Die dunkle Gestalt aus einer hellen Welt

Es geschah gestern Abend, so kurz nach Zehn. Ich biege gerade von der Grapengießerstraße in die Kuhgasse ein, als ich eine Bewegung in einem Hauseingang bemerke. Im fahlen Licht der Gassenlaterne sehe ich nur die Umrisse einer dunklen Gestalt: ein wuchtiger Hut verdeckt das Gesicht und ein weiter Mantel verhüllt den Menschen darin. Blitzartig versuche ich meine Situation zu erfassen: Entweder habe ich es mit einem räuberischen Junkie oder mit einem Betrunkenen zu tun. An meine Börse wollen beide. Doch bevor ich zu einem Entschluss komme, wie ich handeln soll, erreicht die Gestalt die Wegmitte und spricht mich an. “Hallo”, höre ich eine etwas zaghafte Männerstimme. “Bitte erschrecken Sie nicht. Das ist kein Überfall.” Klar, denke ich, so fangen die Tricks immer an. Aber ich versuche, Zeit zu gewinnen. “Was soll’s denn diesmal sein? Einen Euro?”, sage ich so lässig wie möglich. “Ich möchte Ihnen ein Angebot machen”, sagt der Zaghafte. “Sie waren doch eben in der Krone mit einem Herrn zusammen.” – “Ja, sicher”, sage ich und kann mir keinen Reim darauf machen, was der Kerl von mir will. “Sie sprachen dort über bestimmte Projekte, die mit Ideenfindung und so zu tun haben. Stimmt doch, oder?” Schwach erinnere ich mich an einen Typen, der einen Tisch weiter am Fenster saß und an einer Brezel knabberte. Der sah doch eigentlich ganz harmlos aus. Sieh’ einer an, ein kleiner Dealer, denke ich. “Moment mal,” sage ich zu ihm, “sagten Sie eben Ideenfindung? Was meinen Sie damit?” Der Zaghafte kommt einen Schritt näher. “Ja, sehen Sie”, er scheint unschlüssig, wie er formulieren soll, “ich bin ein Ideeologe, ein Idealist, sagen wir besser ein Ideenverkäufer, und ich habe da ein paar ungewöhnliche und äußerst lukrative Problemlösungen für Sie.” – “Aha, da liegt der Hase im Pfeffer”, sage ich jovial und spüre, wie meine Anspannung nachlässt, doch gleichzeitig horche ich wachsam auf, “das klingt spannend. Was hätten Sie denn im Angebot für mich?” Der Zaghafte rückt erneut näher, so dass ich seine untere Gesichtshälfte sehen kann: ein dünnes Jüngelchenbärtchen kräuselt sich um Lippen und Kinn, ein bisschen blass scheint er auch zu sein, vielleicht ein baföggeplagter Studiosus. “Von 5 bis 5000 Euro ist alles dabei”, sagt der Ideenhändler, nun schon recht geschäftstüchtig. “Gut”, sage ich, “nehmen wir einfach mal den günstigsten Kurs. Was bekomme ich für 5 Euro?” Meinen leicht spöttischen Unterton ignoriert er. “Den Vorschlag eines Geburtstagsgeschenks für Ihre Frau”, lautet seine Antwort und ich sehe ein Grinsen in seinen Zügen. “Woher wissen Sie, dass meine Frau am Wochenende Geburtstag hat?”, frage ich scherzhaft, gleichzeitig erschrocken darüber, dass der Zaghafte richtig liegt. Schnell rede ich weiter. “Gut, nun konkret. Sie haben mich zwar in der Krone belauscht, das ist nicht wirklich fein, gehört sich einfach nicht,” – ich sehe, dass der Schlapphut nickt – “aber da ich mich nun einmal mit Ideen beschäftige, sollten wir in medias res gehen. Was gibt’s für 5000?” Statt zu antworten, knöpft der nun nicht mehr ganz so Zaghafte seinen Mantel auf und öffnet die eine Hälfte wie einen Kutschenschlag. Im schwachen Licht erkenne ich auf der Innenseite mehrere Reihen einer Art Wäscheleine, an denen Beutel und Tüten festgeklammert sind. Das müssen jene idea packs sein, die da bläulich und rötlich schimmern: voll funktionsfähige und komplett ausgearbeitete Innovationspakete, in VisIn+4 programmiert, auf Chips implementiert und nur mit dem iScribent auslesbar. Jetzt