Impulse

Das ästhetische Konzept »Wabi Sabi«

Text: Joachim Zischke

»Wabi Sabi« ist ein aus Japan stammendes Konzept, das auf Einfachheit, Bescheidenheit und Beschränkung beruht. Das Prinzip können wir sehr gut auf verschiedene Bereiche der visuellen Information, beispielsweise des Vortrags oder der Präsentation, anwenden.

»Der Zen-Mönch Sen no Rikyu wollte den Weg des Tees lernen und suchte daher den Teemeister Takeno Joo auf. Der Meister befahl Rikyu, den Garten zu säubern. Rikyu machte sich sofort eifrig an die Arbeit. Er rechte den Garten, bis der Boden in perfekter Ordnung war. Als er fertig war, betrachtete er seine Arbeit. Dann schüttelte er den Kirschbaum, so dass ein paar Blüten wie zufällig zu Boden fielen. Der Teemeister Joo nahm Rikyu daraufhin in seine Schule auf.«

Diese Anekdote führt uns zu dem aus Japan stammenden, ästhetischen Konzept des Wabi Sabi. Das Konzept ist keine Kunstrichtung, sondern eine eng mit dem Zen-Buddhismus verbundene Art und Weise, Dinge wahrzunehmen: eine hochentwickelte Kultur des Imperfekten, Unbeständigen und Unvollständigen, die sich durch Schlichtheit, Einfachheit und Selbstgenügsamkeit auszeichnet. Zugunsten innerer Werte wird auf äußeren Prunk und Zier verzichtet. Man könnte Wabi Sabi auch eine Philosophie der Bescheidenheit und der Konzentration auf das Wesentliche nennen.

Was hat nun Wabi Sabi mit der visuellen Information und unserer Wahrnehmung zu tun? Betrachten wir zunächst einmal, wie wir Informationen aufnehmen und unser Gehirn sie nutzt.

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Wabi Sabi: Beauty in Imperfection | © Philippa K. Lack

Sehen und Verstehen

Wir Menschen sind Augenmenschen. Wir nehmen über das Auge unzählige optische Informationen zur gleichen Zeit wahr. Unser Gehirn verarbeitet diese dann sehr schnell. Das gelingt aber nur optimal, wenn die Information gehirngerecht aufbereitet ist. Was bedeutet hier gehirngerecht?

Wir wissen, dass der Mensch die Welt, in der er sich bewegt, bildhaft aufnimmt und in seinem Gehirn in Mustern abspeichert. So lesen wir nicht jeden einzelnen Buchstaben eines Wortes, sondern wir sehen das Wort als Bild und unser Gehirn versucht, das Muster in ähnlichen, bereits gespeicherten Mustern wieder zu erkennen. Erkennt das Gehirn ein bildliches Muster, erfolgt die Weitergabe an ein logisches Zentrum, das dann versucht, einen Sinn aus dem Erkannten zu entnehmen. Je mehr unbekannte Begriffe, Zusammenhänge oder Formeln textlicher Art auf unser Gehirn einströmen, umso mehr steigt die Zahl der Regressionen, der Rücksprünge zum Wortanfang, um sich der Bedeutung des Wortes zu vergewissern.

Es fällt uns trotz erlernter und anerzogener Lesefähigkeit schwer, das geschriebene Wort in unserem Gedächtnis zu behalten. Noch mehr Mühe bereitet es uns, eine Folge von unbekannten oder ungewöhnlichen Wörtern zu erfassen. Denn wir können uns nur das merken, was wir zuvor tatsächlich verstanden haben.

Kurzzeitgedächtnis und Informationseinheiten

Das Kurzzeitgedächtnis des Menschen, wie übrigens auch das des Hundes, kann ein Bild für etwa drei Sekunden zwischenspeichern. Danach wurde die Information entweder ins tiefere Bewusstsein aufgenommen oder aus dem Gedächtnis gelöscht. Unser Gedächtnis kann zwar eine unbegrenzte Menge an Informationen speichern, allerdings steht uns immer nur eine begrenzte Menge an Informationseinheiten aktiv zur Verfügung: Maximal sieben (plus/minus zwei) Elemente können wir auf einen Blick gleichzeitig erfassen, erkennen und zu einer logischen Einheit im Gehirn zusammenfassen. Vielleicht zählen deshalb die Aborigines 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7 – viele!

