Das innere Gesetz des Ichs

Dialogische Gedankensprünge

Aus den Fragen »Wer bin ich? Wenn ja, warum?« entwickeln die beiden Alter Egos des Autors, Fino und Contro, dialogische Gedankensprünge, in denen sie das Ich im Kontext der drei berühmten Kantschen Fragenthemen Wissen, Handeln und Hoffen berühren.

Fino:Oft sind es die kleinen, unerwarteten Entdeckungen, die uns ein bisher unbeachtetes Thema nahe bringen und neue Denkprozesse in Gang setzen.
Contro: Wie kommen Sie darauf?
Fino: Ich ging am Abend durch die Straßen unserer Stadt. Auf einen Bauzaun hatte irgend jemand mit einem Pinsel eine Fragenfolge gemalt.
Contro: Beides ist ungwöhlich: der Ort und die Art der Kommunikation. Konnten Sie aufgrund der Pinselstriche den Pinsel identifizieren?
Fino: Die Striche waren schnell ausgeführt, wie in Eile.
Contro: Bestimmt ein Graffiteur um Mitternacht.
Fino: Das denke ich nicht. Die Schrift hatte Stil, vielleicht eine Unziale.
Contro: Eine Unziale braucht Ruhe und Gelassenheit. An einem nächtlichen Bauzaun, wie denken Sie sich das?
Fino: Sie irren sich. Woher wollen Sie wissen, dass der Schreiber nachts schrieb?
Contro: Dann irre ich mich wohl. Wie lautete die Frage überhaupt?
Fino: Nicht eine, ein Fragenkonvolut.
Contro: Also …
Fino: »Wer bin ich? Wenn ja, warum?«

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Contro: Kant, ganz klar.
Fino: Kant hat derart nicht formuliert.
Contro: Kant stellte stets Fragen, viele Fragen, weil Fragen zum Nachdenken anregen. Haben Sie schon darüber nachgedacht?
Fino: Die Fragen verführten mich im Vorbeigehen zu einem leisen Lächeln.
Contro: Sie können leise lächeln?
Fino: Es war eher ein überraschtes Schmunzeln, ein nach innen gerichtetes Wundern, die Ahnung eines feinen Scherzes.
Contro: Das verstehe ich nicht.
Fino: Der Schreiber konnte diese Fragen doch nicht ernst gemeint haben, gleichwohl sie etwas Philosophisches in sich tragen.
Contro: Ich sage Ihnen: Das studentische Augenzwinkern anlässlich einer nächtlichen Zechtour.
Fino: Der Schreiber ein Student, meinen Sie? Eine imaginäre Botschaft für den Leser?
Contro: Oder ein philosophisch inspirierter Malergeselle.

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Erzähler: In den Wochen nach seiner Bauzaun-Entdeckung wurde Fino Stammleser in Bibliotheken und Großkunde in Buchhandlungen. In seinem Haus füllten sich die Regale mit Aurelius, Montaigne, Nietzsche und Consorten. Aber auch Jeanne Hersch, Hannah Arendt und Karl R. Popper fanden einen Stehplatz. Vielleicht hätte er noch Siddhartha Gautama oder Konfuzius lesen sollen. Er musste schließlich erkennen, dass »des Büchermachens kein Ende ist«, wie es der weise Salomon schon Jahrtausende zuvor ausgesprochen hatte.

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Fino: Warum zerpflücken wir nicht einfach den Fragenkomplex?
Contro: Eine gute Idee. Bitte, beginnen Sie.
Fino: Ich greife mir das Mittelstück »Wenn ja«. Keine Frage, das ist schnell beantwortet: Ich bin, ich bin lebendig, so wahr ich vor Ihnen stehe und Sie vor mir. Hätten wir dazu Kant bedurft?
Contro: Einverstanden und abgehakt. Doch jetzt wird es schwierig: »Wer bin ich?«
Fino: Ist das nicht eine dieser uralten Fragen, die wir uns immer dann vorlegen, wenn uns beispielsweise der Freund sagt, wir hätten uns in den letzten Wochen ganz schön verändert?
Contro: Oder wenn sich ein Geschäft nicht wie gewünscht realisiert, weil womöglich die Chemie zwischen den Partnern nicht stimmte?
Fino: Oder wenn wir das Gefühl haben, die Welt nicht mehr zu verstehen, uns im Kreise zu drehen?
Contro: Oder wenn wir versuchen, unsere Religiosität der Vernunft mit dem Transzendentalen unserer Spiritualität zu vermählen?
Fino: Oder wenn wir feststellen, dass nicht unser Ich das Bewusstsein der Welt spiegelt, sondern das Bewusstsein gleichermaßen Subjekt und Objekt in sich trägt?
Contro: Fabelhaft, wir springen wie die Gazellen.
Fino: Springen wir nicht zu weit?
Contro: Die Fragestellung ist unerschöpflich.