holt, zu meiner Verblüffung, der Gegenüber tatsächlich einen iScribent hervor, das kleine, handliche Gerät, das Steve erst letzte Woche in Cupertino einer staunenden Öffentlichkeit vorstellte. Schon leuchtet das Infrarot auf, im avisierten Beutel blinkt es kurz, das Display ist erhellt. “Vielleicht interessiert Sie das hier: die Innovation des Reißverschlusses. Brandneu und hochaktuell”, höre ich und meine Gedanken kreisen wie irre. “Das Reißverschluss-Projekt von Open Innovation?”, frage ich wie im Fieber. “Das wurde doch erst am Montag für die innovation sessions im i4Null freigegeben. Und Sie haben die Lösung, den neuen Reißverschluss fürs 21. Jahrhundert, den Millionen-Seller, heute, an einem Mittwoch, hier in dieser dunklen Gasse? Unmöglich, Herr Ideeologe! Suchen Sie sich einen besseren Bären, den Sie fangen wollen.” Ich mache Anstalten zu gehen, doch der Herr Ideeologe hält mich zurück. “Warten Sie … bitte!” – “Wenn Sie eine gute Erklärung zu all dem hier haben …”, sage ich vorwurfsvoll, insgeheim rast meine Neugierde und lässt mich zittern. “Der iScribent ist ein Geschenk von Steve, der uns letzte Woche auf der InnovaWorld in Las Vegas besuchte. Ich bin der Entwickler von VisIn+4. Hier sehen Sie selbst.” Wir gehen ein paar Schritte zur Laterne, so dass wir das Display kontrastreicher sehen können. Und tatsächlich: Anibooms im Quadruplus-Viewing-Modus huschen über das Display. Ganze Formelwände spiegeln sich im Raum. Das Modell des neuen Reißverschlusses erscheint, plastisch, organisch. Ich glaube gar, der Reißverschluss ist real. Ich bin fasziniert. “Wie nur bekommen Sie diese tempi realis in dieses kleine Gerät?”, frage ich verwirrt. Der Ideeologe antwortet begeistert: “Der iScribent wird direkt vom Serverbeam versorgt, bei dem ich angemeldet bin. Die Partikelströme sind derart minimal, dass sie annähernd verlustfrei transportiert werden können. Daher genügt dem Gerät eine amorph-hybride Lavazelle. Seit wir keine Datenströme mehr durch den Raum schicken, erübrigen sich Transformationen jeglicher Art und es entstehen so gut wie keine Energiedefizite mehr.” Jetzt erst sehe ich, dass der Erfinder am Zeigefinger der rechten Hand einen kleinen Ring trägt. Wenn immer er den Finger bewegt, ja, selbst wenn er den Ring dreht, ändern sich unmittelbar die Aktionen und Darstellungen im Display. “Eine Frage beschäftigt mich noch immer”, sage ich zum Ideeologen. “Und die wäre?”, antwortet er. “Sagen Sie mir bitte: Wie sind Sie an die Problemlösung des Reißverschluss-Projekts gekommen?” – Er schweigt das erste Mal. Habe ich seinen wunden Punkt entdeckt? Verlange ich von ihm eine Erklärung, auf die er nicht vorbereitet ist? Verbirgt er ein Geheimnis? Endlich antwortet er: “Also gut. Wir haben eine Technologie entwickelt, die es uns ermöglicht, analog der Partikelströme auch an den Gehirnströmen zu partizipieren und sie nach einer Analogie-Entschlüsselung zu visualisieren.” – “Bedeutet das, Sie können Gedanken mitlesen, diese interpretieren und daraus Informationen jeglicher Art gewinnen und nutzen?” Der Ideeologe sagt nichts. Mein Puls rast. “Antworten Sie!” schreie ich ihm an. “Ja“, sagt er schließlich, jetzt kläglich. Mehr muss ich nicht hören. “Das darf nicht sein! Nie! Nie!” Dann stürze ich mich auf ihn, versuche ihm das Gerät zu entreißen, er zeigt Widerstand, doch ich kämpfe, hartnäckig und verbissen. Da trifft mich ein Schlag und ich falle, falle unendlich tief — und erwache. Habe ich gestern so viel Wein getrunken, denke ich noch und schlafe schon wieder weiter.
fini