Nebeneinander gehen
Text: Joachim Zischke
Wir gehen auf den breiten Fußwegen der Straßen einer großen Stadt. Wir beobachten die Gehenden: Wer geht nebeneinander? Wir sehen eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn, eine alte Frau, angehakt am Arm ihres Mannes, Mutter und Tochter, von Einkaufstaschen umhüllt, Vater und Sohn, eine Eistüte in der Hand, die Freundin mit ihrer besten Freudin, ein Ehepaar im flotten Gleichschritt, lachende Freunde, Geschäftspartner, geschäftig gestikulierend, Polizisten im Einsatz, wachsam um sich blickend, Demonstranten, zukunftsvoll, Verliebte, zeitverloren, Reisende auf dem Weg zum Bahnhof …
All die Genannten, die nebeneinander Gehenden, gehen in einer bestimmten Beziehung zueinander: entweder sie kennen sich oder sie kennen sich nicht. Kennen sie sich, haben sie ein gemeinsames Ziel. Auch das Sichtreffen kann ein Ziel sein. Kennen sich die Menschen nicht, gehen sie, um irgendwo anzukommen, und nur der Zufall führte sie für eine gewisse Zeit zum Nebeneinandergehen zusammen.
»Spazierengehen ist nur selten eine gesellige Angelegenheit wie etwa das Promenieren, das wohl früher einmal (jetzt nur noch in Städten, wo es eine Art Korso gibt) ein hübsches Gesellschaftsspiel, eine reizvolle theatralische oder novellistische Situation gewesen sein mag. Es ist gar nicht leicht. mit einem Begleiter spazieren zu gehn. Es verstehn sich nur wenig Leute auf diese Kunst.«
Franz Hessel: Von der schwierigen Kunst spazieren zu gehen
Martha Westphal, die Protagonistin in Dunja Arnaszus’ Hörspiel Nebeneinander gehen, geht ohne Ziel, ohne Ankommenwollen. Sie schuf für sich eine neue Form des Gehens: Sie geht mit ihr unbekannten Menschen auf den Straßen der Stadt, wird, für eine kurze Zeit nur, zur Begleiterin, versucht in Rollen zu schlüpfen und sich den neben ihr Gehenden im Gang und Gehabe anzupassen. Dabei beobachtet Martha die Gehenden, bemüht sich, deren Beruf und Tätigkeit zu erraten. Ist die eilig gehende Frau vielleicht eine Anwältin? Für Strafrecht? Auf dem Weg zum Gerichtstermin?
Martha geht aus purem Zeitvertreib. Und es ist ein Spiel. Zu Hause verfügt sie über eine Begleitungskleiderkiste, erfahren wir im Hörspiel. Vermutlich erweitert sie ihr Spiel, indem sie sich Rollen vorgibt, sich entsprechend kleidet, um dann auf den Straßen die passenden Passanten für ihre Begleitung zu entdecken.
Vier Spielregeln legte Martha fest, die sie streng befolgt: Nur drei Minuten mitgehen! Nie reden! Nicht stören! Nicht wiederholen!
Amüsant, sich Marthas Gehen vorzustellen. Wie beginnt Martha das Nebeneinandergehen? Macht sie zunächst einige Probeschritte, bis sie Tritt gefasst und einen gemeinsamen Rhythmus mit der begleiteten Person gefunden hat? Es muss wie ein Pas de deux aussehen, wenn sie versucht, sich den Bewegungen der Gehenden anzugleichen. Dass sie ihr Gehen ernst nimmt, es anmutig und perfekt angepasst aussehen lassen will, davon sind wir überzeugt.
Was empfinden die unfreiwillig Begleiteten? Fühlen sie sich verfolgt, bedrängt, vielleicht bedroht? Wie reagieren sie? Martha sagt ihnen ja nicht: »Ich gehe nur für drei Minuten neben Ihnen her, zu unserem Vergnügen, und dann bin ich wieder weg.« Siehe Regel Nummer 2. Viel Zeit sind die festgelegten drei Gehminuten ja nicht für den bis dahin Alleingehenden, um erst einmal abzuwarten, was das plötzlich neue und fremde Nebeneinandergehen zu bedeuten hat.
So meinen wir, dass die Regel 3 – Nicht stören! – recht häufig zur Anwendung kommen dürfte. Diese Regel sehen wir zugleich auch als eine Art Sicherheits- oder Selbstschutzregel. Denn das Spiel des Nebeneinandergehens ist neben der Funktion des Zeitvertreibs auch ein purer Nervenkitzel.
Nebeneinander gehen. Gibt es spannenderes Spiel auf den breiten Fußwegen der Straßen einer großen Stadt? 
Veröffentlicht am 07. Mai 2009