Fino: Justamente erinnere ich mich an den Comicstrip, in dem Lucy zu Charlie Brown sagt: »Wieder mal entmutigt, was, Charlie Brown? – Weißt du, was das Problem mit dir ist? Das ganze Problem mit dir ist, dass du DU bist!«
Contro: Eine hübsche Form der Annäherung an sein Ich. Ist die besserwissende Therapeutin denn philosophisch gebildet?
Fino: Eher Charlie Brown. Er antwortet im kantschen Sinne: »Nun, und was in aller Welt kann ich da tun?«
Contro: Und, was rät Lucy dem armen CB? Demoralisierend, nehme ich an?
Fino: »Ich sage ja gar nicht, dass ich dir einen Rat geben kann … Ich zeige nur das Problem auf!«
Contro: Das sitzt. Der in seinem Ich gefangene Mensch, unfähig aus sich heraus zu treten, wird zum Problem für sein Selbst. Könnte dieser Mensch noch sagen Ich bin?
Fino: Ich habe gelesen, C-Dur sei die Tonart des ICH BIN.
Contro: Musik als klangliche Interpretation einer Identität? Wer vermag so etwas?
Fino: Hören Sie Bruckners Siebte. Sehr feierlich und sehr langsam.
Contro: Der zweite Satz, ich weiß. Er ist so ahnungsvoll auf Wagners Tod geschrieben und schließlich zur beseelten Trauermusik geworden. »Non confundar in aeternum« — Nicht werde ich zuschanden werden in Ewigkeit. Eine wahrlich absolute Musik.
Fino: Doch jetzt »Warum?« Ich fürchte, keine Antwort parat zu haben: Warum bin ich, der ich bin? Diese Frage zeigt mit spitzem Finger auf unsere Identität, auf unser Ich.
Contro: Sehr richtig. Hier kommen wir nicht weiter. Vielleicht kann uns Kant diesmal helfen.

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Fino: Denken Sie an Kants Brief aus dem Jahre 1793 …
Contro: … und seine drei berühmt gewordenen Fragen? Ja, ein guter Einstieg.
Fino: »Was kann ich wissen?« ist eine Frage, die auf die Quellen unseres Wissens und die Grenzen der Vernunft hinweist.
Contro: Richtig. Doch die Wissenslage der Menschheit hat sich seit Kants Zeiten verändert. Wir erleben eine sowohl quantitative als auch qualitative Wissensvermehrung. Denken Sie an die weltweiten Datennetze und die Fülle von Informationen, die uns heute zur Verfügung stehen. Das konnte Kant nicht erahnen.
Fino: Erscheint Ihnen dann die Frage überholt?
Contro: Nicht überholt, aber erweiterungsfähig. Mit wachsendem Wissen wächst zugleich auch unser Nichtwissen über die Voraussetzungen und Folgen dieses Wissens. Die moderne kantsche Frage könnte also lauten: Was kann ich (noch) nicht wissen?
Fino: Und, da ich nun ein Wissen über mein Wissen oder Nichtwissen erlangt habe, »Was soll ich tun?«
Contro: Bedenken Sie: Die moral-theoretische Frage das Handeln betreffend, mündet in eine durch Leitregeln und Grundsätze definierte Ethik. In jedem Menschen wohnt ein Gesetz inne, das aus kollektiven ethischen Normen der menschlichen Gesellschaft entsteht und sein Handeln beeinflusst. Dieses innere Gesetz liegt zugleich im Spannungsfeld zwischen den Normen und den abweichenden, individuellen Handlungsinteressen des Einzelnen.

Fino: Nicht nur die Interessen des Einzelnen verändern sich. Auch die moralischen gesellschaftlichen Grundsätze ändern sich stetig. Denken Sie nur an die Gentechnik.
Contro: Korrekt. Daher unterliegt auch das innere Gesetz des Ichs einem zunehmenden Zerklüften in Können, Dürfen und Müssen.
Fino: Wem gegenüber ist der Mensch verantwortlich? Gott, den Menschen oder seinem Selbst?
Contro: Vielleicht, mit Bezug auf Kierkegaard, entdecken wir, dass unser Selbst wahrhaft nur im Angesicht Gottes existiert. Allein der Glaube rettet den Menschen aus der Verzweiflung, auf deren Grund das Selbst im Verhältnis des Menschen zu Gott entsteht. Aber das ist eine Frage der Lebensbetrachtung. Individualität und Freiheit genießen wir nur, wenn wir verantwortlich für unser Selbst handeln.
Fino: Das bringt uns zu der Frage: »Was darf ich hoffen?« Dürfen wir, im Angesicht von Globalisierung und weltweitem Schmerz, überhaupt noch hoffen?
Contro: Das, was der Mensch erhoffen darf, bezieht sich auf eine Glückseligkeit, die der gute, moralisch handelnde Mensch als Lohn erhält.
Fino: Eine Glückseligkeit, die der Mensch sich selbst erschafft?
Contro: Kant stellt einen Gottesbezug her, da nur Gott dafür sorgen kann, dass der Mensch tatsächlich glücklich wird.
Fino:Wir sind heute weit davon entfernt, diesen Glücksbegriff in unserem modernen Leben zu realisieren. Glück wird noch immer mit Besitz und Reichtum gleichgesetzt.
Contro: Es gibt zwei Pole in den Menschen, schrieb Martin Buber. So wie es keinen Menschen gibt, der aus purer Vernunft lebt, so gibt es auch keinen, der in reiner Selbstbezogenheit lebt. Einige Menschen leben sehr stark mit anderen Menschen verbunden. Buber nennt diese Sozialitäten, im Gegensatz zu den selbstbezogenen Individualitäten. Vielleicht liegt unsere Glückseligkeit in einer lebendigen Balance zwischen diesen Polen. fini

4. Dezember 2008 | | , , , , ,