Masken ab oder: Wie man sich neu dem Leben öffnet
Masken wirken meist wie tot. In der Erstarrung und Maskenhaftigkeit sehen wir alle recht ähnlich aus, doch das Lebendige ist bunt und vielseitig, und jeder von uns lebt und wirkt anders. Nur wer von einer Sache auch emotional bewegt ist, kann wirklich etwas bewegen. Das Leben ist viel zu schön, um nicht gelebt, empfunden und gestaltet zu werden.
Am Aschermittwoch sind die Jecken zu beneiden: Die legen einfach ihre Kostüme und Masken ab, verstauen sie für die nächste Saison im Schrank und sind wieder die, die sie vorher waren.
Neben den käuflichen Masken, die wir für einen geringen Geldbetrag bekommen, gibt es auch eine Sorte, die wir uns im Lauf unseres Lebens auf ganz andere Art und Weise erwerben. Masken, die wir uns zulegen, weil wir glauben, im Konkurrenzkampf nicht bestehen zu können, die wir aufsetzen, statt uns authentisch und damit vielleicht auch verletzlich zu zeigen.
Manche Menschen beherrschen die Kunst des Maskentragens so perfekt, dass schon ein kurzes Sichtbarwerden ihrer tatsächlichen Emotionen öffentliches Interesse erweckt. In den Medien lesen wir dann: ” … ihm (oder ihr) entglitten die Gesichtszüge.” Stellen Sie sich einmal die britische Königin vor, die schallend über einen Witz lacht, wie sie eine besondere Delikatesse genussvoll verzehrt oder ihren Ärger über eines ihrer “ungeratenen” Familienmitglieder offenkundig zum Ausdruck bringt. Gewann oder verlor ein Bill Clinton an politischer Kraft, als er sich als Mensch mit seinen Vorlieben für das Saxophon (und schöne Frauen) zu erkennen gab? Ist so etwas denkbar? Dürfen Menschen in exponierten Positionen jenseits ihrer öffentlichen Rolle auch als Menschen mit Vorlieben und Abneigungen erkennbar sein?
Und wie ist es im Geschäftsleben: Können wir es uns dort erlauben, unsere Maske fallen zu lassen? Möglicherweise ist es riskant. Aber es ist weitaus riskanter und der Gesundheit sicherlich nicht förderlich, unsere Kraft und Energie darauf zu verwenden, eine Maske aufrecht zu halten. Stundenlang in ineffektiven Meetings zu sitzen, weil niemand es wagt zu sagen: „Mir reicht’s. Ich empfinde das nicht mehr als gewinnbringend. Können wir keinen anderen Weg finden? Wie wäre die Fortsetzung unserer Arbeit in kleineren Gruppen?“, das ist nicht sehr hilfreich.
»Nur wer von einer Sache auch emotional bewegt ist, kann wirklich etwas bewegen.«
Häufig setzen wir Professionalität mit emotionaler Kälte gleich. Warum tun wir das? Niemand verbietet uns, hervorragende Mitarbeiter nicht nur sachlich für ihre Leistung zu loben, sondern auch emotional zum Ausdruck zu bringen, wie begeistert wir von ihnen sind. Nur wer von einer Sache auch emotional bewegt ist, kann wirklich etwas bewegen.
Ich nehme mir immer wieder Zeit und prüfe, ob und worin ich erstarrt bin. Ich entwickelte dazu einen Fragenkatalog, den ich Ihnen als kleine Hilfestellung anbiete:
Eine Maske sieht nicht. Sehe ich noch – von ganzen Herzen – was um mich herum geschieht? Bin ich so beschäftigt, dass ich nichts mehr wahrnehme?
Eine Maske ist starr. Wo bin ich in meinem Denken und Handeln unbeweglich geworden? Wo verfing ich mich in starren Handlungsmustern?
Eine Maske ist verschlossen. Vor welchen Menschen, Gedanken, Erfahrungen verschließe ich mich?
Eine Maske ist handlungsunfähig. Wo reagiere ich nur noch, statt selbst zu gestalten?
Ergänzend können Sie auch die “3B Methode für Feedback” anwenden:
Beobachten: Was nehme ich wahr? Wo erstarrt mein Körper, wo zeige ich Symptome von Abwesenheit, Distanz usw.
