Geh-Wirkungen
Text: Joachim Zischke
Geh-Wirkungen in drei Lebensbereichen
Gehen fördert unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden. Gehen bringt unsere Psyche in Balance. Scheinbarer Müßiggang beflügelt unser Denken, erweckt unsere Kreativität. Dieser gesunde kreativ-inspirative Raum liegt draußen – wir müssen nur aufstehen und hingehen.

Wir sind zum Gehen erschaffen, nicht zum bewegungslosen Sitzen oder Liegen. Gehen ist Bewegung, und nur wer sich bewegt, bewegt auch etwas: seinen Körper, ein Projekt oder Andere. Der Fort-Schritt kommt vom Gehen, nicht vom Stillstehen. So, wie wir gehen, so denken wir. Wer denkt, geht vorwärts – oder auch im Kreis. Viele Dichter und Denker pflegten zu gehen. Nur wir gehen (fast) nicht mehr. Wir sitzen meist vor high tech hinter Glass. Und verlernen dabei, was Gehen für unser Leben bedeuten kann. Es ist Zeit zum Gehen.
1. Lebensbereich: Gehen und Gesundheit
»Heute haben wir uns das Leben derart erleichtert und uns derart befreit, dass wir an der Erleichterung sterben: Herzinfarkt wegen mangelnder körperlicher Betätigung.«
Hans A. Pestalozzi
Für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden brauchen wir nicht nur saubere Luft, reines Wasser, richtige Ernährung, genügend Schlaf und zweckmäßige Körperhygiene und Kleidung. Wir brauchen auch die Bewegung, um gesund zu bleiben. Dabei geht es nicht so sehr um ein kräftezehrendes Training. Ein regelmäßiges und ausdauerndes Gehen genügt bereits. Wissenschaftler der Universität im schwedischen Kalmar ermittelten, dass ein tägliches Gehpensum von ca. zehn Kilometern Übergewicht entgegenwirkt. Bei einer Gehgeschwindigkeit von fünf Kilometern pro Stunde entspricht das ca. zwei Stunden Gehzeit.
Beim Gehen werden Muskelverspannungen und Schmerzen im Schulter-Nacken-Bereich gelöst; das ist besonders für Schreibtischtäter hilfreich. Die Beweglichkeit von Nacken, Wirbelsäule, der Schulter sowie Brust- und Rückenmuskulatur verbessert sich nachhaltig. Und: Gehen bietet auch einen einfachen und wirksamem Schutz gegen Hypertonie und Diabetes.
Wenn Sie jetzt gleich losgehen wollen, auf eines sollten Sie natürlich achten: Das Gehen muss Ihnen Spaß machen. Und daher ist die Auswahl der Strecke und der Umgebung, in der Sie gehen, besonders wichtig: Möglichst weit weg von asphaltierten Straßen und regem Autoverkehr, hin zu den grünen Lungen von Parkanlagen, Wäldern und freien Landschaften.
2. Lebensbereich: Gehen und Psyche
»Das Leben des Menschen liegt nicht im Körper, sondern in der Seele und nicht im Körper und in der Seele, sondern nur in der Seele.«
Leo Tolstoi
Das Diktat der Geschwindigkeit beherrscht unser Leben. Umso mehr wächst der Wunsch, den eigenen Rhythmus und Takt wieder zu finden. Selbstbestimmt über Raum und Zeit zu verfügen. In der uns eigenen Gangart eine Bodenhaftung zu erlangen, die uns zur Ruhe kommen lässt.
»Verlieren Sie vor allem nicht die Lust dazu, zu gehen: Ich laufe mir jeden Tag das tägliche Wohlbefinden an und entlaufe so jeder Krankheit; ich habe mir meine besten Gedanken angelaufen, und ich kenne keinen, der so schwer wäre, dass man ihn nicht beim Gehen loswürde [...] beim Stillsitzen aber, und je mehr man stillsitzt, kommt einem das Übelbefinden nur um so näher [...] Bleibt man so am Gehen, so geht es schon.«
Sören Kierkegard, Brief an Jette, 1847
Im Gehen können wir unsere Balance wieder finden. Gehen ist Psychotherapie pur. Wir verlassen vorgeprägte Muster und konzentrieren uns auf unser eigenes Sein. Im gehenden Unterwegssein halten wir Zwiesprache mit uns selbst, lösen uns von Gedanken, in die wir uns vielleicht verrannt haben. »Beim Gehen habe ich den Eindruck, dass mein Körper spricht« formulierte es der Dichter und Reisende André Velter. So, wie wir neue Landschaften erkunden, erkunden wir unsere Seele neu. Tagträume wechseln sich ab mit Zielen, die wir uns setzen. Gehen bedeutet in der Nähe die Weite spüren, in der Aktivität die Gelassenheit erfahren.
