Drei Jahreszeiten für Sinn und Werte
Text: Joachim Zischke
Kultur, Ethik und Wirtschaft zusammen zu führen, wertvoller zu gestalten und für frischen Wind zu sorgen: Dieses Ziel verfolgt das Forum Drei Jahreszeiten in Düsseldorf. Ein Interview mit Sabine Raiser, der Initiatorin des Forums.

Joachim Zischke: Kommunikation diesseits und jenseits der Routine, so bezeichnen Sie Ihr Leistungsangebot als Beraterin für Kommunikation und Strategie. Seit einiger Zeit unterbrechen Sie die Routine durch ein Forum, das Sie Drei Jahreszeiten – Wirtschaft im Wandel titelten. Frau Raiser, wie kamen Sie auf diesen recht ungewöhnlichen, gleichzeitig spannungsgeladenen Namen?
Sabine Raiser: Mein Wunsch, ein Forum für Menschen zu schaffen, denen es Freude macht, Wert und Sinn stiftend zu leben, ist alt. Während meines Studiums beschäftigte ich mich mit der Bloomsbury Group. Das war eine Gruppe unkonventioneller Freigeister, die im viktorianischen England für frischen Wind und Wachstum sorgten. Die bekanntesten von ihnen waren Virginia Wolf, George Bernard Shaw und John M. Keynes. So etwas fehlt heute, dachte ich. Etwa zwanzig Jahre später war ich dann so weit, in bescheidenem Maße etwas Ähnliches aufbauen zu wollen. Ziel war, eine Spirale nach oben in Gang zu setzen. Der Name Drei Jahreszeiten – Wirtschaft im Wandel war schnell gefunden. Der Alte Kalender kannte nämlich drei Jahreszeiten. In manchen asiatischen Kulturen ist das auch heute noch so. Besonders mit dem dazugehörigen Motto »Wirtschaft ist gut, wenn sie Werte schafft. Ökonomische und Ethische«. Denn der Fokus liegt auf der Wirtschaft.
Sie sprechen von einem Alten Kalender. Das interessiert mich. Wie alt ist dieser Kalender: frühe Neuzeit, Mittelalter, die alten Griechen? Wie lauten seine Jahreszeiten?
Ich beziehe mich dabei auf den Ägyptischen innerhalb der Alten Kalender, zu denen auch der Römische, der Griechische, der Babylonische und der Julianische gehören. Der Ägyptische Kalender geht zurück auf die Zeit um 4300 vor Christus. Er besteht aus drei Jahreszeiten mit jeweils vier Monaten. Bestimmt wurde er durch den alles beherrschenden Nil. Die drei Jahreszeiten dieser Zeit waren Akhet, die Überschwemmung, Peret, die Saat und Pflege sowie Shemut, die Ernte.
Sie benutzen die Drei Jahreszeiten in Ihrem Forum als Analogie für das Thema Wirtschaft im Wandel. Welche Parallelen sehen Sie zwischen der Landarbeit, die ja das damalige Leben besonders beeinflusste, und der Funktionsweise unserer heutigen Wirtschaft? Haben wir ähnliche Jahreszeiten?
Ja, es gibt auch heute ähnliche Jahreszeiten, ganz gleich, ob wir in den dreier oder unseren heutigen vierer Kategorien denken. Jeder Prozess in der Wirtschaft ist zum einen ein Ganzes und zum anderen aufgeteilt in Etappen, die sich zyklisch wiederholen. Zeitholons, wenn Sie so wollen.
Wie in der Landarbeit stehen wir heute in unseren Projekten auch vor einer Phase, in der die Saat gelegt wird. Das ist beispielsweise die Geburt einer Idee oder das Schreiben eines Businessplans. Die Phase des Wachstums und der Pflege ist im Geschäftsleben die Produktentwicklung und -reife sowie die Akquisition. Die Ernte ist vergleichbar mit dem Einfahren von Geldern durch den Verkauf der Produkte und Dienstleistungen. All diese Prozesse sind sehr arbeitsreich. Vielleicht nicht mehr so Schweiß treibend und unmittelbar wie früher. Aber dafür Nerven aufreibend und komplexer. Und sie betreffen den ganzen Menschen, die Familie, die Gesellschaft.
»Werte entstehen. Materielle und ethische.«
Wenn wir dann noch den Winter nehmen, die Zeit der Ruhe und Vorbereitung, erkennen wir auch diese Phase als wichtig. Heute wie damals ist das Arbeiten existenziell. Heute wie damals erfordert der Umgang mit und in diesen Zyklen Talent, Mut und Demut. Werte entstehen. Materielle und im besten Falle ethische. Mit Blick auf alle Beteiligten. Auch das soll Drei Jahreszeiten – Wirtschaft im Wandel in Erinnerung bringen.
