Mein Pilgern
Text: Kerstin Hack
Gedanken und Erfahrungen mit dem langsamen Unterwegssein
Eine bewusste Auszeit zu nehmen, weg von der Unruhe des Alltags, von der Reizüberflutung und den Anforderungen und Wünschen anderer Menschen: das kann eine Quelle der Kraft und inneren Ruhe sein. Und der Schlüssel zu ungelösten Aufgaben und Problemen. Kerstin Hack berichtet über ihr ganz persönliches Pilgern und die Methoden, die sie dabei einsetzt.
Zu allen Zeiten waren Menschen im Freien unterwegs: Weltenbummler ebenso wie die Pilger des Mittelalters, Alte wie Junge, Menschen mit oder ohne spirituelle Antennen. Meist, um von einem Ort zum anderen zu kommen, häufig jedoch auch, um sich selbst oder auch Gott zu finden.
Die Bewegung außerhalb der eigenen vier Wände erleben viele Menschen als Möglichkeit, Gedanken zu klären und neue Perspektiven zu gewinnen. Ich bin ein Mensch, der im beruflichen Alltag als selbständige Autorin und Referentin viel bewegt, gestaltet und aktiv ist. Regelmäßige Spaziergänge, meist in der näheren Umgebung meiner Wohnung, bei denen ich nachdenke und zur Ruhe zu komme, sind – neben täglichen Zeiten des Gebetes und der Reflexion – die Quellen aus denen ich Kraft für den Alltag schöpfe. Ich gehe ein- bis zweimal pro Woche und gönne mir mehrmals im Jahr eine ein- oder mehrtägige Reflexionszeit mit sehr langen Spaziergängen.
Die Reizüberflutung eindämmen
Um eine gewinnbringende Zeit der Klärung zu erreichen, ist es für mich wichtig, erst einmal zur Ruhe zu kommen. Ruhe beginnt für mich damit, dass ich bewusst aus dem Raum des Lärms und der Unruhe heraustrete. Das beginnt bereits vor dem Weg nach draußen. Es fällt mir schwer, zur Ruhe zu kommen, wenn mein Tag mit Reizen überflutet war. Deshalb versuche ich, im Alltag Lärm, Beschallung und überflüssige Reize einzudämmen. So gut ich kann, schränke ich auch die Informationsflut ein, indem ich alles Überflüssige an eMails, Werbezuschriften usw. ausfiltere oder abbestelle. Bin ich unterwegs, bleibt das mobile Telefon zuhause. Es ist eine heilige Zeit für mich, in der die Anforderungen, Anfragen und Wünsche anderer Menschen keinen Raum und Platz haben. Ich wähle bewusst Läden, Cafés und andere Orte mit möglichst wenig akustischer Beeinträchtigung aus. Und wenn ich mich auf den Weg mache, suche ich möglichst ruhige und ungestörte Wege.
Heraustreten
Der erste Schritt zur Ruhe ist für mich ein sehr bewusster: Ich schalte ab und wirklich um. Dabei helfen mir einige tiefe, ruhige Atemzüge oder auch bestimmte Atem- und Entspannungsübungen.
Mir hilft es beispielsweise, die Vorbereitungen für das Unterwegssein bewusst zu gestalten: Ich ziehe Jacke und Schuhe an, stecke den Schlüssel ein und schließe die Wohnungstür mit Bedacht ab. Damit signalisiere ich mir: Jetzt beginnt eine andere Zeit. Eine Zeit, in der nicht mehr zählt, was andere von mir erwarten, was ich tun muss, in der auch nicht Arbeit und Geldverdienen im Mittelpunkt stehen, sondern ausschließlich ich als Mensch. Meine Empfindungen, Wünsche, Träume, Gefühle und Enttäuschungen dürfen jetzt ihren Platz einnehmen.
Häufig schwirren mir zu Beginn eines kleinen oder großen Pilgerweges noch unendlich viele Gedanken durch den Kopf. Meist habe ich einen kleinen Notizblock dabei, um Dinge, die ich erledigen muss, kurz aufzuschreiben und sie so besser zur Seite legen zu können.
Dann erlaube ich meinen Gedanken umherzuschweifen. Ich gehe, betrachte die Umgebung, und während ich gehe, werden meine Gedanken immer klarer. Manchmal weine ich, wenn ich verspüre, wie mich etwas bewegt. Zu anderen Zeiten weiß ich plötzlich Das ist der nächste Schritt und ich finde den Schlüssel zu Problemen, für die mir vorher – trotz intensiven Nachdenkens – keine Lösung einfiel. Manchmal passiert beim Gehen auch gar nichts – es klärt sich nichts, ich entdecke keine neuen Gedanken und Lösungen. Es tut mir einfach nur gut, draußen zu sein, Blumen, Pflanzen und schöne Gebäude zu betrachten und mich zu bewegen.
Am Ende eines Spaziergangs sortiere ich noch einmal meine Gedanken: Was ist mir wichtig geworden? Was möchte ich behalten? Und kehre dann wieder bewusst in meinen Alltag zurück: Jetzt bin ich wieder da. Ich bin immer noch ich, aber dennoch ein klein wenig innerlich verändert.
Meine Pilgerzeiten
In jedem Jahr verbringe ich mehrmals eine längere Zeit der Stille – ein bis vier Tage an einem schönen, ruhigen Ort. Aus praktischen Gründen bleibe ich meistens an einem Ort, von
dem aus ich täglich längere Wanderungen unternehmen kann – ich schleppe ungern viel Gepäck mit mir herum. Es werden auch organisierte Pilgerreisen angeboten: Das Gepäck wird dabei von einer Übernachtungsstätte zur nächsten transportiert und man trägt nur das Tagesgepäck mit sich.
