Gute Kommunikation als kreativer Akt. Endlos
Text: Sabine Raiser
Gute Kommunikation verhindert Leid. Zumindest mindert sie Ärger. Das ist schon sehr viel. Und wer wünscht sich das nicht? Was aber ist gute Kommunikation und wie kommen wir dahin? Können wir sie wie eine Fremdsprache lernen? Ist sie eine Gabe? Oder beides? Sicher ist, dass gute Kommunikation vor allem ein immer währender kreativer Akt ist und aus dem inneren Wissen um das vielfältige Selbst genährt wird.
Kommunikation ist gut, wenn sie Ziel führend ist. Dabei ist es zunächst ohne Belang, ob diese Ziele redlich sind oder nicht. Kommunikation kommt aus dem Lateinischen und hat zwei Bedeutungen. communicare heißt so viel wie mitteilen. Dabei können reine Sachverhalte mitgeteilt werden (der Apfel ist rot), wie auch Gefühle (ich freue mich). Communis, die zweite Bedeutung, steht für Gemeinschaft, was allen gemein ist. Sie fokussiert den integrativen Aspekt. Zugehörigkeit oder Ausgrenzung innerhalb einer Gruppe stehen im Vordergrund; weniger die Botschaft. Es versteht sich von selbst, dass diese Ziele stets individuell sind. Wie sollte also Kommunikation anders als individuell sein?
»Kommunikationsfähigkeit ist ein Talent.«
Kommunikationsfähigkeit ist ein Talent. Wer es nicht hat, kann sie erlernen. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Da gibt es zahlreiche und weitgehend bekannte Tipps & Tricks. Sie kommen von außen, von anderen, die bestenfalls ihr Handwerk verstehen. Sie werden in Verkaufs- oder Kommunikationstrainings angeboten. Wir lernen dabei, wie man eine Präsentation strukturiert, wie wir einen gewinnenden Start und einen konsolidierenden Schluss hinkriegen können, dass wir Blickkontakt aufbauen und den Gesprächspartner nicht unterbrechen sollen. Ebenso wissen wir, dass unsere Argumente unwiderlegbar sein sollten. Das hilft weiter. Ist aber oft nicht genug. Warum ist das so?
Eine Antwort darauf bietet der Aufklärer Immanuel Kant, wenn er sagt: »Widerlegt zu werden, ist nicht so sehr die Gefahr, sondern vielmehr, nicht verstanden zu werden«. Das nicht verstanden zu werden bezieht sich hier weder auf die Komplexität des Themas noch auf die intellektuelle Fähigkeit der Gesprächspartner. Es bedeutet, dass es keine Beziehungsebene zwischen den Akteuren gibt. Oder eine gestörte. Das liegt oft an den mitunter sehr unterschiedlichen Weltsichten, Wahrnehmungen und Werten. Und wer kennt die schon — bei sich selbst, geschweige denn bei den anderen? Und wer macht sich schon auf die Suche danach?
Das geschulte Wissen richtet sich an Gruppen und hat Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Im Guten, wie im Schlechten. Individuelle Kommunikation geht weit darüber hinaus. Die subjektive Ebene ist für die Zielerreichung ebenso wichtig wie die Bereitstellung von Fakten. Wer beispielsweise aus Prinzip keine Fleischklopse in weichen Brötchen mag, wird sich auch nach langer rhetorisch geschulter Darlegung eines überzeugenden Preis-/Leistungsverhältnisses im Vergleich zu anderen Mahlzeiten diesen Fleischklops nicht kaufen. Was immer ihm gesagt wird, er will und wird nicht verstehen. Denn jedes Verstehen würde seine Wahrnehmung, seine Weltsicht und seine Werte erschüttern. Und wer will das schon?
Oder um es mit Schopenhauer zu sagen: »Der menschliche Wille wird allezeit nur durch sein stärkstes Motiv bestimmt. Er ist immer nur die Folge dieser einen Ursache: Der Mensch tut allezeit nur, was er will, und tut es doch notwendig.« Bewusst ist er sich dessen nur selten. Wer oder was steuert ihn also wirklich? Und welche Bedeutung hat die Antwort darauf auf unsere Kommunikation? Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick bringt es auf den Punkt, wenn er sagt, dass nur wer sich selbst in seinem Denken und Tun verstehe, auch den anderen verstehen könne.
»Erkenne Dich selbst.«
Es geht also um das Postulat Erkenne dich selbst. Die Wurzeln dieses Ansatzes sind uralt. Etwa 2.500 Jahre. Sie finden ihren Ursprung im philosophischen Denken. Erkenne Dich selbst lautet die Kernbotschaft. Eingemeißelt in die Tempelsteine von Delphi, verkündet von Buddha in Indien und von Zarathustra in Persien ist sie der Ursprung wirkungsvoller Kommunikation. Zahlreiche Denker wie Nietzsche, Schopenhauer, Kant, Hegel, Fichte, Goethe, Freud, Jung, Sartre griffen diesen Appell auf und vertieften ihn.
Dieser Ansatz der Selbsterkenntnis als Basis für ein erfolgreiches Denken, Kommunizieren und Handeln ist vor allem ein innerer Prozess Das unterschiedet ihn von den Tipps & Tricks. Das macht ihn so wirkungsvoll. Er kommt aus der Erkenntnis unserer primären Treiber. Aus der Erkenntnis dessen, was uns in unserem Tun treibt, wenn wir das eine wollen oder das andere vermeiden. Manchmal auch gegen alle Vernunft. Unsere Fähigkeiten und Vorlieben, unsere Schwächen und Abneigungen werden ebenso deutlich, wie unsere ungenutzten Potenziale und unbewussten Entscheidungen. Kommunikation wird dadurch transparenter und Ziel führender. Unsere eigene und die der anderen.
»Der Erkennende konstruiert das Erkannte selbst.«
Insbesondere durch Kant wurde deutlich, dass das, was erkannt wird, von dem, der es erkennt, maßgeblich abhängt. Denn der Erkennende konstruiert das Erkannte selbst. Und zwar anhand seiner Wahrnehmung, seiner Weltsicht und seiner daraus erwachsenen Werte. Das bedeutet, dass die Wirklichkeit nicht so erkannt werden kann, wie sie an sich ist, sondern nur so, wie sie bei jedem ankommt. Und das ist immer unterschiedlich. Wir erklären uns die Welt nicht, wie wir sie wahrnehmen. Wir nehmen sie wahr, wie wir sie uns erklären können. Das ist oft Ursache von Missverständnissen. Denn Wahrnehmung ist grundsätzlich individuell und damit nicht ohne weiteres teilbar (in-dividuare — nicht-teilbar).
Kommunikation, besonders da, wo es darauf ankommt, ist gut, wenn sie aus der ureigenen Erkenntnis kommt, so bin ich, so wirke ich, so will ich gesehen und so möchte ich verstanden werden. Wer versteht, wie das geht, kann sich besser verständlich machen und hat weniger Ärger. Mit sich selbst und den anderen. Immer öfter. 
Veröffentlicht am 04. Juni 2009