Impulse

Kreativer Verrat — auch 2010?

Text: Joachim Zischke

fisherman Immer häufiger hören und lesen wir davon, dass sich Unternehme/n/r ganz bewusst und gezielt Energie und Wissen aus den Ideen und Leistungen anderer Menschen ziehen, ohne selbst einen adäquaten Gegenwert zu leisten. Insbesondere in Bereichen, in denen die Kreativität eines Menschen zur Lösung beiträgt, wird gerne auf externen Sachverstand zurückgegriffen.

Deutschland, Land der Ideen. Hat die kreative Leistung eines Menschen hier keinen Wert mehr, weil sie nicht in Zahlen ausdrückbar ist oder weil sie nicht an der Börse gehandelt werden kann? Ist Deutschland zu einer Gesellschaft von Menschen geworden, die sich selbst und andere ausbeuten? Wir zeigen vier Beispiele aus dem täglichen Leben.

»Gratis wäre toll, zur Not kostenlos, aber bitte nicht mehr. Das können wir uns nicht leisten …«

p Fall 1: Da wird ausführlich und höchst interessiert über Marketingkonzeptionen diskutiert und in Aussicht gestellt, diese geniale Superidee sofort in die Tat umsetzen zu wollen. »Könnten Sie das bis Mittwoch für meine Direktorensitzung ausformulieren und noch ein bißchen hübsch gestalten?«

p Fall 2: Da wird erwartet, eine komplette Software als Ansichtsmuster zu entwickeln. Natürlich soll sie voll funktionsfähig, visuell ansprechend gestaltet sein und alle Details, Vorgaben und Zielsetzungen enthalten. »Wir zahlen Ihnen pauschal einen Hunderter dafür, Sie sollen ja nicht umsonst arbeiten.«

p Fall 3: Da werden konkret grafische Entwürfe, Logos, sogar ein CD gewünscht, »damit wir uns schon einmal ein Bild von Ihrer kreativen Arbeitsweise machen können.«

p Fall 4: Da wird ein Spezialist zu einem Seminar eingeladen, um über ein aktuell brennendes Thema vor Managern zu referieren. Auf die Honorarfrage hin, hört der Redner in spe: »Wir garantieren Ihnen eine hochkarätige Klientel. Das ist doch was, oder? Wir holen Sie auch gerne vom Bahnhof ab.«
Anmerkung: Die Seminarkosten betrugen € 2250 pro Person + Anreise + Übernachtung.

Natürlich gehören immer zwei dazu: Einer, der fordert und einer, der sich fordern lässt. Die Krise macht’s anscheinend möglich. Ich kann mich dennoch nicht des Eindrucks erwehren, dass es sich hier um ein Vorgehensmuster ähnlich der, zum Glück nachlasssenden, Praktika-Taktik handelt: Unter Vorspiegelung vermeintlicher Aufträge und Erfolge werden Erwartungen und Hoffnungen geweckt, die keiner der »Auftraggebenden« wirklich erfüllen will. Es geht nur um billige und oft genug auch um unbezahlte Arbeitsleistung.

Einige nennen das die moderne Form von Ausbeutung. Wir können es auch den kreativen Verrat nennen: Verrat an der Ethik. Verrat an der kreativen Leistung und dem Einsatzwillen eines Menschen. Verrat an seiner Lebensleistung. Verrat an der Würde eines Menschen.

Was können Sie tun, damit 2010 kein Nullsummenspiel für Sie wird?

p Prüfen Sie sich selbst, ob Sie ein Aufopferungs-, Wertlosigkeits- oder Idealisten-Muster sichtbar tragen, das auf entsprechende Spielpartner anziehend wirkt.

p Fragen Sie sich, mit welcher Art von Kunden Sie wirklich arbeiten möchten. Definieren Sie Ihren idealen Kunden und räumen Sie alle inneren Zweifel aus, warum Sie diesen nicht gewinnen könnten.

p Erarbeiten Sie Prinzipien, nach denen Sie Ihr eigenes Handeln ausrichten. Veröffentlichen Sie diese Regeln auf Ihrer Website. Bleiben Sie diesen Prinzipien treu, was immer von Ihnen verlangt wird.

p Vergessen Sie alle unangenehmen Erfahrungen. Blicken Sie nach vorn. Nutzen Sie alle sich bietenden Gelegenheiten, einen erlittenen Verlust mit einem doppelten Gewinn zu beantworten.

p Glauben Sie an sich und die Kraft Ihrer Kreativität.

Viel Erfolg für 2010! fini

Veröffentlicht am 03. Dezember 2009

Nach oben

Kommentare: 2

  • 1. Malte  |  05. Januar 2010 16:37

    Hallo Joachim,
    ich bin dir für Gedankenanstöße und Texte wie diesen sehr dankbar. Du bringst mit diesem Beitrag mal wieder eine wichtige Sache auf den Punkt.

  • 2. Marcel  |  08. Januar 2010 12:24

    Wirklich sehr gute Prinzipien, die ich mir bewahren werde.

Nach oben