Impulse

Wie lesen die Welt verändern kann

Text: Nadja Rosmann

NotebookDer Finger, der auf den Mond zeigt, ist nicht der Mond« — diese alte Zen-Weisheit hält uns vor Augen, zwischen Schein und Sein zu unterscheiden, uns achtsam der Wirklichkeit bewusst zu werden. Bücher sind eine Wirklichkeit für sich. Ihre Inhalte führen — behutsam geschützt zwischen zwei Buchdeckeln — ein Eigenleben, das erst im Auge des Lesers Faktizität gewinnt. Ungelesenes ist zunächst nur im Kopf des Autors real, bis andere sich ihm anschließen, sein Werk zur Kenntnis nehmen und so an seiner Sicht teilhaben. Auf diesem Weg entstehen neue Wirklichkeiten, denn jedes Wort, das wir lesen, stößt auf innere Resonanzen, lässt uns nachdenken, einstige Gewissheiten vielleicht revidieren oder weiterentwickeln. In diesem Sinne ist lesen immer auch ein Tor zur Veränderung, denn nach der Lektüre sind wir — hoffentlich — nicht mehr die, die wir zuvor waren.

»Ein Leser hats gut: er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.«
Kurt Tucholsky, Schnipsel, 1931

p Wohl jeder Mensch stößt in seinem Leben auf Bücher, die ihn in seinem Wesen zutiefst berühren, die einen Funken entfachen. Mir ging dies bereits viele Male so und eines der letzten wirklich bewegenden Leseerlebnisse hat für mich einen Veränderungsprozess angestoßen, der immer noch im Gange ist. Vor einigen Jahren stieß ich in einem spirituellen Magazin auf einen Artikel des Bielefelder Verlegers Joachim Kamphausen. Er sprach darüber, was seinen Verlag von anderen Unternehmen unterscheidet, welcher Vision er als Unternehmer folgt und welchen Spirit im Wirtschaftsleben er als wichtig erachtet. Der Text traf bei mir mitten ins Herz, denn in den Worten und auch zwischen den Zeilen fand ich vieles, was mir bis dahin — ohne es ausdrücken zu können — gefehlt hatte in der Arbeitswelt. Lebendigkeit, Freude, schöpferische Entfaltung — wohl jeder von uns kennt die Sehnsucht nach diesen Zuständen. Aber die Wenigsten von uns erwarten ihre Erfüllung in der eher rauen Wirtschaft.
p Mich machte der Beitrag neugierig und ich wollte wissen, welche Bücher in einer solchen Atmosphäre das Licht der Welt erblicken. Zu dieser Zeit hatte der Verlag, der vor allem Titel zu Spiritualität, Persönlichkeitsentwicklung und Gesundheit herausgibt, gerade eine neue Reihe gestartet. Unter dem Label inspire! sollte ein neuer Spirit im Business angeregt werden. Gleich das erste Buch — Pioniere für einen neuen Geist in Beruf und Business — zog mich in seinen Bann. Hier zeigten renommierte Wissenschaftler, Psychologen, Berater und Unternehmer, dass Wirtschaft sich auch anders denken lässt, dass Leidenschaft und Lebensfreude keine Privatangelegenheit sind, sondern unsere Arbeit wesentlich befruchten können, und dass persönliche Erfüllung oft ein besserer Garant für wirtschaftliche Erfolge ist als verbissener Kampf. Im nachhinein betrachtet hat dieses Buch meinen weiteren Weg aufs wesentliche beeinflusst — weil es mir zeigte, dass ich mit meinem Unbehagen nicht alleine bin und weil es mir Mut machte.

Das Leben ist zu kurz, um es damit zu verbringen, gegen die eigene Unzufriedenheit anzukämpfen, dachte ich mir und entschloss mich — trotz spannender Aufgaben als Chefredakteurin einer Computerzeitschrift, eine Arbeit, die ich zwar in gewisser Weise liebte, die sich jedoch in einem Kontext vollzog, mit dessen Werten und Zielen ich mich längst nicht mehr identifizieren mochte — den Schritt in die berufliche Selbstständigkeit zu wagen. Meine Vision: Nur noch Dinge zu tun, von denen ich den Eindruck hatte, dass sie‚ »die Welt ein bisschen besser machen«.
p Das war ambitioniert und naiv zugleich, doch die positive Dynamik, die sich in dem Moment zu entfalten begann, indem ich mich entschieden hatte, künftig mehr meinem Herzen zu folgen, entschädigte mich für manche Rückschläge. Als der inspire!-Titel Dein Job ist es, frei zu sein — Zen und die Kunst des Managements von Paul J. Kohtes erschien, schlug mein Herz erneut höher, denn die Idee von Freiheit, die der Autor propagierte, berührte mich aufs tiefste. Ich interviewte ihn für ein Magazin und zehrte noch Tage später von dem inspirierenden Gespräch. Sich für Themen zu engagieren, die nicht dem gesellschaftlichen Mainstream entsprechen, weil sie weit über ihn hinaus weisen, ist nicht immer einfach — erst recht nicht, wenn man auf diesem Weg seinen Lebensunterhalt verdienen möchte. Doch ich blieb am Ball und die nächsten inspire!-Titel — darunter Führen aus der Mitte von Barbara und Michael Fromm, Sinnfindung im Beruf von Gregor Wilbers und The Lazy Way to Success von Fred Gratzon — bestätigten mich darin, auf dem richtigen Weg zu sein. In diesen Jahren der beruflichen Neuorientierung waren die inspire!-Bücher mir stets wichtige Wegbegleiter und Lebenselixier, denn auch wenn sich die Wirtschaft bereits schleichend und an den Rändern wandelt, ist es immer noch nicht alltäglich, auf Gleichgesinnte zu treffen und sich als Teil einer größeren Bewegung zu fühlen.
p Für mich waren Bücher immer ein Mutmacher, gerade in den weniger leichten Zeiten. Und mit inspire! hat sich für mich inzwischen auch ein Kreis geschlossen, denn seit einiger Zeit bin ich unter anderem für den Verlag, der mich seinerzeit zur folgenreichen Veränderung inspiriert hatte, tätig und für die Wirtschaftsbücher verantwortlich. Heute schlägt mein Herz höher, wenn ich wieder auf Autoren stoße, die mit ihren Ideen ein Veränderungspotenzial in die Welt tragen, das durch die Leser lebendig wird. In diesem Sinne denke ich: Wir können gar nicht oft genug nach dem Mond greifen und im Lesen kommen wir ihm näher. fini

Literatur:
Fromm, Barbara und Michael: Führen aus der Mitte. Werden Sie echt in Arbeit und Leben – finden Sie Erfüllung und Erfolg. Bielefeld, 2006
Galuska, Joachim (Hrsg.): Pioniere für einen neuen Geist in der Wirtschaft. Bielefeld, 2004
Gratzon, Fred: The Lazy Way to Success. Bielefeld, 2004
Kohtes, Paul J.: Dein Job ist es, frei zu sein – Zen und die Kunst des Managements. Bielefeld, 2005
Wilbers, Gregor: Sinnfindung im Beruf. Bielefeld, 2008

Veröffentlicht am 05. November 2009

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