Das Forum Drei Jahreszeiten findet ja nicht im Internet statt. Dreimal im Jahr laden Sie in das Düsseldorfer Theatermuseum am Hofgarten ein, an einem Vortrags- und Diskussionsabend teilzunehmen. Wer ist Ihre Zielgruppe?
Die Teilnehmer kommen aus sehr unterschiedlichen sozialen Kontexten und Berufen. Sie lassen sich grob in drei Gruppen aufteilen, wobei es natürlich Überschneidungen gibt:
• Spirituell (Buddhisten im Business, Integrale)
• Sozio-politisch (Friedens- und Ökobewegte, 68er)
• Christlich (BKU, AEU, Christen in der Wirtschaft)
Alle eint sie der Wunsch, die Wirtschaft lebenswerter zu gestalten. Und die Erkenntnis, dass die Herausforderungen des 21. Jahrhundert jenseits von ideologischen Grenzen und Paradigmen zu lösen sind. Dabei ist der persönliche Kontakt ein tragendes Element.
Um welche Themen bewegen sich die Veranstaltungen?
Dreimal im Jahr schaffen wir Raum, Zeit und Kontakte mit dem Ziel, das Wirtschaftsleben wertvoller zu gestalten. Denn wir sind davon überzeugt, dass Wirtschaft nicht nur das ist, was sich vor allem in der Öffentlichkeit abspielt. Das leidvolle Dreigespann aus Krisen, Korruption und Katastrophen ist nur ein Teil. Der andere Teil wird seltener über die Medien in unser Bewusstsein transportiert. Es gibt jedoch so viele Menschen, die gut und redlich wirtschaften. Im Großen wie im Kleinen. Nur fallen sie nicht so auf. Das wollen wir ändern und halten uns dabei an die Erkenntnis aus dem Alten Rom »Schlechte Beispiele verderben die Sitten. Gute veredeln sie.« Diese Veredler stellen wir vor.
Nennen Sie doch bitte einige dieser Veredler.
Unser erster Impulsgeber war Ulf D. Posé, der Präsident des Ethikverbandes der Deutschen Wirtschaft. Er läutete den Frühling 2007 ein mit dem Thema Die neue Redlichkeit in der Wirtschaft – und was uns damit blüht. Der Unternehmer und Zen-Lehrer Paul J. Kohtes sprach über den Nutzen des Neuen Testaments für Manager Ernten, ohne zu sähen. Und der Verleger Joachim Kamphausen beleuchtete das Phänomen Freude als Impuls für Aufbruch und Wachstum. Diese drei Männer darf ich überdies dankbar zu den Wegbereitern der Drei Jahreszeiten zählen.
Darüber hinaus gab es ein Thema zum wichtigen Wirtschaftstreiber Geld. Geld, Gewinn, Gewissen – Ein Sommerreigen in Dur von Hans M. Berner. Sowie ein Thema zum persönlichen Wachstum mit Dr. Ingo Wuddel und Günter Dziomba, die ihr Fachwissen über das Enneagramm und Spiral Dynamics mit uns teilten. Unsere Herbstveranstaltung am zweiten November stand unter dem Titel Mut, Übermut und Demut – Business not as usual, die unter anderem von Dr. Alexandra Hildebrandt (Arcandor AG) und Michael Paul Herbst (Ex-Telekom-Manager und heute Erholungscoach) mitgetragen wurde.
Wenn Sie die von Ihnen gestalteten Abende einmal an sich vorüber ziehen lassen: Welche persönlichen Erfahrungen und Bereicherungen konnten Sie durch das Forum erleben?
Im Besonderen freue ich mich darüber, dass ein Drei Jahreszeiten-Kontakt dazu führte, dass der US-Bestseller der renommierten Trendforscherin Patricia Aburdene jetzt in deutscher Übersetzung unter dem Titel Megatrends 2020 – Der Aufstieg des zukunftsfähigen Kapitalismus erscheint. Jede gute Idee, die umgesetzt wird, ist ein Geschenk.
Im Allgemeinen beeindruckt mich die wertschätzende und weltoffene Haltung der Gäste im Austausch miteinander — auch wenn sie aus völlig unterschiedlichen Berufs-, Religions- und Sozialkontexten kommen. Freigeister auf hohem Niveau. Mich berührt die begründete Hoffnung, dass jeder dieser Abende, die Spirale nach oben ein wenig in Schwingung bringt. Kultur, Ethik und Wirtschaft können zusammen passen, wenn wir es zulassen.
Frau Raiser, herzlichen Dank für das Gespräch.
Links:
Drei Jahreszeiten – Wirtschaft im Wandel
Veröffentlicht am 06. November 2008