Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht ein Buch aufschlage

Was macht ein Vielleser, wenn er keinen Platz mehr für neue Bücher hat? Nach welchen Kriterien wählt er seine Bücher aus? Was ist für ihn an einem Buch wichtig — Aufbau, Sprache, schöne Ausstattung? Kann man aus Büchern etwas lernen? Fragen, die der Buchautor und Rezensent Dieter Wunderlich in einem eMail-Gespräch mit DIALOGUS Herausgeber Joachim Zischke beantwortete.

p Joachim Zischke: Herr Wunderlich, auf Ihrer Website stellen Sie als Vielleser und Vielseher mehr als 3300 persönliche Inhaltsangaben, Rezensionen und Hintergrund-Informationen zu Büchern und Filmen bereit. Ein besonderes Augenmerk legen Sie auf Buch-Neuerscheinungen und Filmstarts. Meine erste Frage an Sie lautet: Warum lesen Sie so gerne so viel?

Dieter WunderlichDieter Wunderlich | Buchautor

p Dieter Wunderlich: Im Studium und während der Berufstätigkeit las ich fast ausschließlich Sach- beziehungsweise Fachbücher. Als ich dann endlich wieder Zeit fand, Belletristik zu lesen, genoss ich das sehr, und ich behielt es bis heute bei. Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nicht ein Buch aufschlage. Das Lesen gut ausgedachter Geschichten macht Spaß. Ein origineller, raffinierter und intelligenter Aufbau verstärkt das Vergnügen. Außerdem beschäftige ich mich gern mit Sprache. Wenn sich also die Autorin oder der Autor eines inhaltlich und formal überzeugenden Buches elegant und treffend auszudrücken vermag, gehört die Lektüre zu einer der schönsten Freizeitbeschäftigungen, die ich kenne. Ob man dabei viel lernt, bezweifle ich, aber die mit Lesen verbrachte Zeit ist selten verschwendet.

p Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Bücher aus? Bevorzugen Sie bestimmte Genres? Kaufen Sie spontan, vielleicht nach einer Bestseller-Liste oder haben Sie ein Abonnement beim Buchhändler Ihres Vertrauens?

p Die Bandbreite meines Büchergeschmacks ist verhältnismäßig groß: von ernst bis lustig, vom klassischen Theaterstück bis zum spannenden Thriller. Krimis und historische Romane stehen nicht gerade im Zentrum meines Interesses, aber hin und wieder lese ich auch solche Bücher mit großem Vergnügen. Wichtiger als das Genre sind mir ein origineller Plot, eine einfallsreiche, nicht zu triviale Ausarbeitung und eine zumindest ordentliche Sprache.

Die meisten Anregungen bekomme ich von meiner Frau, die mir auch lesenswerte Rezensionen in der Zeitung ankreuzt. Eine Reihe von Verlagen schickt mir regelmäßig Informationsmaterial über die geplanten Frühjahrs- und Herbstausgaben. Ab und zu schaue ich auch in Bestseller-Listen oder die Ausleih-Statistik der Stadtbücherei. Früher tat ich das mit der Absicht, die dort gelisteten Bücher gerade nicht zu lesen, heute probiere ich den einen oder anderen erfolgreichen Titel aus.

Bevor ich mich für ein Buch entscheide, google ich auch noch nach Meinungsäußerungen dazu im WWW. Außerdem gibt es Autorinnen und Autoren, die ich sehr schätze. Allerdings steht der Wunsch, weitere Bücher von ihnen zu lesen mit der Neugierde auf andere Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Konflikt.

p Wenn ich mit einem Packen Bücher nach Hause komme, stapel ich die Bücher erst einmal vor mir auf, dann lese ich die Bücher an: Klappentexte, Inhaltsverzeichnis, die erste und die letzte Seite, häufig auch die Bibliografie. Dabei genieße ich beim Blättern, sozusagen als Vorfreude auf das Lesen, den typischen Duft von Papier, Klebstoffen und Lacken. Wie machen Sie das, Herr Wunderlich? Gibt es bei Ihnen vielleicht auch ein Ritual, wie Sie mit Ihrem Neuerwerb umgehen?

p Auf das Lesen von Klappentexten etc. verwende ich nicht viel Zeit, aber ich genieße es, die Bücher kurz anzuschauen, anzufassen und zu riechen. Nach der ersten Begutachtung überlege ich, in welcher Reihenfolge ich die Bücher lesen möchte und staple sie dann entsprechend. Die freudige Erwartung setzt sich mit dem Aufschlagen des ersten Buches fort. (Mitunter ist dann allerdings der Inhalt enttäuschend.)