Nach dem bewussten Abschied von zu Hause und dem Alltag mache ich mich auf dem Weg. Ich komme an dem Ort, den ich mir für diese Zeit gewählt habe, bewusst an. Ich packe den Koffer aus, gestalte den Raum mit etwas Mitgebrachten. Ich setze mich, trinke in Ruhe etwas und schaue aus dem Fenster. Anschließend erkunde ich in einem kleinen ersten Spaziergang die nähere Umgebung.
Ich erlaube mir dabei, kein Programm zu haben – nicht einmal ein Programm, wie weit ich laufen und kommen will. Wenn mir ein Ort besonders gut gefällt, dann bleibe ich einfach dort, so lange ich will und es mir angenehm ist – etwa an einem Teich oder auf einem Holzstoß, an einem Ort mit schöner Aussicht oder in einer Höhle.
Je öfter ich diese Tage des Unterwegsseins praktiziere, umso leichter fällt es mir, zur Ruhe zu finden, auf mein Inneres zu hören und konzentriert über bestimmte Fragen zu reflektieren. Für mich sind diese stillen Tage die Zeiten, in denen ich meine emotionalen und mentalen Reservoire wieder auffülle, Klärung und Neuausrichtung erlebe. Diese Tage der Stille folgen dem gleichen Muster wie meine kürzeren Wegstrecken; sie unterscheiden sich lediglich in der Dauer, die ich für die einzelnen Abschnitte zur Verfügung habe.
Reflexion
Reflexion ist der Kern meines Unterwegsseins. Ich brauche Zeit, um wahrzunehmen und zu spüren, was war, was ist. Ich wechsele zwischen Zeiten nachdenkender und nachspürender Reflexion,
zwischen Zeiten zusammenfassender und schriftlich fixierter, Gedanken bündelnder Reflexion ab.
Bei der Ausübung dieser Reflexion hilft mir die Hand-Methode. Ich finde es sehr praktisch, die fünf Finger einer Hand stets parat zu haben. Die Methode eignet sich sowohl für eine kurze Blitzreflexion als auch für ein tieferes Nachdenken und Analysieren. Einsetzbar ist sie in unterschiedlichsten Lebenssituationen, etwa nach einem Arbeitstag, einer Begegnung, einer Arbeitssitzung, einer Vorlesung oder nach dem Urlaub.
Wenn ich meine Gedanken und Gefühle mit Hilfe der Reflexionsmethode sortiert habe, kann ich das, was hinter mir liegt, leichter loslassen. Ich sehe klarer, welche Dinge noch offen sind, weiter durchdacht oder bewegt werden müssen.
Reflexion nach der Hand-Methode
- Daumen: Was war gut? Was hat mir an der zurückliegenden Zeitphase (ein Tag, ein Projekt, eine Woche, ein Jahr) gut gefallen und gut getan?
- Zeigefinger: Was will ich mir merken? Was habe ich gelernt? Was ist mir wichtig geworden? Was will ich festhalten?
- Mittelfinger: Was hat mir nicht gefallen? Was stinkt mir? Was war nicht gut? Was lief schief?
- Ringfinger: Was hat mich mit anderen verbunden? Was hat die Verbundenheit mit anderen Menschen gestärkt? Was trug dazu bei, dass ich Menschen nah war?
- Kleiner Finger: Was kam zu kurz? Was hat mir gefehlt? Was hätte ich mir noch gewünscht?
Meine Visionsphase
Ein zentrales Thema, das beim Unterwegssein häufig im Mittelpunkt steht, ist die Frage nach der Vision. Eine Vision ist ein klares Bild dessen, was man gestalten und erreichen möchte. Eine klare Vision geht über allgemeine Wünsche, wie etwa Ich möchte glücklich sein, hinaus. Sie bündelt sich in der konkreten Frage: Was möchte ich mit meinem Leben tun, erreichen, gestalten?
Im Alltag lasse ich mich häufig von vermeintlichen oder tatsächlichen Einschränkungen ausbremsen. Wenn ich unterwegs bin, wird mein Blick weiter: Ich entdecke neue Möglichkeiten, Potentiale, Ideen und beginne zu träumen.
Doch die besten Ideen nützen nichts, wenn sie unerfüllt bleiben. Deshalb überlege ich mir in und nach der Visionsphase auch:
Visionsphase
- Wie kann und will ich das umsetzen?
- Was will ich in meinem Leben anders machen als bisher?
- Was möchte ich konkret erreichen? Wie? Bis wann?
- Wie will ich die Zeit, einteilen und gestalten?
- Wer oder was sind mir besonders wichtig?
- Wer oder was könnten mich bei der Umsetzung unterstützen?
- Was benötige ich dazu?
- Wann beginne ich?
- Welches ist der erste Schritt?
Meine Gedanken und Überlegungen halte ich schriftlich fest, damit ich später, wenn es im Alltag an die Umsetzung geht, darauf zurückgreifen kann.
Abschied in den Alltag
Nach dieser besonderen Zeit des Unterwegsseins ist es nicht einfach, in den Alltag zurück zu kehren. Ich lese mir meist noch einmal meine Notizen aus dieser Zeit durch und frage mich: Was ist mir in diesen Tagen wirklich wichtig geworden? Anschließend nehme ich aufmerksam Abschied von den Orten und den Wegen, die ich in diesen Tagen berührt habe. Ich genieße den Rückweg als Zwischenzeit: Gutes liegt hinter mir, Gutes liegt vor mir. Wenn ich wieder zu Hause bin, versuche ich, es ruhig angehen zu lassen, langsam auszupacken, anzukommen und die Tage des Unterwegsseins noch etwas nachwirken zu lassen. 
MF
Veröffentlicht am 01. Mai 2008