Tao des Gemeinsamen
Kommunikation ist eine der komplexesten und wichtigsten Fähigkeiten des Menschen. Kommunikation besteht nicht allein in der Weitergabe von sachbezogener Information, vielmehr läuft ein grosser Teil des Austausches in einem Gespräch über den visuellen oder akustischen Kanal in Form von Gesten, Körperhaltung, Mimik, Betonung oder Melodie der Sprache.
Die Art, wie fernöstliche Lehrsätze sprachlich gestaltet sind, fasziniert mich seit jeher. Insbesondere die klassische chinesische Philosophie des Daoismus (oder Taoismus, Lehre des Weges), welche das ewige Wirk- und Schöpfungsprinzip der Welt im Zusammenspiel von Wandel, Bewegung und gegenseitiger Durchdringung beschreibt, veranlasste mich, einmal spielerisch über eigene Lehrsätze nachzudenken. Zunächst als Denkansatz für Meetings und Workshops gedacht, entwickelte ich eine Struktur, die sich sehr gut für viele Formen der Kommunikation eignet. Tao des Gemeinsamen bildet die gedankliche Grundlage, eine ernsthafte, inspirierende und nützliche Kommunikation durchzuführen.
Die den Merksätzen vorangestellten kurzen Bezeichnungen entsprangen meiner lebhaften Phantasie. Sie sind an das japanische Klangbild angelehnt und sollen die Aussagen stimmungsvoll umkleiden.
»Kai-na — Bestimme einen Ort der Zusammenkunft, den alle deine Gäste bequem und ohne Hast erreichen können.«
Der Ort einer Zusammenkunft, die Räumlichkeit, die Umgebung, all das sollte sorgfältig ausgewählt und für alle Gäste gut erreichbar sein. Die Anreise, mit all den Umständen und Widrigkeiten, die das heutige Leben mit sich bringt, beeinflusst in hohem Maße die Grundstimmung der Gäste. Und als Gäste sollten wir unsere Besucher stets sehen: Wir umsorgen und umhegen sie, wir tun alles, damit das Zusammenkommen erfolgreich wird. So sollten auch die Zeitpunkte des Beginns und Endes eines Treffens wohl überlegt festgesetzt werden, damit der Nutzen der Zusammenkunft seine Wirkung bewahren und entfalten kann.
»Shin — Sorge für Ruhe, Freude und Gelassenheit, denn diese sind dem Lernen nützlich.«
Kommunikation ist auch ein Lernprozess. In jedem Dialog und Diskurs bewegen wir uns auf verschiedenen Ebenen des Lernens: Wir erfahren Neues, Gegensätzliches, Ablehnendes, Zustimmendes. Wir hören Anderen zu, fragen, antworten, bilden uns ein Urteil, erweitern unser Wissen. Das alles gelingt am besten, wenn das Umfeld zum freien Denken und zum kreativen Austausch von Meinungen und Empfindungen einlädt. Der Lärm der Strasse, das Klingeln von Telefonen, ja schon das überlaute Ticken einer Wanduhr können uns davon abhalten, sich entspannt und doch konzentriert einem Thema zu widmen. Ein aufmerksamer Gastgeber berücksichtigt all dies und sorgt für eine freundliche und gelöste Atmosphäre.
»Tago — Zeige als Ziel der Reise nicht auf den Gipfel eines hohen Berges, sondern spreche von einem schattigen, mit Blüten übersäten Baum in der Ebene.
Die Kunst des Vortrags und der Gesprächsführung erfordert nicht nur die positive Gestaltung der Beziehungsebene zu den Zuhörern und Teilnehmern, sondern auch eine geeignete Struktur der Argumentation und die richtige Fragetechnik. Der Mensch lässt sich mehr durch den Drang seines Herzens und der inneren Aufruhr, als durch sein Urteil oder seine Einsicht lenken, bemerkte schon der Rhetoriker Cicero. Indem wir unsere Kommunikation mit bewegenden Erfahrungen, lebhaften Bildern und berührenden Geschichten bereichern, gewinnen wir eher die Herzen unserer Gesprächspartner, als wenn wir nur auf einer rein sachlichen Ebene sprechen würden.
»Ido-ko — Gib keine Rätsel auf, die niemand zu lösen vermag. Wähle einfache Worte, die du in Bilder und Zeichen kleidest.
Mit jemandem zu kommunizieren ist ein singuläres Ereignis, das uns die ungeteilte Aufmerksamkeit eines anderen Menschen schenkt. Es gibt meist keine zweite Chance. Daher strukturieren wir das Thema, das uns berührt, klar und verständlich. Wir packen nur so viel an Information hinein, wie zum Verständnis unseres Anliegens erforderlich ist. Wir visualisieren anschaulich und vergnüglich, denn an eine Sache, die mit Verve und Humor vorgetragen wird, erinnern wir uns später leichter und lieber. Schliesslich pflegen wir als aufmerksamer Kommunikationspartner einen wachen Blick und eine wertschätzende Haltung, die sich in unserer Mimik und Sprache ausdrückt.
