu zu denken. Genau das haben sich die Studenten einer kleinen neuen Wirtschaftsfakultät der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft in Alfter bei Bonn, zum Ziel gesetzt.

Wi.n.d. — Wirtschaft neu denken hieß das jüngst durchgeführte, äußerst bemerkenswerte Symposium. Die Studenten hatten zudem die Idee, solche jährlichen Wi.n.d.-Symposien an allen europäischen Wirtschaftsfakultäten einzuführen, als europäischen Brand. Dieses jährliche Brainstorming über die Zukunft der Wirtschaft könnte einen Orkan auslösen, unsere Unternehmen durch kreative Ideen und neue Perspektiven in Schwung zu bringen.

© 2009 Reinhard Kuchenmüller
