Paul: Über die Ideenfängerei
Nach einigen Monaten bin ich Paul wieder begegnet. Ich dachte schon, du bist ausgewandert, begrüßte ich ihn an einem Marktstand, wo er gerade Gurken einkaufte. So in etwa, antwortete Paul und lächelte etwas verlegen, wie mir schien. Und wo stecktest du die ganze Zeit?, schob ich eine weitere Frage nach. Ich befand mich sozusagen in Klausur. Er drehte sich um, bezahlte die Gurken und sagte: Lass uns mal kurz einen Tee trinken. Tee?, fragte ich verblüfft. Bis gestern war Kaffee doch deine Stimulanz erster Wahl. Nichts ist beständiger als der Wandel, wusstest du das nicht?, antwortete Paul und war schon unterwegs.
Paul bestellte sich einen Green Manjolai, ich ein halbstilles Mineralwasser. Dann eröffnete er unsere Sitzung: Die Indianer pflegten früher einen Traumfänger über ihrem Ruheort aufzuhängen, um den Schlaf zu verbessern. Ihre Lebenserfahrung: Die bösen Träume bleiben im Netz hängen und werden später von der Morgensonne neutralisiert, während die guten Träume durch das Netz schlüpfen und eine angenehme Nachtruhe schenken. Und das funktionierte recht gut. Aha, murmelte ich und nickte mit dem Kopf, zum Zeichen, dass ich noch mehr hören wollte. Paul fuhr fort: Ich habe mir nun die Frage gestellt, wie wäre es, wenn wir eine Art Ideenfänger zur Verfügung hätten, mit dem wir, wie die Indianer ihre Träume, neue Ideen einfangen könnten? Er machte eine nachdenkliche Pause, die ich zu meinem Einwurf nutzte: Entschuldige, Paul, Träume und Ideen mögen ja vielleicht noch von den Ursachen her irgendwie zusammen gehören, aber ein Ideenfänger in der Art eines Traumfängers — so ein Traumfänger ist doch nur symbolisch oder, als moderner Mensch gesprochen, nur esoterisch im Kopf vorhanden.
Auch du, Brutus?, fragte Paul, so sanft und leise, als müsste er ein aufgeregtes Tier beruhigen. Dann sagte er: Alle Sätze, die ein aber mit sich führen, bringen Unruhe und Auseinandersetzung. Dieses unselige Aber facht wie der Wind das Feuer des Widerspruchs an, ist dir das noch nie aufgefallen? Ich denke, Paul, du übertreibst hier ein wenig. Klar, in gewissem Sinne hast du ja vielleicht Recht, aber — Siehst du, schon wieder ertappt, sagte Paul, doch diesmal schüttelte er seinen Denkerkopf, als wollte er sagen, er begreift es einfach nicht. Zurück zur Ideenfängerei, wechselte Paul abrupt das Thema.
Ich habe also einen Ideenfänger konstruiert und — Und wie sieht er aus?, fiel ich Paul ins Wort. Ich werde mich hüten, ihn dir zu beschreiben, sagte Paul, du würdest ihn als alter Skeptiker ohnehin nur in der Luft zerreißen wollen. Eins will ich dir dennoch verraten: Ja, mein Ideenfänger folgt in der Form dem Traumfänger der Indianer, nur verwende ich keine Hühnerfedern, ich benutze etwas allzu Menschliches, Ausdrucksstarkes: einen Skalp!, rief Paul plötzlich und lachte hämisch, als er meinen verwirrten Gesichtsausdruck sah.
An drei völlig unterschiedlichen Orten habe ich den Ideenfänger ausprobiert: in der Stadt, inmitten »moderner Menschen«, in einer Waldhütte und in einer kleinen Pension auf einer Insel. Und das Ergebnis?, fragte ich ungeduldig. Das Ergebnis war folgendes: In der Stadt, inmitten von Häuserzeilen, Autos und LKWs, einer immer andauernden Flut von Bewegung, Lärm und Licht, versagte der Ideenfänger. Keine brauchbaren Ideen, nichts. In der Waldhütte hingegen: Ich wachte regelmäßig gegen Morgen, etwa um Fünf auf, den Kopf voller neuer Ideen und neuer Gedanken. Nach der Waldhütte wechselte ich zur Insel. Auch da machte ich durchweg positive Erfahrungen, allerdings war die Ausbeute geringer. Ich vermute, dass Wind und Wellen das Denkempfinden beeinflussten, bei mir jedenfalls. Das ist ja richtig spannend, sagte ich und hoffte, dass meine Stimmlage Anerkennung und Bewunderung ausdrückten — ich meinte es diesmal wirklich so.
Nun, fuhr Paul fort, ich wechselte dann für jeweils vierzehn Tage erneut die Standorte, um meine Annahmen durch Gegenproben abzusichern oder zu verwerfen. Doch es blieb dabei: die Waldhütte blieb mein Favorit. Heißt das, dass allein der Aufenthalt in anderer Umgebung zu Ideen führt?, fragte ich Paul. Nein, nicht allein, antwortete Paul, es müssen noch verschiedene Faktoren und Dispositionen hinzukommen. Darüber kannst du demnächst mehr in meinem Artikel lesen, wenn ihn jemand denn publizieren will — neues Wissen wird nicht von Jedermann gerne gesehen, insbesondere nicht von jenen, die aktuell von ihren Ideen profitieren.
Zahlst du heute mal die Rechnung?, fragte Paul plötzlich froh gelaunt, sprang auf und lief schon hinaus.