»Ayum — Gehst du voran, bemesse deinen Schritt so, dass der Langsamste dir folgen, der Schnellste nicht ungeduldig werden kann.
Ein Vortrag, und auch ein Gespräch, sollten den Zuhörern angemessen sein. Wenn wir nicht sicher sind, über welchen Informations- oder Wissensstand unsere Gäste verfügen, versuchen wir dies zu erfahren, bevor wir mit unserem Anliegen beginnen. In einem Meeting achten wir auf gegenseitigen Respekt, aktives Zuhören, eine wertschätzende Sprache und eine gewisse Kompromissbereitschaft. Wenn wir immer wieder innehalten, anderen zuhören, uns des Gesagten vergewissern, erarbeitete Erkenntnisse hervorheben und versuchen, gemeinsam zu einer Sichtweise zu kommen, erreichen wir einen besonderen Grad der Zufriedenheit und des Erfolgs aus dem Zusammenkommen.
»Atsu — Wenn der Tag sich neigt, begleite deine Gäste zum Tor. Sinne darüber nach, was du von ihnen lernen konntest.
Das Ende unserer Zusammenkunft sollte einen letzten Höhepunkt bereithalten. Bevor wir auseinander gehen, ist es sinnvoll, wenn wir uns an die wichtigsten Erfahrungen und Erlebnisse des Tages erinnern. Wir reflektieren das Gesagte, sprechen über mögliche künftige Aufgaben und verabreden klar definierte Ziele. Und wir betonen, dass dieser Weg ein gemeinsamer Weg ist. 
Linkempfehlung:
Werner Stangls Arbeitsblätter: Kommunikation

Kommentare: 5
1. Ruth Pink | 06. März 2008 09:36
Hallo Joachim,
eine sehr schöne (fernöstliche ) Ergänzung zu den herkömmlichen Kommunikationstheorien. Das Wort “Atsu” (statt Ade oder Adieu) als Abschiedswort gefällt mir besonders gut. Gruß. Ruth
2. Paul Bayer | 06. März 2008 20:46
Hallo Herr Zischke,
danke für diesen schönen Beitrag. Kommunikation ist aber auch gemeinsam Sehen und Handeln. Wenn ich jemand anderem etwas zeige oder ihn etwas fühlen lasse oder mit ihm zusammen etwas mache findet auch eine – manchmal sehr intensive – Kommunikation statt.
Die Japaner denken auch, dass Kommunikation nicht nur mit dem Mund und dem Kopf sondern mit dem ganzen Körper stattfindet. Zum Beispiel in der Teezeremonie wird nicht geredet, aber es findet eine sehr intensive Kommunikation über alle Sinne statt.
Ihr „Tao des Gemeinsamen“ ist ein sehr schöner Gedanke. Wenn es um sinnliche Dimensionen und um gemeinsame Aktionen ergänzt wird, kann es noch gewinnen.
Was denken Sie?
Paul Bayer
3. Joachim Zischke | 07. März 2008 08:23
@Ruth Pink
Ich hatte beim Erfinden des Begriffs Atsu gar nicht an einen Abschiedsgruss gedacht. Deine Bemerkung ist ein wunderschönes Beispiel von assoziativer Kreativität. Das Begriffe-Erfinden ist übrigens bestens für ein Kreativspiel geeignet – das werde ich mir für die nächste DIALOGUS Ausgabe gleich vormerken. Ich erinnere mich in diesen Zusammenhang auch gerne an Dein Monatsnamen-Spiel.
@Paul Bayer
Schönen Dank für Ihren Kommentar, der mich sehr erfreut. Ich stimme Ihnen gerne zu, dass Kommunikation auch mit dem ganzen Körper erlebt wird. Manchmal genügt es ja schon, einfach mit jemandem zusammen zu sein, um, wie Sie schreiben, eine sinnliche Erfahrung zu machen. Leider hatte ich noch nicht die Gelegenheit, an einer Teezeremonie teilzunehmen. Vielleicht haben wir beide ja einmal Gelegenheit dazu. Was halten Sie davon?
Herzliche Grüsse, Joachim Zischke
4. Markus Väth | 07. März 2008 09:42
Hallo Herr Zischke,
vielleicht kann man zu den “westlichen” Kommunikationstheorien folgende Brücke bauen:
Zu den herkömmlichen, bekannten Kommunikationsebenen
verbal
nonverbal
Kleidung
Rolle
etc.
tritt nun noch die
energetische
Ebene hinzu. Auch wenn das zunächst esoterisch klingt, kann man in diesen Begriff (z.B. bei Vorträgen) die Elemente des Tao einbringen. So hole ich die Zuhörer bei meinen Vorträgen und Seminaren ab.
Herzliche Grüße,
Markus Väth
P.S. Eine wirklich gelungene Website.
5. Paul Bayer | 07. März 2008 20:45
Hallo Herr Zischke,
kommen Sie doch mal nach München. Es gibt hier ein Teehaus mit Vorführungen der Teezeremonie. Aber auch sonst sind Sie auf eine Tasse Tee immer herzlich willkommen.
Viele Grüsse,
Paul Bayer