Über den Dialog, Innovation und ein Sitzmöbel
Ein eMail-Gespräch zwischen Paul Bayer, Maschinenbauingenieur, Problemlöser und
Prozessspezialist bei BMW in München und Joachim Zischke, Ideenberater.
Paul Bayer: Lieber Herr Zischke, vielen Dank für Ihre eMail. Sie laden zum Dialog ein. Gut, davon haben wir zu wenig, da bin ich dabei. Dialog bedarf nicht nur eines Partners, sondern auch der geeigneten Fragen. Da muss ich gestehen, dass ich, bezogen auf ihre Aussage “Wir brauchen mehr Innovationen”, doch etwas skeptisch bin. Nicht, weil ich da anderer Meinung bin, sondern weil die Frage etwas unpräzise ist. Wie sehen Sie das?
Joachim Zischke: Lieber Herr Bayer, schönen Dank für Ihre Zeilen, die das Antworten geradezu herausfordern. Gerne nehme ich Ihre Bemerkung zu meiner Website auf und beantworte Ihre Frage mit Fragen: Muss ein Dialog stets mit einer Fragestellung beginnen? Genügt vielleicht auch eine konkrete Aussage, um einen Dialog in Gang zu setzen? Meine Aussage lautete: “Wir brauchen mehr Innovationen”. Ich denke, darin steckt eine Menge von Fragen: Was sind Innovationen? Warum brauchen wir mehr Innovationen? Brauchen wir überhaupt Innovationen? Wer ist mit wir gemeint? Sie sehen: schon aus einer einfachen Aussage lassen sich viele anregende Dialogfragen ableiten.
Paul Bayer: Darf ich Sie bei dem Stichwort Innovation auf den Neujahrsbeitrag von Scott Berkun verweisen? Es wäre schade, wenn Sie in Ihrem neuen Magazin in so eine Richtung geraten würden. Deswegen finde ich den Rat von Scott ganz passend.
Joachim Zischke: Möglicherweise gehen wir mit dem Begriff Innovation falsch um, verstehen ihn nicht richtig oder interpretieren ihn missverständlich. Wir reden beispielsweise gerne von innovativen Ideen. Was aber sind das für Ideen? Meinen wir mit innovativ etwas Neues oder Besseres oder noch nie Dagewesenes? Oder sind innovative Ideen welche, die wir umsetzen wollen oder die wir uns erst noch ausdenken, vielleicht erträumen wollen?
Innovation muss sich ja nicht unbedingt in Produkten ausdrücken, die wir kaufen können. Innovation kann auch eine neue Organisationsform, eine Technologie, ein Verfahren oder ein neues Anwendungsfeld einer Idee sein. Vom Wortstamm aus betrachtet, bedeutet Innovation nicht nur Neues, sondern auch Erneuerung. So eröffnet sich ein weites Feld andersartiger Betrachtungen.
Ich stimme Ihnen zu, der Begriff Innovation ist inzwischen ebenso abgenutzt wie der Begriff kreativ oder das Wort Idee. In meinem Blog schrieb ich einmal Wir brauchen keine Ideen mehr. Sondern? Innovationen! Ersetzen Sie einfach Innovation mit Umsetzen oder Realisieren oder Handeln, dann haben Sie das, was ich meine. Klingt aber dann nicht mehr so innovativ …
Paul Bayer: Wie ordnen Sie jetzt Ihre Aussage zur Innovation in diesem Kontext ein, Herr Zischke? Glauben Sie nicht auch, dass wir zu viele Leute haben, die sagen: “Wir brauchen mehr Innovationen”, dann aber endlose Debatten darüber führen und nichts, aber auch gar nichts passiert?
Joachim Zischke: Sie haben durchaus Recht, Herr Bayer: Wir brauchen nicht mehr Debatten. Mit meiner Feststellung möchte ich zum Nachdenken anregen und deutlich machen: Wir brauchen mehr konkretes Handeln, ein forciertes, vielleicht auch beherzteres Umsetzen der vielen Ideen, die bereits vorhanden sind und nur darauf warten, angefasst zu werden. Doch woran liegt es, dass wir meist hervorragend im Erschaffen von Ideen, aber nicht erfolgreich im Umsetzen sind? Ich sehe einen Grund in der Art und Weise, wie wir die Prozesse des Ideenfindens und des sich anschließenden Umsetzens gestalten, wie wir uns (als Einzelner, als Team, als Unternehmen) motivieren, eine Sache zu entwerfen, zu entwickeln und uns daran setzen, das Virtuelle wirklich in Realität umzusetzen. Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang auch, welche Kultur der Kommunikation und des Wissensaustauschs wir dabei pflegen, wie wir Netzwerke aufbauen und zu welchem Zweck wir sie nutzen.
Im DIALOGUS Magazin werden wir sicherlich nicht Anreize für mehr endlose Debatten geben, da kann ich Sie beruhigen. Wir werden Handlungsansätze aufzeigen, wie aus Ideen tatsächlich Innovationen werden können.
Nun die Frage, die Sie sicherlich schon erwarteten, Herr Bayer: Was bedeutet Innovation für Sie, als Ingenieur und Prozessspezialist?
