Glück: Leben im ersten Quadranten
Text: Wolff Horbach
Es gibt viele Methoden, Menschen und ihre Lebensstile zu charakterisieren, zu kategorisieren und visuell darzustellen. Wolff Horbach entwickelte mit den Lebensstil-Quadranten eine Darstellungsart, die einfach und eingängig ist und sich gut zur Bestimmung seines eigenen Lebensstils eignet.
Die meisten Menschen sind geprägt durch ihre Einstellung zur Gegenwart und Zukunft. Angeregt durch eine Idee des Harvard-Professors Tal Ben-Shahar in seinem Buch Happier lassen sich vier Lebensstile erkennen und in einem Diagramm darstellen:
Gemäß guter mathematischer Tradition ergeben sich durch die beiden Achsen vier Quadranten. Die horizontale Achse kennzeichnet die Gegenwart mit einer positiven Erwartung (+) nach rechts und einer negativen Erwartung (-) nach links. Die vertikale Achse kennzeichnet die Zukunft mit einer positiven Erwartung (+) nach oben und einer negativen Erwartung (-) nach unten.
Wie in der Mathematik befindet sich der I. Quadrant oben rechts, die anderen folgen entgegen dem Uhrzeigersinn. Ich möchte mit dem II. Quadranten beginnen und mir den I. Quadranten für den Schluss aufheben.
II. Quadrant: Der Verzichts-Stil
Ein Mensch, der hauptsächlich im II. Quadranten lebt, ist durch folgende Einstellungen geprägt: Er erwartet von der Zukunft Positives (+) und ist dafür bereit, die Gegenwart zu opfern (-). Hier ist nicht der kurzfristige, manchmal sinnvolle Verzicht gemeint, den wir im I. Quadranten wiederfinden werden, sondern ein Aufopfern für die Zukunft.
Hier finden wir auch die Karrieristen und Workaholics. Sie klotzen rein, sie scheffeln Geld, sparen, investieren alles in die Zukunft. Sie verzichten auf eigenes Vergnügen und sorgen dafür, dass es die Kinder einmal besser haben. Auch der Mensch, der die Welt als Jammertal empfindet, viele irdische Prüfungen über sich ergehen lässt, in der Hoffnung, nach dem Tode das Paradies vorzufinden, lebt im II. Quadranten.
»Die Lebenszeit ist endlich.«
Leider übersehen die Menschen im II. Quadranten etwas sehr Wichtiges: Die Lebenszeit ist endlich. Momente, die man JETZT verpasst, lassen sich in der Zukunft nicht mehr herbeizaubern. Vorbei ist vorbei. Und noch etwas anderes blüht den Verzichtsmenschen: Sie riskieren Gesundheit und freundschaftliche Beziehungen, weil ihnen Karriere, Arbeit und Geldverdienen wichtiger sind. Herzinfarkt, Burnout und Depressionen sind vielleicht nicht typisch für den Verzichts-Stil, kommen aber leider immer häufiger vor.
Quadrant-II-Menschen tun gut daran, sich einmal mit älteren Menschen zu unterhalten. Kaum jemand bereut, geheiratet oder ein Haus gebaut zu haben. Aber viele bereuen, nicht als junger Mensch mit dem Rucksack in fernen Ländern gewesen zu sein oder sich mal etwas Verrücktes getraut zu haben.
III. Quadrant: Der Nihilismus-Stil
Sofort ist erkennbar, dass das Leben im III. Quadranten am wenigsten erstrebenswert ist. Der Nihilist sieht die Gegenwart negativ (-) und erwartet auch von der Zukunft nichts Positives (-). Trotzdem gibt es erstaunlich viele Menschen, die diesen Lebensstil nicht wissentlich anstreben, aber dennoch täglich praktizieren.
Vielleicht liegt das an der erlernten Hilflosigkeit, die der amerikanische Psychologe Martin Seligman entdeckte. Wenn Menschen in einer Umgebung groß werden, die ihnen ständig suggeriert, dass sie nicht in der Lage sind, etwas zu tun — Du bist zu klein, zu arm, zu jung, zu alt, … —, dann wird die Hilflosigkeit zum Lebensstil. Auch wenn es später zahlreiche Möglichkeiten zur Veränderung und Verbesserung gibt, verharrt der Hilflose in der Starre. Es ist wie mit dem Vogel, der schon seit Jahren im Käfig lebt: Steht die Tür plötzlich auf, fliegt er nicht weg, weil er nichts anderes kennt, als den vertrauten Käfig.
Für den Nihilisten plätschert das Leben einfach so dahin. Freudlos. Ohne Aussicht auf Besserung. Die einzige Hoffnung, ihm die bleibt: Ich werde mich schon irgendwie durchschlagen.
