Modelle unserer Identität
Text: Joachim Zischke
Unsere Identität ist komplex und facettenreich. Wie kann man Identität sichtbar machen? Wir stellen interessante Modell-Ansätze vor.
Die Frage, was unsere Identität eigentlich ausmacht, beschäftigt immer wieder aufs Neue viele Geister. Wir wollen uns hier jedoch nicht mit den Fragen der psychologischen, psychischen oder soziologischen Identität befassen — das Thema ist äusserst umfangreich und es gibt dazu noch keine abschließende wissenschaftliche Meinung. Wir stellen Ansätze vor, die persönliche Identität mit Hilfe eines Modells begreifbar und sichtbar zu machen.
Ausgangspunkt eines jeden Modells ist die Einzigartigkeit der Person. Diese Einzigartigkeit kann durch die Fragestellungen: Wer / Was / Wie bin ich? näher beschrieben werden. Die Wissenschaftler Hans-Peter Frey und Karl Haußer gliedern den Identitätsbegriff in kognitive, emotionale und motivationale Komponenten, die sie danach zu Entwicklungs-, Konsistenz-, Kontinuitäts- und Individualitätsproblemen auffächern. Der Philosoph George Herbert Mead hingegen sieht die Entwicklung der Identität in der gesellschaftlichen Interaktion über Sprache.
Die nachfolgend dargestellten Modelle betrachten nicht ausschließlich die persönliche Identität, sondern beziehen bestimmte Anwendungsaspekte in ihren Ansatz mit ein.
Die Identitätslandkarte
Im Jahre 2005 entwarf Mark Dixon, Lösungsstratege im Unternehmen Sun Microsystems, eine Identitätslandkarte, die sich aus vier Bereichen zusammensetzt: die persönliche, physische, digital-virtuelle und multiple Identität.

Ausgangspunkt des Segments persönliche Identität ist auch hier die Einzigartigkeit einer jeden Person. Diese erschließt sich dem Außenstehenden über gewisse Attribute und Kriterien, die eine Person als einmalig ausweisen:
- die Vor- und Nachnamen
- Charakteristiken, wie die DNA-Struktur oder der Fingerabdruck, aber auch veränderliche Werte, wie beispielsweise die Körpergröße, das Gewicht oder die Haarfarbe
- Kontakte, Verknüpfungen und Rollen, die sich aus den Lebenssituationen ergeben: Mutter, Vater, Ehe- oder Lebenspartner, aber auch berufliche Relationen wie Angestellter, Hochschullehrer oder freischaffender Künstler
- Erfahrungen aus dem schulischen und beruflichen Werdegang, dem Alter oder einem Hobby
- Wissen: angeeignetes, selbst erschaffenes, erlebtes, teils einzigartig, teils allgemein bekannt
- Reputation aus dem, was andere Personen (Mitarbeiter, Kollegen, Nachbarn) über die Person sagen, was eine Kreditbewertung aussagt, aus der Arbeit und Tätigkeit für andere Menschen
Im Bereich der physischen Identität ordnete Dixon die harten Tatsachen ein, welche eine Person dokumentarisch beschreiben: Geburtsurkunde, Personalausweis, Führerschein, Zeugnisse. Ein kennzeichnendes Merkmal dieser Objekte ist, dass sie von einer authoritativen Institution bereitgestellt werden und so die Beweiskraft zur Legimitierung eines Individuums sicherstellen. Die Erstellung oder der Verlust einer dieser physischen Identitäten verändert die persönliche Identität nicht.
Das Segment digitale/virtuelle Identität beinhaltet all das, was eine Person (oder Sache) im digitalen Lebensumfeld repräsentiert. Bei personenbezogenen Daten handelt es sich um beispielsweise zugewiesene oder selbst definierte Zugangscodes für das Internet, eMail-Postfächer, etc. Auch die Steuer-ID fällt unter diese Kategorie als digitales Identifikationsobjekt. Die Ausgestaltung dieser digitalen Identität umfasst meist nur einzelne Teile einer gesamten Personenidentität. Sie dient vor allem dazu, ein Vertrauen förderndes Verhältnis zwischen digital agierenden Menschen und Systemen aufzubauen. Hier liegt folglich auch die Schnittstelle zum Identitätsmanagement.
Ein weiteres Segment, die multiple Identität, umfasst Objekte, die aus den physischen und digitalen Identitätsbereichen zusammengefügt werden: Kreditkarte, Krankenkassenkarte, digitaler Reisepass, elektronische Zugangskarten etc. Auch hier gilt, dass die Erstellung und Verbreitung dieser Identitätsobjekte von einer übergeordneten, authoritativen Stelle erfolgt, um die Legitimierung einer Identität zu sichern.
Das 3-Ebenen-Modell
Bereits 2002 machte sich Andre Durand Gedanken zur Struktur einer digitalen Identität und entwickelte ein 3-Ebenen-Modell, das sich insbesondere mit dem Verhältnis zwischen einer Person, Unternehmen und der Aggregation von Daten beschäftigt.

Ebene 1 Persönliche-(Ich)-Identität: Diese Ebene umfasst die reale und persönliche digitale Identität einer Person. Diese Identität ist selbstreferenziell und wird durch die Person bestimmt. Die Repräsentation der Daten ist zeitlos und nicht von bestimmten Bedingungen abhängig.
Ebene 2 Unternehmen-(Wir)-Identität: Auf dieser Ebene versammelt Durand, ähnlich wie Dixon, Identitätsobjekte, die uns von anderer Seite zugewiesen werden. Allerdings fallen unter diese Kategorie auch Objekte, die nicht zwingend einen dokumentarischen Charakter besitzen. Die Telefon- oder Kontonnummer, die uns eine Telefongesellschaft oder Bank zuweist, sind zwei Beispiele. Die Informationen dieser Ebene können zeitlich limitiert und auch an Voraussetzungen gebunden sein.
Ebene 3 Marketing-(Sie)-Identität: Die dritte Ebene des Modells umfasst eine aggregierte Identität, die sich aus den demografischen Daten und Informationen der Reputation einer Person ergibt. Dabei muss es sich nicht um eine 1:1 Darstellung von Attributen oder Merkmalen handeln. Diese Sie-Identität wird von Unternehmen genutzt, um beispielsweise die werbliche Kommunkation mit Konsumenten zu steuern. Aber auch staatliche Institutionen finden sich auf dieser Ebene: Datensammlungen in verschiedenster Ausprägung, wie sie in letzter Zeit verstärkt zu beobachten sind, ermöglichen vielfältige Analysen und Aktionen.
Das Identitätsprisma
Das vom Branding-Spezialisten Jean-Noel Kapferer entwickelte Identitätsprisma wird im Rahmen von Markenstrategien benutzt. Es eignet sich gut, Zusammenhänge deutlich zu machen, die sich aus den unterschiedlichen Sichtweisen der Betrachter ergeben.

Die Identität von Marken — ebenso wie von Unternehmen und Personen — wird durch das Bild des Senders bzw. Empfängers geprägt. Eine Identität ist demnach nicht nur das Ergebnis von originären Merkmalen. Identität kann bewusst und gezielt gestaltet werden.

Links und Literatur:
Three Phases of Identity Infrastructure Adoption
The Laws of Identity
Frey, Hans-Peter (Hrsg.): Identität. Entwicklungen psychologischer und soziologischer Forschung. Stuttgart, 1987.
Kapferer, J.-N.: Strategic Brand Management. London und New-York, 1994, 1998.
Veröffentlicht am 02. Oktober 2008