Impulse

Die Stille – ein Lebensquell

Text: Joachim Zischke

In unserem modernen Leben wird die Stille zu einer wertvollen und vor allem zu einer seltenen Erfahrung. Verwundert es, dass viele Menschen nicht zu sich selbst oder sich nicht in ihrem Leben zurecht finden? Wir brauchen die Stille, damit das Leben nicht an uns vorüber zieht, ohne dass wir es bemerken.

Gedanken brauchen Stille,
um sich zu entwickeln.
Töne brauchen Stille,
um gehört zu werden.
Die Seele braucht Stille,
um atmen zu können.
Unbekannt

“Heute war ein schlechter Tag”, sagte Jean Baptiste zu mir. “Ich muss nachdenken. Kommst du mit?” Wir folgten einem schmalen Pfad, der gleich hinter seinem Haus begann und steil in den Regenwald aufstieg. Nach einer halben Stunde erreichten wir eine Landmarke, die uns, befreit vom üppigen Immergrün, eine kleine Sitzfläche anbot. “Ich nenne diesen Platz Decision Point“, sagte Jean. Wir setzten uns.

»Wir brauchen einen Punkt in unserem Leben,
wohin wir uns zurückziehen können.«

Vor uns breitete sich das karibische Meer aus, ein spiegelglatter Wackelpudding. Zur rechten Hand ragten die Twin Pitons auf, als wären sie ein Scherenschnitt. Und links unten leuchteten die rostroten Wellblechdächer des kleinen Fischerdorfes. “Hier denke ich nach: über mich, meine Familie und das Leben auf dieser Welt”, fuhr Jean fort. “Und hier treffe ich meine Entscheidungen.” Er schwieg eine Weile, sah gedankenverloren in die Natur. Dann sagte er: “Wir brauchen einen Punkt in unserem Leben, wohin wir uns zurückziehen können. Buchstäblich, nicht nur mit dem Kopf. Unser Körper, unsere Seele, unser Geist müssen Ruhe finden können, sonst ertragen wir das Leben nicht. Und wir brauchen die Stille. Hier ist es still.”

Schweigend blickten wir auf das Meer und sahen der Sonne zu, die rasch dem Horizont entgegen eilte. Ich hatte viele Fragen an Jean, doch ich hielt sie zurück. Ein jeder folgte seinen eigenen Gedanken und Empfindungen. Als der violette Ball schon ins Meer sank, brach Jean schliesslich das Schweigen. “Es ist gut, das es so ist, wie es ist,” sagte er, und sein Gesicht wirkte nun freudig, entspannt und zuversichtlich. Aus seiner Brusttasche holte er eine kleine Flöte hervor und begann darauf zu spielen. Ich glaubte, Debussys La Mer zu hören, aber es war sicherlich Jean Baptistes eigenes Impromptu.

Seit diesem Erlebnis sind mehr als 30 Jahre vergangen. Jeans Lebensart ist mir stets in Erinnerung geblieben. Mehr noch, diese Erfahrung lehrte mich, die Stille bewusst aufzusuchen, um zur inneren Ruhe zu kommen, meine Gedanken zu sammeln und sie neu zu ordnen. Oder einfach nur, um allein zu sein. So gehe ich regelmässig auf Feld- und Waldwegen abseits der breiten Strassen und suche mir einen schönen, stillen Platz, am liebsten mit Ausblick, so dass die Augen weit schweifen und die Gedanken sich frei entfalten können: eine verträumte Bank am Waldrand, einen umgefallenen Baumstamm, einen sonnenerwärmten Felsstein, ja, auch ein Jagdhochsitz dient mir als Refugium.

»Das Leben zieht an uns vorüber,
ohne dass wir es bemerken.«

In unserem modernen Leben wird die Stille zu einer wertvollen und vor allem zu einer seltenen Erfahrung. Verwundert es, dass viele Menschen nicht zu sich selbst oder sich nicht in ihrem Leben zurecht finden? Die akustischen und visuellen Reize, denen wir jeden Tag ausgesetzt sind, führen uns in einen unbewussten Zustand der dauerhaften Unruhe, des inneren Unfriedens und der Unzufriedenheit Kollegen, Ehe- und Lebenspartnern, Familienmitgliedern und uns selbst gegenüber. Sokrates erkannte, dass alle Menschen die tiefen Wahrheiten des Leben eigentlich kennen. Und doch ignorieren wir sie und meinen, wenn wir ständig in Eile sind, reichlich um die Ohren haben und ein 24-Stunden-Tag für unsere Terminkalender noch zu knapp ist, wir wären aktiv, erfolgreich und stünden mittem im prallen Leben. Und nicht selten zieht das Leben an uns vorüber, ohne dass wir es bemerken.

Flüchten wir vielleicht vor der Stille? Stille ist nicht greifbar. Stille hat keine Form. Aber Stille ist spürbar. Denn in der Stille kommen wir zu uns. Wir erfahren vielleicht unangenehme Gefühle, erkennen unsere Versäumnisse, entdecken unsere innere Uneinigkeit. So ist es für manchen Menschen nicht leicht, die Stille auszuhalten. Stille lässt sich dennoch üben.

Hier ist eine Meditation, die Sie einfach und fast überall anwenden können:

Suchen Sie einen Ort auf, wo Sie ungestört sind. Setzen Sie sich einfach eine halbe Stunde lang hin, ohne etwas zu tun oder über etwas angestrengt nachzudenken. Unser Verstand will immer einordnen, bewerten, fragen und nach Lösungen suchen. Versuchen Sie, sich einfach der Stille hinzugeben. Warten Sie entspannt auf die Gedanken, die auftauchen und an Ihre Tür klopfen. Befragen Sie jeden Gedanken und jedes Gefühl: Was willst du mir sagen? Welche Sehnsucht steckt in dir? Wie soll ich auf dich reagieren? Betrachten Sie Ihre Gedanken nicht als Feinde, sondern als Freunde, die Ihnen einen Weg weisen wollen. Greifen Sie dann einen Gedanken auf, der Ihnen zusagt und handeln Sie.

fini

Veröffentlicht am 07. Februar 2008

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