Weil meine Frau und ich etwa 3000 Bücher im Haus haben und nicht mehr wissen, wohin mit neuen Titeln, nutzen wir seit wenigen Wochen die örtliche Stadtbücherei. Ich sitze zwar sehr gern im Lesesaal einer wissenschaftlichen Bibliothek oder der Deutschen Nationalbibliothek, aber das Ausleihen von Romanen vermieden wir jahrzehntelang, weil Bibliotheksexemplare naturgemäß abgegriffen sind und mitunter auch seltsam riechen. Viel angenehmer ist es, ein neues, ungelesenes Buch in der Hand zu halten. Besonders schön finde ich sorgfältige Buchbinderarbeiten mit gutem Papier, farbigem Frontispiz, Fadenheftung und Lesebändchen. Leider sehen heute die meisten Bücher unter dem bunten Schutzumschlag schäbig aus.

p Herr Wunderlich, Sie erwähnten eingangs, dass für Sie ein origineller, raffinierter und intelligenter Aufbau einer Geschichte das Vergnügen verstärkt. Zu einer inhaltlichen sprachlichen Ästhetik kommt ja eine weitere Dimension hinzu, um das Vergnügen perfekt zu machen: der visuelle und be-greifbare Auftritt eines Buches. Sorgfältige Buchbinderarbeiten, gutes Papier, farbiger Frontispiz … Sie nannten einige dieser Besonderheiten. Gibt es für Sie ein Spannungsverhältnis zwischen der Anmutung, Typografie und dem Inhalt eines Buches? Und was meinen Sie: Beeinflusst der optisch-haptische Effekt eines Buches unser Leseverhalten? Oder anders gefragt: Liest sich eine gute Geschichte in einem schlecht gemachten Buch genauso gut?

p Eine gute Geschichte bleibt auch in einem Reklam-Bändchen oder in einem rororo eine gute Geschichte, aber eine gut zu lesende Schrift, ein großzügiger Satzspiegel, ein ästhetisches Layout, gutes Papier usw. machen die Lektüre erst wirklich zum Vergnügen.

p Sie beschäftigen sich ja sowohl mit Büchern als auch mit Filmen, über die Sie Rezensionen schreiben. Nun sind beides Medien, die eine recht differenzierte Rezeption aufweisen. Wann gehen Sie lieber in einen Film, wann bleiben Sie lieber im Lesesessel sitzen? Stört es Sie, wenn Sie eine Literaturverfilmung sehen, das Buch jedoch nicht kennen? Oder der umgekehrte Fall, Sie kennen bereits das Buch: Gehen Sie dann mit einer besonderen Erwartung in den Film?

p Grundsätzlich lese ich lieber zuerst das Buch und schaue mir dann den Film an, denn sonst habe ich bei der Lektüre die Schauspieler vor Augen und kann keine eigenen Vorstellungen mehr entwickeln. Im Kino bin ich dann sehr gespannt, was aus dem Roman gemacht wurde, ob sich der Drehbuchautor etwa in einem komplexen Plot verheddert hat, der nicht in zwei Stunden auf die Leinwand gebracht werden kann,oder es geschafft hat, sich auf eine überzeugende Essenz zu konzentrieren. Den oft gehörten Satz »Literaturverfilmungen sind immer enttäuschend, besonders wenn man das Buch gelesen hat« halte ich für ein Vorurteil.

Gewiss, einige Drehbuchautoren und Regisseure sind bei der Verfilmung eines Romans gescheitert, aber das bedeutet noch lange nicht, dass der Film dem Buch prinzipiell unterlegen ist. Auf jeden Fall sind die Sprachen von Kino und Literatur verschieden (auch wenn manche Romanciers inzwischen Techniken verwenden, die im Kino entwickelt wurden). Beispielsweise können auf der Leinwand keine inneren Monologe gezeigt werden. Das unterscheidet beispielsweise den Roman und den Film Alexis Sorbas, aber ich halte beides für Meisterwerke.

