Impulse

Die Andersmacher und der Mut zum Ich

Text: Alexandra Hildebrandt

Es braucht Mut, für seine eigenen Überzeugungen einzustehen. Und Offenheit und Neugier, Chancen zu erkennen und wahrzunehmen. Andersmacher sind nicht nur anders, sie machen Dinge anders: indem sie beispielsweise den Dingen ihre Zeit lassen und warten können, ohne selbst untätig zu sein.

Andersmacher haben einen beweglichen Geist, sind neugierig, unbefangen und risikofreudig. Im Hebräischen heißt das Wort für Erfolg hazlacha (überqueren). Wer einen Fluss, der ja selbst dynamisch ist, von einem Ufer zum anderen Ufer überquert, also von A nach B gelangt, ist erfolgreich. Ziel ist das andere Ufer: Neuland. Wer es betreten will, muss auch Mut haben und bereit sein, den Sprung ins Unbekannte zu wagen.

Dr. Alexandra Hildebrandt Dr. Alexandra Hildebrandt | Arcandor AG

Wenn Menschen ständig dazu angehalten werden, ihre Schwächen zu beseitigen, wird ihnen dadurch die Möglichkeit genommen, ihre Grenzen überhaupt zu entdecken und letztlich zu überschreiten. Wenn ein Mensch nur darauf fokussiert ist, seine Schwächen zu beseitigen, erreicht er damit meistens nur Mittelmaß. Und am Ende kommt er genau dort an, wo jene, die diese Schwächen nicht hatten, mühelos gestartet sind.

So wechselten während meines Studiums der Neueren Deutschen Literaturgeschichte Klausuren mit Zwischenprüfungen, und die Vorgaben wurden abgehakt. Hier war kein Platz für schöne Worte und Tiefgang, hier wurde Oberfläche abgefragt und benotet.

»Wissen ist, was erlebt und verstanden worden ist.«

Studenten, die auswendig lernten, hatten einen großen Vorteil: Weil sie nicht fragten und reflektierten, kamen sie schneller voran. Aber sie lernten nicht, in Sinnzusammenhängen zu denken und ihre eigene Urteilskraft zu entwickeln. Wissen ist, was erlebt und verstanden worden ist. So ist ja auch eine Landkarte nicht die Landschaft, die immer auf ganz andere Weise erlebt wird als das Lesen von Karten. Wissen hängt mit der emotionalen Ebene, die für Leistung entscheidend ist, unmittelbar zusammen.

Wer damals in der Germanistik von sich sprach und Ich sagte, fiel aus der Rolle. Es war wie Bauen nach Plan, bei dem das Kind dafür gelobt wird, dass es Teile richtig und fehlerfrei im Lego-(Deutsch-)Land zusammengebaut hat. In den USA, schreiben die Diplom-Psychologen Christian Scheier und Dirk Held in ihrem Buch Was Marken erfolgreich macht, wird hingegen zusammengebaut, wie das Kind gerade denkt, »und wieder zerlegt, weil es kein Lob bekommt, wenn es nach Plan vorgegangen ist.«

Für die Abschlussprüfungen hielt ich mich ans Memorierwissen und wurde dafür belohnt. Doch über das, was mich literaturwissenschaftlich wirklich berührte und beschäftigte, schrieb ich neben dem Studium Aufsätze für Publikationen, die sich für neue Einflüsse öffneten. Ich gestehe, dass ich mit meinen Themen auch gern provozierte, weil mir das Fach und seine Vertreter so lebensfremd erschienen. Die Titel meiner damals in Serie publizierten Beiträge waren wie ihr Inhalt sehr gewöhnungsbedürftig (etwa Die Sprache der Enurese. Analerotische Phantasien in E. T. A. Hoffmanns Kunstmärchen…), aber ich liebte das Andersmachen, weil es mir zeigte, was in diesem Fach möglich ist.

andersmacherAktuelle Publikation:
Sie verlassen die eigene Komfortzone jeden Tag aufs Neue, sie schwimmen gegen den Strom und überschreiten Grenzen: Die neuen »Andersmacher« treten an, um die Wirtschaft und damit die Welt zu verändern. Sie denken quer und probieren aus. Und wenn sie einmal scheitern, fangen sie von vorne an.
Dieses Buch portraitiert Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben, um mit dem, was sie können und wollen, Zeichen zu setzen.


Alexandra Hildebrandt / Jörg Howe (Hrsg.): Die Andersmacher. Unternehmerische Verantwortung jenseits der Business Class, 274 Seiten, J. Kamphausen, Bielefeld, Business-Reihe »inspire!«, 2008, ISBN 978-3-89901-159-3

Gelebte Wissenschaft braucht Menschen, die ihr eine Seele einhauchen, sonst vertrocknet sie wie eine Pflanze, die nicht gegossen wird. Menschen, die das Leben lieben und im Leben stehen, können das. Wer aber ein Leben nur am Schreibtisch verbringt und sich am echten Leben und an sich selbst nicht abarbeiten kann, sondern nur an toten Buchstaben, der kann auch nur das vermitteln, was er selbst erfährt — Leben aus zweiter Hand.

Seit 2006 leite ich bei der Arcandor AG (vormals KarstadtQuelle AG) den Bereich Gesellschaftspolitik. Nach fünf Jahren in der Industrie hatte ich nun die Möglichkeit, das Handwerk der Industrie mit dem Werkzeug der Kultur zu verbinden. Das Erscheinen der UN-Klimastudie im April 2007 hat das Bewusstsein für die drei Säulen der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Ökologie und Soziales) nochmals immens gestärkt. Das Thema hat auch etwas sehr Persönliches, dem sich niemand entziehen kann: Es zeigt den Zusammenhang von Säen und Ernten im eigenen Leben, aber auch in der Wirtschaft, für die ebenso die natürlichen Gesetze des Wachsens gelten. Wie in der Natur gilt auch hier der Satz: »Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.« Wer ein Macher ist, lässt den Dingen ihre Zeit und kann warten, ohne selbst untätig zu sein.

»Es braucht Mut, für seine eigenen Überzeugungen einzustehen.«

Um Chancen zu erkennen und wahrzunehmen, braucht es Offenheit und Neugier. Es ist wichtig, feine Antennen für Menschen und deren Umfeld zu haben, aber auch Mut, für seine eigenen Überzeugungen einzustehen, Ich zu sagen, auch dann, wenn es zuweilen einen langen Atem braucht — darin liegt zugleich die Quelle von Kreativität und Innovation. Ebenfalls wichtig ist die Bereitschaft, Anerkennung zu teilen und eingefahrene Gleise zu verlassen. Erst das ermöglicht, unbedenklich Grenzen von Disziplinen und Organisationen zu überschreiten.

»Frage nicht, was der Staat für dich tun kann, sondern frage dich, was du für den Staat und das Gemeinwohl tun kannst« — diese Worte des US-Präsidenten John F. Kennedy sind aktueller denn je. Sie beschreiben, was heute unter dem Schlagwort Corporate Social Responsibility (CSR) firmiert: die von Unternehmen freiwillig übernommene Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft. Verantwortungsvolle Andersmacher sind sich dessen bewusst. Ihnen bringen die Jahre vieles bei, wovon die Tage nichts ahnen. Sie haben Zukunft, weil sie sich über sie Gedanken machen. fini

Veröffentlicht am 04. Dezember 2008

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