Exkurs: Ein visuelles Modell für kognitive Affordanz

Affordanz: Eigenschaft in der Gestaltung eines Objekts oder einer Umgebung, die beim Benutzer ein bestimmtes, intuitives Verhalten hervorruft.
Da unser Kurzzeitgedächtnis nur 7 ± 2 Informationseinheiten aufnehmen kann, sind wir in unseren Fähigkeiten eingeschränkt, komplexe Zusammenhänge von Konzepten, Argumenten oder Problemen auf einen Blick zu erfassen.
Spezielle Affordanz-Diagramme sind ein ideales Werkzeug zur Visualisierung konzeptionell-komplexer Probleme. Sie besitzen die Eigenschaft, viele Objekte und ihre Relationen simultan darzustellen. Diese Diagrammart bietet zudem eine mnemonische Unterstützung, komplizierte Aufgaben- oder Problemstellungen besser zu verstehen und sich leicht zwischen verschiedenen gedanklichen Ansätzen zu bewegen.

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Cognitive Affordances of Visual Models | © Idiagram Marshall Clemens

Einfach, konzentriert und metaphorisch

Kehren wir zurück zum Prinzip des Wabi Sabi, das uns die Beschränkung auf das Wesentliche lehrt, und erfahren wir, wie wir es in der Praxis anwenden könnten.

Vortrag

Halten wir einen Vortrag, werden unsere Worte umso eher im Gedächtnis unserer Zuhörer verankert, je weniger Informationseinheiten wir in einer zeitlichen Spanne präsentieren. Nicht die Methode viel hilft viel, sondern die Konzentration auf das Wesentliche führt zu einem besseren Verständnis. Je mehr wir ein mögliches Wissen der Zuhörer in unserem Vortrag berücksichtigen, desto besser kann unser Publikum einen Sinnzusammenhang erkennen und unseren Ideen folgen.

Präsentation

In einer Präsentation würden wir darauf achten, die Anzahl der Folien der Geschwindigkeit unseres Sprechens und der Aufnahmefähigkeit unserer Zuhörer anzupassen. Schiere Masse, Unordnung oder auch übertriebene Gelehrsamkeit behindern die Wahrnehmung und ersticken das Verstehen. Einfachheit, Bescheidenheit und Beschränkung auf das Wesentliche hingegen führen zu einer klaren und direkten Aufnahme.

Metaphern

Metaphern könnte man als das i-Tüpfelchen beim Austausch von Informationen bezeichnen. Metaphern erschaffen Bilder in uns, die ein visuelles Denken stattfinden lassen und erst in der Folge an der sprachlichen Oberfläche sichtbar werden. Eine Metapher stellt ein Problem in einem anderen Zusammenhang bildlich dar und zeigt zugleich die Möglichkeit einer Lösung auf. Wer eine Metapher anbietet, veranlasst den Zuhörer, über einen Zusammenhang oder ein Geschehen in Form von etwas anderem, zumeist Bekanntem, nachzudenken und zu neuen Einsichten, ja, zu einer neuen Art des Denkens zu kommen.

Wabi Sabi — ein mächtiges Konzept für besseren Informationsaustausch. fini

Literatur:
Juniper, Andrew: Wabi Sabi. Edle Einfachheit als höchste Tugend, 2003.
Kurz, Ingrid: Simultandolmetschen als Gegenstand der interdisziplinären Forschung; Wien, 1996.
Koren, Leonard: Wabi-sabi für Künstler, Architekten und Designer Japans, 2004.
Seleskovitch, Danica: Der Konferenzdolmetscher: Sprache und Kommunikation; Heidelberg, 1988.
Weidner, Christopher A.: Wabi Sabi – Nicht perfekt und trotzdem glücklich, 2007.

Veröffentlicht am 03. Juli 2008

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