Sonnencreme: Durchs Ohr in die Nase

Das Vertraute verfremden und das Fremde vertraut machen. Diese dramaturgische Regel ist der Schlüssel zu authentischen, spannenden Texten. Das hörbar zu machen, was man nicht auf den ersten Blick sieht. So entsteht ein ganz eigenes Bild im Kopf.

Es gibt ein Kinderspiel, das für Erwachsene meist schon die Unschuld verloren hat: »Wenn du wählen könntest, wärst du dann lieber blind oder taub?« Und mal kneift dann das Kind die Augen fest zu, während es sich mit den Händen nach vorne tastet oder sich von einem anderen Kind leiten lässt, oder es steckt fest die Finger in die Ohren und versucht nur mit den Augen zu erfassen, was die anderen ihm mitteilen wollen.

Ich erinnere mich noch, wie ich manchmal da lag und überlegte: Wenn ich jetzt nicht mehr hören könnte, dann könnte ich doch zumindest alles sehen — und zum Sprechen gäbe es immer noch die Gebärdensprache. Ich könnte mich also verständigen. Vogelzwitschern gäbe es nicht mehr, das wäre schade, auch Musik, nicht singen zu können oder Gitarre zu spielen. Doch immerhin hätte ich noch die Farben: Die Sonne, wie sie durch die Blätter eines frühlingsgrün belaubten Baumes fällt, die rosa und orange gefärbten Wolken mit dem blaugrauen Streifen in der Mitte, wie sie am durchscheinenden türkis und hellblauen Abendhimmel dahintreiben, vor einem gelb-metallisch glitzernden Wattboden an der Nordsee.

»Mir hätte nie jemand erklären können,
was zum Beispiel rot ist.«

Noch höhere Einbildungskraft brauchte ich um mir vorzustellen, ich sei bereits von Geburt an blind oder taub gewesen. Dann hätte ich ja nicht gewusst, was ich vermisse. Mir hätte nie jemand erklären können, was zum Beispiel rot ist — denn allein schon das Konzept einer warmen Farbe hätte mir ja nichts gesagt. Vielleicht wäre es nicht so schlimm gewesen, weil ich ja noch den fernen Ruf des Kuckucks im Mai hätte hören können. Das Rauschen des Windes hoch in den Wipfeln eines Buchenwaldes, selbstgemachtes Popcorn, wie es gegen den Topfdeckel springt.

Wie auch immer ich es drehte und wendete: Ich konnte mich nicht entscheiden. Ich lag im Sommer im Schwimmbad und träumte mich auf einer kratzigen Wolldecke davon, inmitten kreischender und plantschender Kinder, während mir der Geruch der Pommes in die Nase zog. Wenn meine Mutter mir Geld gab, lief ich selbst zum Kiosk: Erst über den weichen grünen Rasen, dessen Grashalme sich zwischen meine Zehen schoben, dann über die Betonplatten, die gleichzeitig glatt und ein bisschen kratzig unter den Füßen waren, und auf denen sich warme Wasserpfützen bildeten, wenn tropfende Badegäste auf ihnen standen. Neben Grill und Friteuse, Eiswaffeln und Wassermelone roch es nach Chlor, Sonnencreme und nassen Badeanzügen.

Das Gefühl, versehentlich die feuchte Haut anderer zu berühren, war widerlich — seltsamer Weise änderte sich das ein gutes Jahrzehnt später, als wir sechzehn-, siebzehnjährig möglichst eng nebeneinander auf den immer viel zu kleinen Handtüchern lagen und versuchten den besten Platz im Lager zu erkämpfen. Die Haare hingen uns nass in die Augen und die Sinne schwebten nicht mehr in die Ferne, sondern blieben ganz in der Nähe — jetzt dachte ich mit meinen Freundinnen statt übers Sehen und Hören darüber nach, ob Gedankenübertragung und Fernhypnose wohl den Klassenschwarm dazu bringen würden, sich direkt neben eine von uns zu setzen.

