Habe Mut

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Im Grimmschen Märchen Von dem Fischer un syner Fru lernen wir die notorisch unzufriedene Illsebill, des Fischers Frau, kennen. Erst will sie königlich, dann kaiserlich und schon bald päpstlich sein — der Butt, ein verwunschener Prinz, der um sein Leben fürchtet, erfüllt ihr all diese Begehren. Schliesslich will sie wie der liebe Gott sein — und findet sich Knall auf Fall in ihrer stinkenden Kate wieder. Oder wie es im Niederdeutschen so originell klingt: »Se sitt all weder in’n Pissputt.«

Wir wissen: Hochmut kommt vor dem Fall. Was des Fischers Fru Ilsebill fehlt, ist nicht Anmut, Langmut, Wehmut, Unmut oder Übermut — nein, ihr fehlt ein anderer, weit schwierigerer und daher auch wenig populärer Mut: ihr fehlt Demut. Das klingt heute ein wenig angestaubt, für viele religiös besetzt; das schmeckt nach Unterwürfigkeit, wie sie in der bei den Griechen und Römern gering geachteten Haltung zwischen Herrn und Knecht zum Ausdruck kommt, ja, sogar nach Demütigung.

Demut, die wir meinen, beschreibt die Gesinnung eines Dienenden. Es ist die Einsicht in die Grenzen des Möglichen und Machbaren in unserer Welt. Die Anerkennung, dass unser menschliches Tun unvollkommen ist und bleiben wird. Und auch die Erkenntnis, dass wir nichts, bestenfalls wenig, auf keinen Fall aber alles wissen.

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»Nicht weil es schwer ist, wagen wir’s nicht, sondern weil wir’s nicht wagen, ist es schwer.«
Lucius Annaeus Seneca

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Mit seinem berühmt gewordenen Ausspruch »Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!« ruft Immanuel Kant nicht zum Anhäufen von Wissen auf, sondern will uns einen Ansporn zum Selbstdenken geben. Wenn wir zu sehr auf die Meinung anderer hören, werden wir zu Unmündigen. Nicht, weil es uns an Wissen und Verstand mangelt, sondern weil wir den mutigen Entschluss unterlassen, selbst zu denken. Nun steht Kants Wahlspruch sapere aude nicht nur für eigenständiges Denken; er beinhaltet auch die Aufforderung zum Handeln, gerade dann, wenn der eigene Verstand zu einer anderen Einsicht kommt als der so genannte gesunde Menschenverstand. Für Kant bilden Selbstdenken und Handeln eine Einheit: Erst durch die Tat beweist sich unser Wissen.

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»Courage is what it takes to stand up and speak; courage is also what it takes to sit down and listen.«
Winston Churchill

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Betrachten wir die aktuelle Wirtschaftslage, so scheint es, als gäbe es einen medialen Wettlauf der Volkswirtschaftler, die schlechteste Wirtschaftsprognose abzugeben. Keine Frage: Negative Wirtschaftsentwicklungen lassen sich nicht leugnen, doch es fehlen eindeutig die Positivmeldungen. Es ist ja nicht so, dass in Deutschland plötzlich keine Eisenbahnen mehr fahren oder viele Läden, mangels Kaufinteresse der Konsumenten, schließen müssen.

Wir blicken in die falsche Richtung. Unsere Fixierung auf ökonomische Ziele und Zahlen führen uns zu Erwartungen, die niemand wirklich erfüllen kann. Wir benutzen unseren Verstand nicht dazu, über wahre Werte und Menschlichkeit nachzudenken, sondern folgen im blinden Vertrauen den Versprechungen, die uns Karriere und das Materielle verheißen. Nicht »Geldwerte machen uns reich, sondern dass wir uns haben« formulierte es kürzlich Bischof Wanke. Was wir dringend benötigen ist die Demut zu erkennen, dass wir die Zukunft nicht vorhersagen können, dass wir auf uns auf einem falschen Weg der Werte befinden. Und wir brauchen den Mut, uns unseres Verstandes zu unserer aller Wohl zu bedienen. fini

1. Januar 2009 | | , , , ,