Mut zur Stille
Text: Joachim Zischke
Stille bedeutet Anhalten, Innehalten, Schweigen, Schauen ins eigene Selbst. Stille bedeutet Gegenwart, das Hier und Jetzt bewusst erfahren. Und doch braucht es Mut, Stille zu ertragen und unseren inneren Konflikten gegenüber zu treten.
Kloster auf dem Meteora-Felsen, GriechenlandWer in ein Kloster gehen will, um über das Eigentliche seines Lebens nachzudenken, neue Kräfte zu tanken oder sich auf eine neue Lebensphase vorzubereiten, sollte zwei Dinge in seinem Gepäck haben: die Bereitschaft freie Zeit auszuhalten und den Mut zur Stille.
Was ist Stille? Man könnte sagen: Stille ist die Abwesenheit von Geräuschen. Doch diese Definition ist nicht zutreffend: Es gibt so gut wie keinen Ort auf unserer Welt, wo wir eine vollkommene Stille finden könnten. Gehen wir im Wald, hören wir den dumpfen Tritt unserer Schritte, das Laub raschelt, morsche Äste und Zweige knacken und von irgendwo her ruft ein Vogel. Sitzen wir am Ufer des Meeres, dringt das Gurgeln und Glucksen der Wellen an unser Ohr. Ja, selbst in der Wüste, im Tal einer Sanddüne, vernehmen wir Geräusche, auch wenn es nur das Heulen oder Pfeifen des Windes ist.
Mit Stille verbinden wir eher die Abwesenheit unseres geschäftigen Alltags mit all seinem Lärm, seiner Unruhe und der unablässigen Aktivität. Stille bedeutet Anhalten, Innehalten, Schweigen, Nachdenken, Zur-Ruhe-Kommen, Schauen ins eigene Selbst, Meditieren, Reflektieren. Wir erleben Stille im Rhythmus von Tag und Nacht, im Wechsel der Jahreszeiten. Wir erfahren Stille auch, wenn wir Räume betreten, die der Stille dienen, die sie fördern: ein Kloster, eine Kirche, das Gräberfeld eines Friedhofs, aber auch der Wald oder die Welt der Berge. Stille bewirkt in uns ein Staunen beim Betrachten all der Wunder, die uns umgeben.
»Wo die Stille mit dem Gedanken Gottes ist,
da ist nicht Unruhe noch Zerfahrenheit.«
Franz v. Assisi
Stille bedeutet Gegenwart, das Hier und Jetzt bewusst erfahren, weder zu sehr in der Vergangenheit zu schwelgen, noch sich intensiv mit der Zukunft zu beschäftigen. Es ist eine Art inneres Selbstgespräch. Man könnte Stille auch als Kunst der gegenwärtigen Zufriedenheit bezeichnen. Gelebte und erfahrene Stille arbeitet in zwei Richtungen: sie führt zu sich selbst, aber auch zu anderen Menschen.
Erinnern Sie sich noch? Wir erwähnten zwei Gepäckstücke, die derjenige dabei haben sollte, der sich in ein Kloster zurückziehen möchte: die Bereitschaft freie Zeit auszuhalten und den Mut zur Stille. Auch wenn Sie nicht in ein Kloster, sondern auf die nahen Felder und Wiesen oder in einen Wald gehen wollen, um in der Stille sich selbst zu begegnen: Stille braucht Mut.
Obwohl wir uns auf der einen Seite nach Alleinsein, Ruhe und Kontemplation sehnen, mögen wir uns andererseits davor fürchten, unseren inneren Konflikten und negativen Erfahrungen gegenüber zu treten. Die Ursache ist schnell gefunden: Wir sind es einfach nicht gewohnt, eine gewisse Zeit ohne Geräuschkulisse oder ohne Gespräche zu durchleben. Uns überfällt ein eigenartiges Gefühl, wenn wir tatenlos, nur mit unseren Gedanken beschäftigt, in Stille verharren.
Doch Stille ist kein Grund für Angst: In der Stille liegt eine geheimnisvolle Kraft. Indem wir den Mut aufbringen, uns der Stille zu widmen, erfahren wir eine wundersame Begegnung mit unserem Selbst.
Suche Dir einen Ort, an dem Du nicht gestört wirst.
Schließe die Augen und entspanne Dich.
Töne innerlich das Wort Jesu, Shalom oder Deinen Namen.
Lade das Wort auf mit Hingabe und Liebe zu Gott.
Kehre immer wieder zu diesem Wort zurück, wenn Du abgelenkt wirst.
Halte diese Gebetsübung 20 Minuten einmal oder zweimal am Tag durch.
Folge dieser Gebetsübung auch manchmal mitten im geschäftigen Alltag.Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger

Veröffentlicht am 01. Januar 2009