Etwa in dieser Zeit muss es gewesen sein, dass ich in einem Magazin etwas über die Einteilung in Hör-, Seh- und Fühlmenschen las. Man könne sie unter anderem daran unterscheiden, wie sie sprechen. Hörmenschen bevorzugten demnach Wendungen wie »Hör mir mal zu« oder »in meinen Ohren«, Sehmenschen sagten gerne Dinge wie »Ansichtssache« oder »schau mal«, während Fühlmenschen Sätze à la »das fühlt sich nicht richtig an« benutzten.

Ich sortierte mich selbst in die Kategorie der Sehmenschen ein, unter anderem weil ich lieber in Theater, Kino oder Galerien statt in Konzerte ging. Ich fotografierte, zeichnete und malte begeistert. Dass ausgerechnet ich selbst meiner Ausdruckspalette die Farben und Formen nehmen würde, hätte ich mir nicht vorstellen können. Mir wurde bewusst, was ich getan hatte, als ich meinen ersten Beitrag fürs Radio machen sollte. Ausgerechnet über eine so stumme Angelegenheit wie eine Lichterkette rund um die Hamburger Alster.

Jahrelang habe ich daraufhin an meinem Ausdruck gearbeitet (wenn auch nicht an diesem ersten Beitrag). Ich habe immer wieder versucht hörbar zu machen, was man nicht auf den ersten Blick sieht. Nicht zu sagen »Der Zug fährt ein« und im Hintergrund hört man tschtschtsch tuuu tuuuu. Das Banale zu vermeiden, eine zusätzliche Ebene einzuziehen. Nicht das Hintergrundgeräusch — die Atmo — benutzen, an das man als erstes denkt, sondern das, das außerdem da ist, das jeder kennt, das aber ein ganz eigenes, zusätzliches Bild im Kopf erzeugt.

»Der Blick auf die Details lässt authentische Szenen entstehen.«

Im Englischen gibt es dazu die Dramaturgie-Regel von T.S. Elliot: Make the familiar strange, and the strange familiar — das Vertraute verfremden und das Fremde vertraut machen. Praktisch heißt das, nicht das erste Bild zu verwenden, das einem einfällt. Der Blick auf die Details lässt authentische Szenen entstehen. Der Wassertropfen, der über die flaumigen Haare in die Ellenbogenbeuge rinnt; das Geldstück, das in zwei Metern Tiefe auf dem Beckenboden liegt und mit den Lippen hochgeholt werden muss. Das fiese Ziehen im Mund, wenn man beim Picknick versehentlich auf die Alufolie beißt.

Für ein Hörstück bedeutet das, nicht das erstbeste Geräusch zu verwenden, das einem in den Kopf kommt. Wenn jemand nach dem Regen auf der Terrasse sitzt, ist da sicher nicht nur das Tropfen vom Balkon über ihm. Sondern auch der Gesang der Amsel auf dem Giebel. Vielleicht ein Sonnenschirm, der aufgekurbelt wird. Ein nasser Stuhl, den man abwischen muss. All diese Dinge kann man hören; und ohne dass es uns bewusst ist, sind so viele Geräusche und Töne in uns abgespeichert, die wir genau zuordnen können, wenn wir wissen, wo die Szene spielt. Jeder kennt dieses Phänomen, wenn man zuhause sitzt und etwas knackt: Wir selbst erschrecken nur, wenn es ein ungewohntes Knacken ist. Das hauseigene Rauschen, Knistern oder Türenquietschen ist uns vertraut, während es uns in fremder Umgebung unruhig macht.

Noch enger mit Situationen und Orten verbunden sind Gerüche: feuchtes Laub, eine gerade ausgepustete Kerze oder eine frisch aufgeschnittene Ananas. Der Duft von Sonnencreme war für mich allerdings nur so lange fest mit dem Schwimmbad verbunden, bis ich zum ersten Mal im Ski-Urlaub war: Lange danach noch erinnerte er mich plötzlich nicht mehr an die kalte Dusche, bevor man ins Becken springen darf, sondern an den Sessellift. In ihm saß ich bei dickstem Nebel eingekuschelt neben meinem Freund, während wir durch die Wolkendecke hindurch zur sonnigen Piste hinaufgetragen wurden. fini

3. Juli 2008 | | , , ,