Erinnerung und Gewohnheit
Alte Gewohnheiten gleichen dem Paar Schuh, von dem man sich, obwohl schon Jahre alt und ausgetreten, einfach nicht trennen kann. Vielleicht, weil sie bequem geworden sind oder weil sich Erinnerungen daran knüpfen. Der Jahreswechsel bietet eine gute Gelegenheit, die Routine kritisch auf den Prüfstand zu stellen.

Erfahren und Erleben
In den 70ern des letzten Jahrhunderts — vielleicht erinnern sich einige von Ihnen daran — gab es einmal die Zeit der Globetrotter: Mit Ruck- und Schlafsack, per Anhalter oder VW-Bully, zogen die Abenteuerlustigen nach Poona, Katmandu oder nach Südamerika. Die Insider-Reiseführer waren von Hand geschrieben, mit lustigen, skizzenhaften Bildern versehen und auf billigem Papier in Schwarz-Weiss gedruckt.
Mich packte die Abenteuer- und Reiselust ebenso und mit Rucksack und Hängematte reiste ich damals in die Karibik. Die Ananasfelder auf Martinique, den Regenwald von Dominica, den aktiven Vulkan auf St. Vincent und natürlich den Karneval in Port of Spain — das alles wollte ich selbst sehen und erleben.
Der Tropenausrüster in Hamburg riet mir zu sandfarbenen, leichten, geschnürten, wadenhohen Lederstiefeln, wegen der Gefahren, die mir von Skorpionen, Schlangen und allerlei anderem Bodengetier drohten. Es waren Stiefel von der Art, wie sie Sven Hedin auf seinen Expeditionen trug, meinte der Experte. Die Stiefel passten exakt, wurden mit jeder gelaufenen Meile bequemer und wuchsen mir buchstäblich an die Füsse. Ich begegnete dann zwar keinen gefährlichen Schlangen oder Skorpionen, erntete aber bei den Waldläufern und angeheuerten Vulkanführern ausnahmslos Bewunderung.
Viele Jahre später bereitete ich eine Tour in die nordafrikanische Wüste vor. Wieder holte ich meine bewährten Expeditionsstiefel hervor, entstaubte und spinnenbefreite sie. Die Stiefel schienen mir schmaler, enger. Oder waren meine Füsse mit den Jahren breiter geworden? Die Schuhe passten dennoch. Ich wanderte mit ihnen auf Sanddünen, stolperte durch riesige Steinfelder und marschierte über endlose Pisten. Die Stiefel trugen mich überall hin, sie wurden Teil meiner Erinnerung, meiner Erfahrungen und Erlebnisse. Würde ich je ohne sie wandern können?
Meine Frau warf die Stiefel irgendwann heimlich auf den Müll. Aber da waren die Absätze schon schief und krumm und die Sohlen durchgebrochen.
Erinnerung und Gewohnheit
Haben Sie vielleicht auch so ein Paar Stiefel oder Schuhe im Regal stehen, die zwar ausgetreten sind, das Leder schon brüchig ist, an denen Sie dennoch mit Fuss und Herz hängen? Seltsam, nicht wahr?
Da hängen wir manchmal an Dingen, an liebgewonnenen Gewohnheiten, an Ideen, auch an Gedanken, die uns tage-, wochen- ja sogar jahrelang begleiten, und wir können uns einfach nicht davon trennen.
Jean Paul, der deutsche Erzähler, bezeichnet die Erinnerung als »das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.« Schön, wenn wir uns innerhalb dieser unsteten Welt noch so ein stilles, eigenes Gebiet bewahren können. Denn in der Erinnerung liegt stets auch ein Stück Hoffnung, »der Regenbogen über dem herabstürzenden Bach des Lebens«, wie Friedrich Nietzsche es formulierte.
Und doch birgt die Gewohnheit für uns eine Gefahr. »Die Gewohnheit ist ein Seil«, schrieb Thomas Mann. »Wir weben jeden Tag einen Faden, und schließlich können wir es nicht mehr zerreißen.« Und je enger und dichter sich die Fäden um uns winden, umso unbeweglicher werden wir, wo doch Mobilität von uns ständig erwartet wird. Was also tun? Hier ein paar Praxistipps:
Stehen Sie morgens nicht mehr zur stets gleichen Zeit auf. Stellen Sie den Wecker mal zehn Minuten früher, mal zehn Minuten später.
Verlassen Sie auch nicht mehr zur gleichen Uhrzeit das Haus. Nehmen Sie zwei U-Bahnen früher oder einen Bus später. Schauen Sie aufmerksam in die neuen Gesichter.
Lesen Sie nicht immer die SZ, wechseln Sie alle vier Wochen einfach mal zur FAZ.
Terminieren Sie Ihre Mitarbeiter-Besprechungen nicht auf Punkt 10 Uhr und warten dann fünf Minuten bis alle eintreffen. Vereinbaren Sie 9 Uhr 43 und alle werden pünktlich sein.
Leihen Sie sich von Sohn oder Tochter die aktuelle CD, setzen Sie sich die Kopfhörer auf und lassen Sie sich überraschen.
Gehen Sie zum Bummeln nicht in die Kaufhäuser, sondern, ganz ungewöhnlich, auf einen Friedhof. Und versuchen Sie, die Geschichte, die Erinnerung in der Ruhe dieses Ortes zu erspüren. Vielleicht empfinden Sie dann wie Salvador Dali: »Am liebsten erinnere ich mich an die Zukunft.«

