Unterschiedlichkeit führt zur Gemeinsamkeit
Text: Klaus Kofler
Um einen Innovationsprozess erfolgreich zu gestalten, genügt es nicht, einfach den Kreis der Beteiligten um ein paar mehr Köpfe zu erweitern. Auch Kreativität allein ist nicht ausschlaggebend. Erfolgreiches Problemlösen erfordert das Berücksichtigen der Identitätsmerkmale eines jeden Einzelnen.
Erfolgreiche Innovationsprozesse zwischen mehreren Individuen beruhen in erster Linie auf einer größtmöglichen Abstimmung eines geplanten Vorhabens. Was aber nicht bedeutet, dass ein solches Vorhaben von Menschen und Köpfen gleichen Denkens entwickelt und vorangetrieben werden kann. Praktisch dargestellt bedeutet ein solcher Prozess, dass Individuen mit unterschiedlichen Denkansätzen und Möglichkeiten gemeinsam etwas zusammenführen, zu dem der Einzelne nur bedingt in der Lage wäre — und das im Idealfall ausgelegt auf ein möglichst erfolgreiches Endergebnis.

Einen Innovationsprozess erfolgreich zu gestalten bedeutet, ein Team von unterschiedlichen Charakteren so zu bündeln, dass jedes Teammitglied seine Einzigartigkeit einbringen kann und so ein neuer und gesamthaft lebender Organismus geschaffen wird. Eine solche Struktur besteht im Wesentlichen aus drei Hauptakteuren: der kreative Denker, der fachlich orientierte Spezialist und der Umsetzer, der das, was an Neuem entsteht, auch umsetzen kann.
Die Identitätsmerkmale jedes Einzelnen spielen — bezogen auf die Qualität eines gesamthaften und erfolgreichen Innovationsprozesses — eine wichtige und nicht zu vernachlässigende Rolle. Denn nur von einander abweichende Sicht- und Handlungsweisen, verbunden mit andersartigen Denkansätzen, führen, je nach der Komplexität einer Problemstellung, auch zu neuen und umsetzbaren Lösungsansätzen.
Warum das so ist, beweist ein genauerer Blick auf das persönliche Denken des Individuums. Wenn jemand ein Problem lösen will, versucht er in erster Linie das Umfeld seiner Problemstellung so weit wie möglich zu analysieren. Dabei bedient er sich seiner subjektiven und somit individuellen Betrachtungsweise und Wahrnehmung. Sucht nun jemand nach einem möglichen Lösungsansatz, beginnt er dies in seinen persönlich vorhandenen Kreativspielräumen abzustecken. Dem gegenüber steht immer ein zweiter Akteur unseres Denkens, nämlich jener, der versucht, ganz unbewusst jede kreative Idee parallel nach Machbarkeit und Umsetzbarkeit zu bewerten. Dieser Akteur stellt erst einmal jeden unserer kreativen Ergüsse in Frage. Erst wenn die ersten zwei Prozesse abgehandelt und soweit für gut befunden wurden, beginnt der dritte Akteur mit seiner Arbeit. Dessen Bestreben ist es, ein ganz bestimmtes und scheinbar passendes Modell umzusetzen.

Exakt auf dieser Grundlage arbeitet unser Gehirn bei Problemstellungen, die nach einem Lösungsmodell verlangen. Je besser dieses Zusammenspiel ausgeprägt ist, desto besser sind auch die Lösungen, die dabei entstehen. Menschen unterscheiden sich demnach auch darin, wie sie mit ihren unterschiedlichen Ansätzen und Talenten gegenüber anderen Menschen mit Problemen umgehen.
Solange eine anstehende Problemstellung durch einen individuellen Lösungsansatz behoben werden kann, mag das für viele Fälle ausreichend sein. Ist nun aber die Problemstellung höher als die durch mögliche Lösungsansätze eines Einzelnen gelöst werden können, gilt es, die drei bereits beschriebenen Akteure in einem Team zu integrieren. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil eine hohe Problemstellung nur durch ein mindest ebenso hohes Lösungsmodell erarbeitet werden kann. Nur die Gleichheit dieser beiden Seiten ist dabei das Maß der Dinge. Sprich: Es gilt, über die Identitäten der unterschiedlichen Akteure die Idealität einer möglichen Lösung herbeizuführen.
Um also eine höher stehende Aufgabe lösen zu können, sollte man den möglichen Kreis an Köpfen erweitern. Allerdings genügt es nicht, diesen einfach wahllos zu vergrößern. Denn dieser meist gut gemeinte Ansatz führt selten zu den gewünschten Ergebnissen. Das Geheimnis liegt, wie so oft, in der passenden Mixtur. Ähnlich dem individuellen Problemlösungsprozess, gilt es jetzt diesen Kreis so zu erweitern, dass rein kreativ ausgerichtete Personen mit Personen der notwendigen Fachkompetenz und Personen mit Umsetzungsvermögen gemischt werden. Damit bildet der Kreis exakt das ab, was ein Einzelner durchführt, wenn es darum geht, ein Problem zu lösen. Nur durch eine gezielte Vernetzung von passenden und unterschiedlichen Akteuren können dann auch neue und innovative Lösungsansätze entstehen.

Die einzelnen Charaktere werden über ihre individuellen Fähigkeiten so miteinander verbunden, dass eine neue und übergeordnete Form einer Gesamtheit entsteht. Die unterschiedlichen einzelnen Identitäten der beteiligten Akteure tragen so zu einer neuen und höher stehenden Identität bei. Dabei werden Lösungen eines einzelnen Individuums mit den zugrunde liegenden Denkprozessen angedacht, während mehrere Individuen solche Lösungen zusätzlich noch durch Kommunikationsprozesse erweitern.
Unterschiedliche Identitäten zu bündeln, ist somit entscheidend für Innovationsprozesse. Letztlich gilt es dabei, immer die Waage zu halten zwischen einer anstehenden Problemstellung und dem dazu erforderlichen Lösungsmodell. Entscheidend für den Erfolg ist allerdings auch hier, dass sich Menschen mit einer Sache identifizieren. 
Veröffentlicht am 02. Oktober 2008