Die Kunst der unfertigen Idee

Ganz gleich, ob wir einen Geschäftstermin planen, über das Design eines neuen Produkts nachdenken oder einen Artikel schreiben wollen, immer sind wir mit einem Prozess des Formens von Ideen beschäftigt. Wir wissen, um erfolgreich zu sein, müssen wir unsere Ideen konkret, vollständig und überzeugend ausarbeiten. Doch ist das richtig? Was, wenn die eleganteste, phantasievollste, originellste Idee nicht diesem Muster entspricht?

eSchauen Sie bitte einmal das nebenstehende Bild an. Was bedeuten diese drei rechtwinklig angeordneten Linien? Könnten Sie im täglichen Leben ohne sie auskommen? Erkennen Sie das Zeichen? — Wenn Sie sich keinen Reim darauf machen können, dann deshalb, weil Ihnen eine wichtige Information fehlt. So bald Sie diese Information besitzen, werden Sie dieses Bild nie mehr so betrachten. Sie schauen auf den Großbuchstaben des am häufigsten in der deutschen Sprache verwendeten Buchstabens. Der Buchstabe entsteht für Sie durch den nicht sichtbaren weißen Raum. Nun, haben Sie das Zeichen erkannt? Es ist der Buchstabe E.

Was Sie soeben erlebten, ist das Ergebnis der Kunst der unfertigen Idee. Es ist ein Beispiel einer gegen unsere Intuition gerichteten Wahrnehmung: Was nicht als existent erscheint, kann dennoch bestimmend sein. Diese kurze Demonstration zeigt, wie die Kunst der unfertigen Idee ihre volle Kraft entfaltet: Höchste Wirkung durch geringsten Einsatz. Alles, was diesem Bild hinzugefügt worden wäre, hätte von dem gewünschten Effekt einer möglichen Überraschung abgelenkt.

»In Rauch verwandelt«

Mona LisaDer geniale Leonardo da Vinci entwickelte in der Ölmalerei eine Technik — sfumato genannt, in Rauch verwandelt —, welche Landschaften in einen nebligen Dunst hüllt und alles mit Weichheit umgibt. Mit sfumato werden Linien undeutlich, leicht verwischt, so, als würden sie einander umfließen. »Licht und Schatten sollten ineinander übergehen, ohne Linien oder Grenzen, nach der Art des Rauches«, notierte da Vinci.
Sehr gut lässt sich die Anwendung dieser Technik am Bildnis der Mona Lisa erkennen: Betrachten wir die Augenwinkel und den Mund — zwei Merkmale, die den menschlichen Gesichtsausdruck wesentlich prägen —, so sehen wir, dass diese bewusst verschwommen gemalt wurden. Das unfertige Aussehen lässt Monas Haltung lebendig erscheinen, eröffnet dadurch die Möglichkeit für Interpretation. Da Vinci lehrte seine Schüler, alle vorbereitenden Skizzen nicht auszuarbeiten, weil unklare Formen unsere Sinne erwecken.

»Dreißig Speichen umgeben eine Nabe: in ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.«

Lange bevor Leonardo da Vinci das Prinzip der beabsichtigten unvollständigen Arbeit anwandte, etablierte sich in Japan die Zen-Philosophie. Eines der fundamentalen ästhetischen Themen widerspiegelt sich in dem der Leere: leere Flächen in Bildern, Stillepausen in der Musik, das Stillsitzen und starre Blicken auf eine leere Wand. Leere, Untätigkeit und Ruhe werden von Zen-Künstlern als Zeichen des unerschöpflichen Geistes und als Essenz kreativer Energie angesehen. Fujiwara Teika, ein japanischer Dichter des 13. Jahrhunderts und die treibende Kraft in der Zen-Entwicklung, formulierte es so: »Ein Dichter, der einen Gedanken begonnen hat, muss ihn derart meisterhaft beenden, dass sich in der Vorstellung der Zuhörer ein prächtiges Weltall von Vermutungen entfaltet.«

Die Magie, die sich hinter dem sowohl einschneidenden, als auch bleibenden Einfluss der Kunst der unfertigen Idee verbirgt, verstand auch Lao Tse vor mehr als 2500 Jahren:

»Dreißig Speichen umgeben eine Nabe:
in ihrem Nichts besteht des Wagens Werk.«

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Auszüge aus dem Buch In Pursuit of Elegance: Why the Best Ideas Have Something Missing von Matthew E. May, 2009, übersetzt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Links:
Mona Lisas Geheimnis. In: Farbimpulse. 2008
In pursuit of Excellence — Website Matthew E. May