Um auf den ersten Teil Ihrer Frage zu kommen: Wer Action mag, wird sich entsprechende Plots wohl lieber auf der Großleinwand anschauen. Da ich keine Vorliebe für Action und Effekthascherisches habe, sondern kammerspielartige Filme besonders schätze, gibt es kaum Themen, bei denen ich von vornherein sagen würde, dass ich mich damit lieber im Lesesessel als im Kino oder umgekehrt beschäftige.

p Machen wir einen Abstecher zu Ihrer eigenen Literatur. Sie verfassten seit 1995 mehr als dreizehn Bücher und Hörbücher, darunter eine — ja man könnte sagen — Frauen-Trilogie: EigenSinnige Frauen, WageMutige Frauen und AußerOrdentliche Frauen, Portraits von Frauen der Weltgeschichte, der Mode, der Literatur, der Musik, der Politik, der Wirtschaft. Wie kamen Sie auf den Gedanken, sich derart intensiv mit dem Leben von Frauen auseinanderzusetzen? Ein Ergebnis Ihrer ungebändigten Leselust? Und: Verbinden Sie mit den genannten Büchern, neben dem einer unterhaltenden Lektüre, vielleicht auch einen gesellschaftspolitischen Anspruch?

p Als ich überlegte, worüber ich schreiben wollte, stand rasch fest: außergewöhnliche Persönlichkeiten. Das lag nahe, weil sich bei diesem Thema mein Studium (Psychologie) und mein besonderes Interesse (Geschichte) überschneiden. Männern wurden oft genug Denkmäler errichtet. Für Frauen war es weitaus schwieriger, außerhalb der ihnen traditionell zugewiesenen Wirkungsbereiche erfolgreich zu sein. Also trug ich im Lauf der Zeit Material über rund 300 außerordentliche Frauen zusammen. Mit 44 von ihnen beschäftigte ich mich intensiver und porträtierte sie in den drei von Ihnen genannten, als Piper-Taschenbücher verfügbaren Büchern. Bei der Auswahl ging es mir um eine möglichst große Vielfalt, denn ich möchte zeigen, dass es zu allen Zeiten und in allen Lebensbereichen Frauen gab, die Leistungen vollbrachten, von denen man glaubte, sie seien besonders starken Männern vorbehalten. Auch wenn es riskant ist, sich den gesellschaftlichen Erwartungen zu widersetzen — einige der vorgestellten Frauen zerbrachen daran —, sollen sich Leserinnen und Leser durch die eindrucksvollen Vorbilder ermutigt fühlen, persönliche Ziele anzustreben, statt ausgetretene Pfade zu benutzen, denn eine demokratische Gesellschaft ist auf selbstbewusste Individuen mit eigenen Meinungen angewiesen.

p Eine Bemerkung, die Sie gleich zu Beginn unseres eMail-Gesprächs äußerten, möchte ich noch einmal aufgreifen. Sie sagten sinngemäss: »Ob man beim Lesen viel lernt, bezweifle ich.« Bezieht sich Ihre Feststellung nur auf Bellestristik oder alle Arten von Büchern? Könnten Sie bitte erläutern, warum Sie das so sehen?

p Die Bemerkung bezog sich nicht auf Sach- und Fachbücher (allerdings auf die Ratgeber-Literatur). Bleiben wir dennoch kurz beim Genre Sachbuch: Sie erinnern sich, dass ich die Meinung, Verfilmungen seien grundsätzlich schlechter als ihre literarischen Vorlagen, für ein Vorurteil halte. Bei Sachthemen sehe ich das ganz anders: Von filmischen Dokumentationen bin ich fast immer enttäuscht. Wenn ich etwas über das Dritte Reich wissen möchte, schaue ich mir keinen Beitrag von Guido Knopp an, sondern lese lieber ein Buch.

Nun zur Belletristik. Bei der Trivialliteratur ist es einfach: Da will man sich als Leserin oder Leser unterhalten. Aus. Schwieriger ist die Beantwortung Ihrer Frage, wenn es um gehobene Literatur geht. Ich denke schon, dass man bei der Lektüre etwas lernt; der Vorgang ist nur nicht so eklatant wie bei Sach- und Fachbüchern.

Fangen wir wieder mit dem Einfachen an: Beim Lesen eines gut geschriebenen Buches üben wir uns im Gebrauch der Sprache. Dieser Effekt ist nicht zu unterschätzen. Anspruchsvollere Schriftstellerinnen und Schriftsteller versetzen uns darüber hinaus in fremde Situationen und ermöglichen es uns, diese aus anderen Perspektiven wahrzunehmen und dabei zumindest im geistigen Nachvollzug neue Erfahrungen zu machen. Am wenigsten greifbar ist das Lernen, wenn es sich um ein Buch handelt, das keine Message transportiert, sondern durch einen kunstvollen Aufbau, also die Form beeindruckt. Das lässt sich mit dem Anhören von klassischer Musik vergleichen, das bereichert, ohne dass sich konkret angeben lässt, wie dies geschieht.

p Herr Wunderlich, herzlichen Dank für unser Gespräch. fini

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Dieter Wunderlich: Persönliche Buchtipps und Filmtipps