IV. Quadrant: Vergnügungs-Stil
Gegenüber dem Leben im III. Quadranten sieht der Stil des Vergnügten doch richtig erfreulich aus. Er sieht die Gegenwart sehr positiv (+), die Zukunft ist ihm aber ziemlich egal oder er erwartet von ihr nichts Gutes (-). Der Vergnügsame lebt das Leben in vollen Zügen, feiert gerne und ausgiebig, schlemmt, lässt die Puppen tanzen und lässt nichts anbrennen.
»Leider liegen zwischen Un-Tat und Wirkung
meistens viele Jahre.«
Es spricht eine Menge für das Genießen im Jetzt. Leider aber übersieht auch der Vergnügungssüchtige einige wesentliche Dinge. Es mag zwar jetzt der Alkohol gut schmecken, und der Kater kommt ja erst morgen früh. In der Jugend steckt der Körper eine Menge weg, aber er vergisst die vielen Zigaretten nicht. Wer ungesund lebt, sich nicht genügend bewegt, erhält irgendwann die Quittung dafür. Leider liegen zwischen Un-Tat und Wirkung meistens viele Jahre. Wenn der Vergnügungstyp die Auswirkungen spürt, ist es zwar nicht immer zu spät, aber auch nicht mehr auf Null zurückzudrehen.
Der Mensch mit Vergnügungsstil lebt auf Kosten der Zukunft. Das kann individuell sein, wie der Junkie, der jetzt seinen Schuss Heroin braucht; Hauptsache, er ist jetzt high, auch wenn er in ein paar Jahren ein Wrack ist oder tot. Der Vergnügungs-Stil kann aber auch kollektiv gelebt werden, als wären Erdöl, saubere Luft und Edelhölzer in unerschöpflichen Mengen vorhanden.
I. Quadrant: Glücks-Stil
Dieser Stil liegt mir am meisten: Ich möchte den heutigen Tag genießen, aber nicht auf Kosten der Zukunft. Ich sehe die Gegenwart positiv (+) und erwarte ebensolches von der Zukunft (+). Ich trinke gerne mit dem Vergnügungstyp aus dem II. Quadranten ein Glas Wein oder auch mal ein ganze Flasche. Aber das unter Jugendlichen so beliebte Koma-Saufen kommt nicht in Frage, weil ich auch morgen noch einen schönen Tag haben möchte.
»Ich übe ein wenig Verzicht, der aber gar nicht weh tut.«
Ich gehe gerne mit einem Gourmet in ein Bistro oder gutes Restaurant und genieße beste Speisen. Dabei ist mir die Qualität wichtig und nicht die Quantität. Ich verzichte gerne auf das Dessert, damit ich mich auch morgen und in Zukunft noch gut bewegen kann. Eine gute Figur ist mir wichtiger als der 4. Gang. Genug ist genug. Hier übe ich ein wenig Verzicht, der aber gar nicht weh tut. Die Nachhaltigkeit meines Körpergewichtes und meine Beweglichkeit sind mir eben wichtiger als ein kurzfristiges Vergnügen.
Ich arbeite gerne an Zukunftsprojekten, möchte aber auch heute schon bei der Arbeit Freude haben. Dabei machte ich vielfach die Erfahrung, dass die Zusammenarbeit mit Menschen, die man mag, großes Vergnügen bereitet und man gerade dadurch zu erstklassigen Ergebnissen kommt.
Ich kann durchaus einmal für ein paar Tage zum Workaholic werden und bei einem Projekt reinklotzen. Aber das hat Grenzen. Ich vermeide jeden Stress, weil dieser gesundheitsschädlich ist und meistens auch die Arbeitsergebnisse negativ beeinträchtigt. Herausforderungen ja — Stress nein!
Erfolge — auch Arbeitserfolge — sind wichtig. Und das Feiern über einen Erfolg ist ebenso wichtig. Das Leben besteht aus Rhythmen: Entstehen und Vergehen, Tag und Nacht, Sommer und Winter, Leistung und Ruhen. So ist es mir am liebsten: mit den Rhythmen fließen.
In welchem Quadranten leben Sie?
Vielleicht haben Sie beim Lesen schon überlegt, in welchem Quadranten Sie leben. Falls noch nicht, so prüfen Sie doch bitte einmal: In welchem Quadranten halten Sie sich überwiegend auf? Wechseln Sie schon mal hin und her? Leben Sie im Beruf in einem anderen Quadranten als zu Hause oder in der Freizeit? Oder macht es vielleicht Sinn für Sie, in einen anderen Quadranten umzuziehen? 
Veröffentlicht am 07. August 2008
Kommentare: 1
1. Reto Stauss | 08. August 2008 10:33
Bin auch dabei im ersten Quadranten!