Schopenhauer, die Dialektik und ich
Stoff für Konflikte
Legen Sie Ihre Gegner gerne verbal aufs Kreuz? Wollen Sie mit Ihren Argumenten stets Recht behalten? Auch bis zum Konflikt? Schopenhauer, der Menschenkenner, hilft. Greifen Sie zu: 38 Kunstgriffe warten auf Sie.
Recht zu behalten, obwohl man eigentlich schwache Argumente hat, ist wahrlich eine Kunst. Die Kunst, Recht zu behalten. Von Arthur Schopenhauer. »Das klassische Lehr- und übungsbuch, um in allen Diskussionen Sieger zu werden und zu bleiben«. Wollen wir nicht alle Sieger sein? Also hin zum Regal. Gebunden in edles Leinen, mit silbernem Kopfschnitt und Fadenheftung. Verlegt bei Haffmans in der Schweiz. Schopenhauers Werke, da stehen sie, warten auf norddeutsches Herbstwetter. Dann mutig die Eristische Dialektik herausgezogen. Und angepackt, die 38 Kunstgriffe, »wie Sie Ihren Gegner dialektisch in die Ecke spielen und gegebenenfalls aufs Kreuz legen.« Ja, das ist nach meinem Geschmack.
Ich kenne den Philosophen. In jungen Jahren schon versuchte ich, die 300 Merksprüche des Handorakel eines Balthasar Gracián zu memorieren. Die wiederum hatte Schopenhauer ins Deutsche übertragen. Allein, nur ein Merkspruch blieb mir im Sinn: über seine Pläne im Unklaren lassen.
»Wundern sich die Leute über etwas Neues, dann bedeutet das schon halbes Gelingen. Mit offenen Karten spielen ist weder nützlich noch angenehm. Indem man seine Absicht nicht sogleich verrät, erregt man Erwartung, zumal wenn man durch besondere Stellung im Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit steht. Im Schatten eines Geheimnisses wird man erst begehrenswert; ein verschlossener Charakter erweckt die Scheu der Bewunderung. Behutsames Schweigen ist der Anfang aller Klugheit. Offen ausgesprochenes Vorhaben wird nie besonders geschätzt, es fordert zu voreiligem Tadel heraus. Geht etwas gar schlecht aus, dann wußten es alIe schon vorher. Am besten ist es, du spielst Vorsehung, indem du die Leute durch Ungewißheit in Unruhe hältst.« [1]
Also 38 Kunstgriffe, das müsste zu schaffen sein. Dabei geht es um die Übertreibung, die Verallgemeinerung, den Gegenbeweis, die Provokation, die Täuschung, die Kategorisierung, die Maskierung, die Infragestellung, die Herausforderung von Zugeständnissen, um absurde Schlussfolgerungen. Und dann: Widersprüche herausfiltern, Instanzen aufzeigen, ungläubig bleiben, an die Ehrfurcht oder die niederen Instikte appellieren und auch die eigene Inkompetenz erklären — rein rhetorisch.
Wie war das noch? Rhetorik, das ist die Kunst der Rede und Überzeugung durch Rede. Sophistik, die Kunst der Spitzfindigkeit, Haarspalterei und Verdrehung. Und die Kunst, Recht zu behalten, egal mit welchen — (hoffentlich und hauptsächlich) sprachlichen — Mitteln, das nennt der Wissenschaftler Rabulistik.
»Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört,
Es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.« [2]
Irrtum. Hier wird nicht gedacht. — Ist nicht unser heutiges Leben nahezu vollständig mit Rhetorik, Sophistik und Rabulistik vollgesogen — Politik, Werbung, Medien? Der Schein ist alles, Substanz gilt nur dann, wenn sie wirkungsvoll verpackt ist. [3] Haben die etwa alle Schopenhauer gelesen?
