Ideen

Paul sagt. Oder: Die Typologie des Homo laborans crisensis

Text: Joachim Zischke

thinkerMein Freund Paul ist ein Denker. Kein Querdenker, sondern ein Vor- und Nachdenker. Querdenken ist derzeit schwer in Mode, sagt Paul. Jeder, der etwas auf sich hält, will ein Querdenker sein. Denke einer dann wirklich einmal quer, liege er schnell irgendwie quer, nämlich quer zur Meinung der anderen Querdenker, die seiner Querdenkerei noch nicht oder überhaupt nicht folgen könnten oder auch nicht wollten.

Paul hingegen denkt vor, vorher, im Voraus, manchmal auch im Vorbeigehen. Daraus entsteht Nachdenken. Und so sieht er Dinge auf sich und uns zukommen, die niemand sonst kommen sieht. Wodurch sein Nachdenken zum Vordenken wird.

In gewissem Sinne ist Paul auch ein Sammler. Mit großem Vergnügen sammelt er menschliche Ungereimtheiten, auf die er sich dann seinen eigenen Reim macht. So überraschte er mich neulich mit einem anthropologisch-zoologisch anmutenden Begriffskompendium der Gattung Homo laborans crisensis. Wieder einmal hatte Paul nachgedacht. Und entdeckte prompt eine Vielfalt neuer Spezies, die aus der aktuellen Krise evolutionierten. Ich konnte mir nur wenige Vertreter seiner vordenkerischen Typologie merken. Hier sind sie:

Das Nullbockfaultier

Der ultimative Nichtstuer, sagt Paul. Solche Exemplare findet der urbane Erforscher meist in Parklagen, dort um große Bäume gruppiert, in Kräutergärtchen oder von anderen Tierarten selten aufgesuchten Arealen. Ausgewachsene männliche Exemplare, erkennbar an verfilzten Bärten und langen, fettigen Haaren, halten sich gerne auf den der Sonne zugewandten Bänken liegend oder sitzend auf. Jüngere Nullbockfaultiere lagern meist in Punkpulks auf Rasenflächen, umgeben von Döner- und MacDonaldstüten sowie Bierdosen. Das Tier sitzt oder liegt vom frühen Morgen bis zum späten Nachmittag herum, in seinem schläfrigen Dämmerzustand nur unterbrochen durch gelegentliches Aufsuchen naher Büsche. Es ist nachtinaktiv. Das Besondere am Nullbockfaultier ist, sagt Paul, dass es sogar zum Nichtstun null Bock hat. Bockiger geht es nicht mehr.

Der Soziallianenaffe

Der Soziallianenaffe ist ein munterer, flinker Kerl, der im Paragrafendschungel von Gesetzesliane zu Gesetzesliane turnt. Er ist intelligent, ausdauernd und einfallsreich, dabei recht genügsam, jedoch nur bedingt anspruchslos. Der Affe erlernt schnell die Vorteile der Hartz-Vier-Nachteile und richtet sein Leben danach aus. Er brüllt nur im Notfall, wenn ihm beispielsweise die Fressration gekürzt wird oder er in eine kleinere Bananenbehausung umziehen soll. Während die anderen Affen morgens auf Arbeits- und Nahrungssuche laufen, bleibt der Soziallianenaffe in seinem verknoteten Baumhaus und erwartet einfach deren Rückkehr. Von den sozial-süßen Transferfrüchten, welche den arbeitenden Affen naturbedingt aus den sogenannten Gesäßbeuteln fallen, ernährt sich der Soziallianenaffe genüsslich. Er lebt in Familienverbänden, aber auch alleinerziehende Soziallianenaffinnen wurden schon beobachtet. Paul meint, der Affe störe nicht im Urwald. Er muss sich nur ruhig verhalten.

Der Alleskannichkranich

Dieser mächtige Vogel ist vom Nord- und Ostseestrand bis hin ins Alpenvorland zuhause. Er tritt gerne in Social clubs und auf Visitenkartenparties auf. Sein schillerndes Gefieder aus Charme, Witz und Tücke — vor der Brutzeit am Hals mit bunten Krawattidealen geschmückt — macht ihn zu einem beliebten, aber auch nicht immer ernst genommenen Freivogler. Als Jobjäger ist er in seiner Nahrung überhaupt nicht wählerisch: Schaumalhier-Akquise, internettes Design, Fotostreckenkünstler, Coaching für heimatlose Wanderfalken, Kleinsäugerverlag, Tuwasberater — es gäbe nichts, was er nicht für sich beanspruchte oder ihm nützlich sein könnte. Zu Hunderten durchpflügt der Alleskannichkranich die Auftragslandschaften. Paul sagt, die Überlebensräume werden für den Alleskannichkranich immer geringer. Obwohl von kräftiger Statur, mit einer großen Schnabelklappe und breiten Flugspanne ausgestattet, lebt der Freivogler als Einzelkämpfer extrem absturzgefährdet. Er weiß es nur noch nicht.

Der Panikseherhase

Der in freier Wildbahn selten anzutreffende Panikseherhase ist das Krisentier schlechthin, sagt Paul. In bundes- und landtagsamtlichen Sitzungshöhlen, ökologischen Fortbildungsbauten, wirts- und gewerkschaftlichen Trostkonferenzen oder spirituell-theologischen Betseminaren — nur um einige Beispiele zu nennen — tritt der Panikseherhase zwar sehenden Auges auf, versucht dennoch die Anwesenden, erschreckt durch sein hektisches Herumgehoppel und Angstgemurmel, in eine blinde Weltuntergangsstimmung zu versetzen. Wenn er könnte, würde der Hase alle Lichtschalter umlegen — selbst die Hallo-Gen-Anhänger wären dann nicht verschont —, damit so das Dunkel seiner Weltanschauung allen sichtbar würde. Noch stehe der Panikseherhase gewissermaßen unter Artenschutz, meint Paul, weil sein reaktionäres Fell für manche Zeitgenossen wohl wertvoll ist. Das könnte sich mit zunehmender Krisenausdauer jedoch schnell ändern. Wo ein Panikseherhase, da auch die Seherhasenpanik. fini

Veröffentlicht am 07. Mai 2009

Nach oben