Auf dem Weg
Text: Joachim Zischke
Die meisten Leute wissen gar nicht, dass sie im Jahre [bitte Jahreszahl einsetzen] leben. Die anderen können sich nicht darüber beruhigen, dass sie im Jahre [bitte Jahreszahl einsetzen] leben.« Kursiveinfügungen von uns
Der Schriftsteller Kurt Tucholsky schrieb 1932 diesen Schnipsel. Haben Sie in diesen Tagen einmal darüber nachgedacht, in welchem Jahr Sie leben? Sie sagen: Natürlich weiß ich, in welchem Jahr ich lebe. Ich lebe im Jahr 2009, kurz vor dem Jahreswechsel zum runden 2010. Was soll die Frage?
Nun, ich denke, dass Kurt Tucholsky, der seine Mitmenschen ja stets sehr genau beobachtete, erkannte, wie wenige von ihnen in der Jetztzeit und wie viele in der Vergangenheit lebten: mit ihren Gedanken, Gefühlen, Hoffnungen und Wünschen. Im Jahr vor 1933 vermochten sich viele Menschen nicht die umwälzenden Ereignisse vorzustellen, die auf sie zukommen sollten. Und während »die meisten Leute« die Zeichen der Zeit nicht wahrnahmen oder wahrnehmen wollten, bereiteten andere ihr Werk systematisch vor.
Leben wir heute in einer ähnlichen Phase? Es ist sicherlich nicht zu erwarten, dass ähnliche politische Umwälzungen im kommenden Jahr über uns hereinbrechen werden. Unsere Aufmerksamkeit sollten wir auf weniger Spektakuläres richten: So beispielsweise auf den stillen digitalen Wandel, welcher die Art und Weise, wie wir denken, kommunizieren und handeln, künftig stärker beeinflussen (und lenken) wird, als wir heute vermuten. Die elektronische Vernetzung in alle Lebensbereiche hinein mag manches Nützliche für uns bereithalten, andererseits uns aber auch in neue Abhängigkeiten führen, aus denen wir uns nur schwer befreien oder denen wir uns nur mit Mühe verweigern können. Wissen Sie wirklich, in welchem Jahr Sie leben?

Die amerikanische Familientherapeutin Virginia Satir (1916-1988) war davon überzeugt, dass Menschen das, was ihnen zu erfüllen bestimmt ist, auch tatsächlich erfüllen können. Sie glaubte daran, dass Menschen ihre Fähigkeiten positiver und nützlicher einsetzen und sich damit mehr Möglichkeiten erschließen können, um zu größerer Freiheit und größerer persönlicher Kraft zu gelangen. Aus ihrer Arbeit entwickelte Virginia Satir Die fünf Freiheiten, ein komprimiertes Lebensprogramm, das sich gut dazu eignet, sein eigenes Lebensmuster zu überprüfen.
»Die Freiheit, das zu sehen und zu hören,
was im Moment wirklich da ist,
anstatt was sein sollte, gewesen ist oder sein wird.
Die Freiheit, das auszusprechen,
was ich wirklich fühle und denke,
und nicht das, was von mir erwartet wird.
Die Freiheit, zu meinen Gefühlen zu stehen,
und nicht etwas anderes vorzutäuschen.
Die Freiheit, um das zu bitten, was ich brauche,
anstatt immer erst auf Erlaubnis zu warten.
Die Freiheit, in eigener Verantwortung Risiken einzugehen,
anstatt immer nur auf Nummer sicher zu gehen und nichts Neues zu wagen.«
Veröffentlicht am 03. Dezember 2009