Nun an die Kunstgriffe. Die schönsten, die besten. Von Hand subjektiv ausgewählt, für die Freunde des Konflikts unter uns. Denn Konflikte sind bei richtiger Anwendung garantiert. Schopenhauer, der Menschenkenner und, so scheint mir, der herrlich bissige Satiriker, bringt die Sache stets auf den Punkt. Lassen Sie sich bloß zwicken!
Kunstgriff 8 [Zum Stier werden lassen]
»Den Gegner zum Zorn reizen: denn im Zorn ist er außer Stand, richtig zu urteilen und seinen Vorteil wahrzunehmen. Man bringt ihn in Zorn dadurch, daß man unverhohlen ihm Unrecht tut und schikaniert und überhaupt unverschämt ist.«
Kunstgriff 9 [Ständig die Spur wechseln]
»Die Fragen nicht in der Ordnung tun, die der daraus zu ziehende Schluss erfordert, sondern in allerhand Versetzungen: er weiß dann nicht, wo man hinaus will, und kann nicht vorbauen; auch kann man dann seine Antworten zu verschiedenen Schlüssen benutzen, sogar zu entgegengesetzten, je nachdem sie ausfallen.«
Kunstgriff 14 [Wer schreit, hat Recht]
»Ein unverschämter Streich ist es, wenn man nach mehreren Fragen, die er beantwortet hat, ohne dass die Antworten zu Gunsten des Schlusses, den wir beabsichtigen, ausgefallen wären, nun den Schlusssatz, den man dadurch herbeiführen will, obgleich er gar nicht daraus folgt, dennoch als dadurch bewiesen aufstellt und triumphierend ausschreit. Wenn der Gegner schüchtern oder dumm ist, und man selbst viel Unverschämtheit und eine gute Stimme hat, so kann das recht gut gelingen.«
Kunstgriff 22 [Den Boden unter den Füssen wegziehen]
»Fordert er, daß wir etwas zugeben, daraus das in Streit stehende Problem unmittelbar folgen würde; so lehnen wir es ab, indem wir es für eine petitio principii* ausgeben; denn er und die Zuhörer werden einen dem Problem nahe verwandten Satz leicht als mit dem Problem identisch ansehn: und so entziehn wir ihm sein bestes Argument.«
*Eine petitio principii (lateinisch: Inanspruchnahme des Beweisgrundes) oder Beweiserschleichung ist logisch ein Fehlschluss; und zwar ein Beweis, der logisch deshalb fehlerhaft ist, weil er das, was erst noch bewiesen werden soll, bereits in den Voraussetzungen des Beweises als gültig unterstellt.
Kunstgriff 29 [An der Nase herumführen]
»Merkt man, daß man geschlagen wird, so macht man Diversion: das heißt, man fängt mit einem Male von etwas ganz anderm an, als gehörte es zur Sache und wäre ein Argument gegen den Gegner. Dies geschieht mit einiger Bescheidenheit, wenn die Diversion doch noch überhaupt das thema quaestionis betrifft; unverschämt, wenn es bloß den Gegner angeht und gar nicht von der Sache redet.«
Kunstgriff 31 [Den Esel geben]
»Wo man gegen die dargelegten Gründe des Gegners nichts vorzubringen weiß, erkläre man sich mit feiner Ironie für inkompetent: »Was Sie da sagen, übersteigt meine schwache Fassungskraft: es mag sehr richtig sein; allein ich kann es nicht verstehn, und begebe mich alles Urteils.« — Dadurch insinuiert man den Zuhörern, bei denen man in Ansehn steht, dass es Unsinn ist.«

Quellen und Links:
[1] Gracián, Balthasar: Hand-Orakel und Kunst der Weltklugheit, Merkspruch 3, 1647.
[2] Goethe, Johann Wolfgang von: Faust, I, 2565-66
[3] Sposel, Rudolf: Beweis und beweisen in Rhetorik, Sophistik und Rabulistik, 2003.
Neumann, Robert: Die Kunst recht zu behalten. In: ZEIT Online 38/1964 S. 10
Stangl, Werner: Umgang mit Killerphrasen — Eristische Dialektik