Paul Bayer: Hallo Herr Zischke, jetzt wird es etwas ausführlicher. Eine Innovation ist für mich das Erschaffen eines neuen technischen Systems, das in meiner ‘TRIZ’ (russisches Akronym für ‘Teoria reshenija izobretatjelskich zadacz’ – “Theorie des erfinderischen Problemlösens”)-Logik seine eigene ‘S-Kurve’, also sein eigenes Entwicklungspotenzial hat. Verbesserung bedeutet das Ausschöpfen dieses Entwicklungspotenzials. Deswegen gibt es einen Unterschied zwischen Innovation und Verbesserung. Eine Erläuterung finden Sie in meinem Blogartikel Systemrevolution und Verbesserung. Jedes System enthält Widersprüche, die sein Entwicklungspotenzial begrenzen. Eine Innovation überwindet diese Widersprüche (und schafft neue).
Jetzt muss ich aber mein Statement wieder relativieren. Die obige Aussage ist wahr in einer zeitlichen Dimension, wie es die Grafiken in meinem Artikel auch nahelegen. Aber die zweite Dimension ist der Raum: Ein System besteht aus Subsystemen, diese wiederum aus Sub-Sub-Systemen. Die Verbesserung eines Systems kann sehr wohl durch eine Innovation eines Sub-Systems erfolgen. Umgekehrt kann eine Innovation eine neue Kombination bekannter Subsysteme sein. In dieser Richtung verschwimmen also Innovation und Verbesserung wieder.
Zum Beispiel kann ich in einem industriellen Prozess einen Montageablauf verbessern, indem ich ein neues Werkzeug erfinde (Innovation!), das Zange und Hammer kombiniert und so das Ablegen und Wechseln des Werkzeugs überflüssig macht. Sie sehen, Innovation und Verbesserung gehören zusammen. Das ist das Geheimnis des japanischen Wegs, beide zusammen zu bringen und eine wechselseitige Dynamik zu erzeugen.
Übrigens: Seit gestern habe ich einen neuen Hocker, Mi Shu heißt er und ist eine Erfindung von Gabriele Wander. Beim Schreiben dieser eMail sitze ich darauf.
Joachim Zischke: Danke, das war eine wirklich sehr umfassende Schilderung. Mi Shu erinnert mich an die Sitzmöbel Balans und Swopper. Hätten Sie ein konkretes Beispiel, um Ihre Ausführungen praxisorientiert zu verdeutlichen? Vielleicht direkt an Mi Shu?
Paul Bayer: Die TRIZ-Methode lässt sich gut an meinem neuen Hocker demonstrieren. Am besten, Sie schauen sich vorher noch einmal die Wirkungsweise des Sitzmöbels an.
TRIZ kennt verschiedene technologische Trends, nach denen sich Systeme entwickeln. Einer davon ist die Dynamisierung. Der Dynamisierungstrend kennt abstrakt verschiedene Phasen:
- Unbewegliches System
- gelenkiges System
- voll flexibles System
- flüssiges oder pneumatisches System
- feldbasiertes System
Durch das Gelenk oder die zwei Gelenke unter der Sitzfläche gelingt Mi Shu der Übergang von Stufe 1 zu 2. Gleichzeitig zeigen mir die Phasen weitere Entwicklungsmöglichkeiten auf (z.B. die Zukunft von Mi Shu). Ich kann Mi Shu mit weiteren Trends beschreiben:
- Anpassungsfähigkeit (Aktions-Koordination zwischen Sitzendem und Sitzmöbel)
- Mono-Bi-Poly (Anzahl beweglicher Elemente)
- Steigendes Benützen der Sinne
- Steigende Freiheitsgrade
Die Form der Sitzfläche sowie das Gelenk direkt unterhalb der Sitzfläche und seine Freiheitsgrade, stellen Mi Shu auf eine höhere Innovationsstufe, als die von Ihnen genannten Möbel Balans und Swopper.
Sie sehen auch daran: Innovation bewertet der Kunde (ich) anhand der Differenzen zu den restlichen Produkten, die er kennt oder bereits einsetzt. Innovation ist ihm einen Preis wert, nämlich den Nutzen, den er sich gegenüber den anderen Produkten (in unserem Falle seinen starren Stühlen oder Hockern) erhofft. Eine weitere Rolle bei Mi Shu spielen Material und Ästhetik.
Auf der anderen Seite merke ich an meinem Allerwertesten, dass Mi Shu noch am Anfang seiner Evolutionskurve steht, also noch Verbesserungspotenziale hat. Die stärkere Punktauflage an den Sitzknochen, die die Wirbelsäule aufrichtet, bewirkt auch eine stärkere Belastung der dazwischenliegenden Muskulatur. Deshalb kann man auf Mi Shu nicht solange sitzen, wie auf einem normalen Stuhl. Vielleicht ist das ja aber auch Gewohnheitssache …
PS: Meine Aussagen zu Innovationen gelten nicht nur für technische Systeme, sondern können auch in der Wirtschaft und im Management angewendet werden. Auch dort gelten die S-Kurven und das Wechselspiel von Innovation und Verbesserung: Materialsteuerung, ein Trainingssystem, Marketing, Unternehmensstrategie. 
