Ist Kreativität erlernbar?
Kreativität scheint allgegenwärtig und die Zauberformel für Erfolg schlechthin zu sein. Wer kreativ denkt und handelt, ist erfolgreich. Gäbe es eine Möglichkeit, Kreativität als Lutschpastillen herzustellen und diese dreimal täglich einzunehmen, wäre der Markt und die Zahl der Abnehmer gigantisch. Aber auch ohne stimulierendes Creativum bildete sich in den letzten Jahren ein riesiger Markt: Bücher, Zeitschriften, Seminare, Workshops, Coachings — für jeden Bedarf findet sich ein passendes Angebot.
»Wir haben die erfolgreichsten Methoden parat, wie man in seinem Hirn neue Fenster einbaut.« — »Eine ebenso effektive wie leicht erlernbare Lernstrategie, die den ganzen Reichtum der Kreativität beinhaltet und den kreativen Prozess elegant verkürzt«. So oder ähnlich lauten die Versprechungen der Autoren, Trainer und Verlage.
Ist Kreativität erlernbar? Martin Orth und Oliver Sefrin, Redakteure von Deutschland Online, befragten drei Professoren bekannter deutscher Kunsthochschulen. Hier sind die Antworten:
Volker Albus, Professor für Produktgestaltung, Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe:
»Erlernbar ist Kreativität kaum; sie ist einem gegeben oder eben nicht. Allerdings gibt es sehr unterschiedliche Facetten der Kreativität, die es zunächst zu entdecken und, in einem anschließenden Prozess, zu trainieren und zu entwickeln gilt. «
Thomas Rempen, Professor für Kommunikationsdesign, Folkwang Hochschule, Essen:
»Man kann eigene Wege zu kreativen Lösungen üben. Auch der gute Stil der Überzeugung, das unterhaltsame Element, die Bemühung um Schönheit können studiert werden. Kreativität ist nicht erlernbar insofern, als man anerkennen muss, dass zu dem, was man als große Kreativität bezeichnen möchte, nicht nur der rechte Sinn gehört, sondern auch der gerechte Irrsinn. «
Axel Kufus, Professor für Entwerfen im Design, Universität der Künste, Berlin:
»Kreativität sehe ich als Mut und Tat zur Veränderung. Das Vermögen zu fragen und zu suchen wie auch zu finden oder, wenn nichts zu finden ist, zu erfinden. Das erfordert Aufmerksamkeit und Sensibilität für das Nebensächliche, aber auch Lust, fantasievoll zu spekulieren. Um dieses Wechselspiel zu lernen, starten wir immer wieder Projekte, die die Studierenden herausfordern. « [1]
Einen umfassenden, lesenswerten Aufsatz zu unserer Frage, ob Kreativität erlernbar sei, verfasste Karl-Heinz Brodbeck, Professor an der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt, bereits 1998 [2].
Der Begriff der Kreativität beruht auf Missverständnissen: Die Genie-These, Kreativität sei nur den von Musen geküssten Menschen vorbehalten, leugnet, dass in jedem Menschen diese Eigenschaft, ein kreatives Potenzial innewohnt. Und dann die Meinung, Kreativität sei mit technischen Mitteln herstellbar.
Wenn wir das Ergebnis einer Handlung als kreativ bezeichnen, so erkennen und bewerten wir meist den ökonomischen Erfolg, beispielsweise eines neuen Produkts. Auch herausragende Leistungen in Kunst und Wissenschaft, die neue Wege aufzeigen, belegen wir mit diesem Attribut.
Allerdings kommen neue Gedanken häufig erst gar nicht zur Entfaltung, weil diese durch die tradierten Maßstäbe einer Selektion zum Opfer fallen. Manche Ideen werden nicht ernst genommen, weil der gerechte Irrsinn darin nicht erkannt oder verkannt wird. Dabei zeigen viele Ideen ihre Bedeutung und Wirksamkeit erst nach einer gewissen Reifezeit, einem Prozess der Entwicklung und Veränderung.
Kreativität bedeutet nicht nur, unser Denken in eine bestimmte wirtschaftliche oder auf Leistung getrimmte Richtung zu lenken. Emotionen, Wahrnehmungen und Bewegungsmuster einer Person spielen eine ebenso wichtige Rolle und sind unsere wahren inneren Impulsgeber. Daraus ergibt sich ein Bild von uns selbst — unser Fühlen, unsere Fähigkeiten und unsere körperliche Haltung prägen dieses Bild.
Kreativität ist in diesem Sinne ein Blick auf unsere Gewohnheiten, Routinen und Denkmuster, die unser tagtägliches Handeln und damit unser Leben bestimmen. Vor allem die unbewussten Denkmodelle steuern die Wahrnehmung auf neue oder erfolgreichere Wege. Hier müssen wir ansetzen, wenn wir unsere Kreativität beflügeln wollen: Durch Achtsamkeit machen wir uns bewusst, wie wir denken und handeln. Wir verändern so spielerisch unsere Lebenssituationen. Und wir verschaffen uns die Freiheit, kreativ zu sein.
Links:
[1] Orth, Martin und Sefrin, Oliver: Kann man Kreativität lernen? – Drei Professoren bekannter deutscher Kunsthochschulen beschreiben in Interviews ihr kreatives Credo. In: Deutschland-Online, 2009.
[2] Brodbeck, Karl-Heinz: Ist Kreativität erlernbar?