Das Gehen ist auch eine besondere Kommunikationsform. Nicht der Weg ist das Ziel, sondern die Begegnung: mit uns, mit der Natur, mit den Geräuschen, die uns umgeben. Zu einem Gehsinn, der uns leitet, gesellt sich ein Hörsinn und Sehsinn, durch die wir die kleinsten Alltäglichkeiten bemerken und staunen. Staunen drängt zum Erkennen. Wer ins Staunen gerät, will das Staunenerregende genauer kennenlernen. So wird das Staunen zum Schlüssel zu mehr Wissen und Kreativität. Begleiten uns Menschen, schätzen wir den Austausch von Ansichten und Einsichten. Doch auch schweigendes Gehen kann helfen, im Innern eine Bewegung entstehen zu lassen, die Schöpfung und unseren Lebenssinn neu zu erfahren.
3. Lebensbereich: Gehen und Denken
»Wenn ich wüsste, ich müsste, ehe mir ein kluger Gedanke einfällt, fünf Kilometer gehen – wie weit würde ich in meinem Leben gehen?«
Gregor Brand
Wer beim Denken geht, denkt besser. Die Erklärung für diese Aussage vermuten Wissenschaftler im Hippocampus, jener Gehirnregion, die, kaum größer als ein Hemdenknopf, uns Menschen die Wahrnehmung, Erinnerung und damit das Denken überhaupt erst ermöglicht. Das Verblüffende daran: Die Gehirnfunktion arbeitet in einem Takt, der sich durch den Schritt der Beine anregen lässt, allerdings nur, wenn sich die Beine freiwillig bewegen: Das selbst auferlegte Genussgehen schenkt dem Geher, was der erzwungene Dauermarsch dem Soldaten verweigert.
Das Karolinska Institutet in Stockholm berichtet von Forschungsergebnissen, wonach das Einhalten von Rhythmen tatsächlich dazu beiträgt, die Verarbeitungsprozesse im Gehirn besser ablaufen zu lassen. Menschen, die Rhythmen genau einhalten können, zeigen bei Intelligenztests bessere Ergebnisse.
Beethoven komponierte und Goethe textete oder diktierte meist im Gehen. Der Philosoph Descartes beginnt seine Meditationen nach einem langen Spaziergang vor dem Kamin. Für den englischen Dichter William Wordsworth war das Gehen nicht eine Art der Fortbewegung, sondern des Seins. Man schätzt, dass er viele seiner metrisch exakten Verse in tausenden von Meilen auf seiner nur etwa zwölf Schritte großen Terrasse verfasste. Aurel Schmidt, Autor der kultur-historischen Betrachtung Gehen schreibt über das bewusste rhythmische Gehen: Das Gehen geht dem Wort voraus.
Die Angehörigen der aristotelischen Schule bezeichnete man nach dem Peripatos, einer Säulenhalle des Lykeion-Gymnasions, Peripatetiker, weil die Gespräche mit den Schülern beim (oder zum) Denken im Aufundabwandeln dort geführt wurden.
Immanuel Kant wurde schon zu Lebzeiten zur Legende. Sein Tag war penibel getaktet und seine Arbeitsweise einem Regelwerk unterworfen, das er unerbittlich einhielt. Um Punkt sieben Uhr abends brach Kant jeden Tag zu seinem Spaziergang auf. Man sagt, die Leute haben ihre Uhr nach diesem Spaziergang gestellt. Kant wurde damit auch zum Symbol des systematischen Arbeitens, Denkens und einer überaus fruchtbaren Kreativität.
Gehen (und auch das Wandern) ist in unserer modernen Gesellschaft längst vom Nimbus des Hinterwäldlerischen befreit: Philosophen, Soziologen und Zeitforscher erklären das Gehen, ob in freier Landschaft oder im urbanen Raum, zur mobilen Lebenskunst.
Fürwahr: Es muss wohl etwas Besonderes im Gehen liegen. Gehen wir. 
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MF
Veröffentlicht am 01. Mai 2008