Bedeutung: Wie deute ich das Verhalten/die Körperhaltung?
Bitte: Welchen Wunsch habe ich an mich selbst? Was möchte anders erleben?
Damit wir (wieder) anders handeln, offener und lebendiger reagieren können, empfehlen Neurologen und Psychologen, sich ein inneres Bild vom gewünschten Zustand zu machen. Wir stellen uns beispielsweise vor: Wie sähe es aus, wenn ich nicht mehr mit verspanntem Nacken vor dem Computer säße und wie verrückt auf die Tasten haute, sondern stattdessen entspannt und gelassen meine Arbeit erledigte? Wie wäre es, wenn ich nicht mehr durch die Gänge des Büros hetzte, sondern den Gang eine Stufe herrunter schaltete, die Bilder an den Wänden einmal wahrnähme und auf die Kollegen vielleicht mit einem Lächeln reagierte?
»Woran würden andere merken, ob ich wirklich lebendig bin?«
In der Erstarrung und Maskenhaftigkeit sehen wir alle recht ähnlich aus, doch das Lebendige ist bunt und vielseitig, und jeder von uns lebt und wirkt anders. Hier gibt es keine pauschalen Antworten. Wenn ich mich als lebendig wahrnehme, dann “entschleunige” ich mein Leben automatisch: Ich genieße bewusster, nehme mir Zeit, die Sonne zu sehen. Für andere ist das vielleicht gerade umgekehrt: Sie treten plötzlich intensiv und dynamisch in die Pedale. Weil wir Menschen in unserer Art verschieden und auch unterschiedlich lebendig sind, kann nur jeder für sich selbst überlegen, wie lebendiges Leben für ihn oder sie aussieht. Fragen Sie sich einfach einmal: Woran würden andere – mein Lebenspartner, meine Kinder oder meine Kollegen – merken, ob ich wirklich lebendig bin? Was könnte ich gerade jetzt tun, damit diese Lebendigkeit in mir mehr Raum erhält?
Wer es wagt, selbst lebendig zu sein, kann auch Mitarbeiter und Kollegen zur Lebendigkeit ermutigen: “Frau Müller, mir fällt auf, dass Sie immer mit sehr gebeugtem Rücken vor dem Computer sitzen. Ich vermute, dass Sie das Arbeitspensum sehr stresst. Das finde ich schade. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich ab und zu eine kleine Pause gönnen würden, vielleicht ein paar Takte mit Ihren Kollegen reden.” Oder: “Herr Mayer, in den letzten Sitzungen beobachtete ich immer wieder, dass Ihr Gesicht ganz starr war und sie nichts zu den Themen sagten. Ich weiß nicht genau, wie ich das deuten soll. Denken Sie vielleicht, wir finden Ihre Meinung nicht sinnvoll? Ihre Meinung ist uns wichtig. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich in Zukunft mehr am Gespräch beteiligen und uns wissen lassen, was Sie denken.”
Masken wirken meist wie tot. Sie mögen uns manchmal schützen, aber verhindern doch das Leben. Und das Leben ist viel zu schön, um nicht gelebt, empfunden und gestaltet zu werden.


Kommentare: 2
1. Ruth Pink | 07. Februar 2008 20:56
Ein nachdenklich-stimmender Beitrag über die Masken (oder kann ich auch sagen Rollen?), die wohl viele von uns tragen bzw. einnehmen. Sehr hilfreich finde ich die Fragen im ersten Kästchen (Die Maske sieht nicht usw.). Ich werde sie als Selbstreflexion nutzen
2. Kerstin Hack | 11. Februar 2008 08:52
Herzlichen Dank für den Kommentar. Mich beschäftigt das Thema Masken oder lebendig sein oder eben nicht, sehr stark. Ich erlebe es als Coach und Beraterin häufig, dass Menschen aufgehört haben, zu spüren, wer sie sind und was sie möchten….es macht mir Freude, sie ins Leben zurück zu begleiten. Ich habe auch in meinem aktuellen Buch sehr viel darüber geschrieben. Ich wünsche Ihnen, dass Sie für sich das Leben immer mehr und weiter entdecken und genießen.