Setze den Stein, vergiss die Welt
Text: Joachim Zischke
Listoba ist ein Spiel mit Steinen. Es nutzt das Prinzip der Balance als spielerisches Mittel, um sein Leben zu reflektieren. Wir bauen keinen Turm, sondern bringen unser inneres intuitives Empfinden von Ausgewogenheit, Schönheit und Gestalt durch das Setzen von Steinen zum Ausdruck.
Listoba — ein Spiel mit Steinen
Balance, das ist ein Gleichgewicht von entgegenwirkenden Kräften, ein Zustand der Ausgewogenheit. Balance symbolisiert eine ideale und stabile Situation, die jedoch vergänglich ist und sich durch geringste Einflüsse verändern kann. Wie unser Leben.
Listoba ist ein ernstes Spiel mit spielerischem Ernst. Es geht in unserem Steinspiel nicht um Steine, aber ohne Steine geht es nicht. Die Steine führen uns von einer Außenwelt in eine Innenwelt, von einer Welt der Unruhe in einen still stehenden Raum des Abgewandtseins und der Konzentration. Indem wir einen Stein setzen, versuchen wir, ihn in Balance zu bringen, sowohl der Gravitation folgend als auch in seiner ästhetisch-visuellen Gestalt. So richten wir unser Denken und Handeln gezielt darauf, wie wir eine Balance schaffen können. Und dabei vergessen wir die Welt um uns. Reflexion wird möglich.
Es sind drei Phasen, die das Spiel zu einer Einheit verbinden: das Auswählen der Steine, das Setzen der Steine und das Vergessen der Welt.
Das Auswählen der Steine
Das Auswählen der Steine macht uns die Schönheit der unbelebten Natur bewusst. Wenn wir einen Stein ergreifen, spüren wir seine im Verborgenen ruhende Kraft und Stärke.
Am schönsten gefallen uns Flusssteine, wie wir sie in den Gebirgsbächen finden. Diese Steine zeigen eine Vielfalt von Farben und Mustern. Sie sind aufgrund ihrer langen Reisen handschmeichelnd gerundet. Aber auch Findlingssteine, die der Bauer an den Ackerrändern aussortierte, eignen sich gut.
Wollen wir in den Räumen eines Hauses spielen, wählen wir einen Durchmesser zwischen fünf und 15 cm. Wollen wir die Steine in einem Garten zu einer Skulptur setzen, dient uns eine Größe von zehn bis 20 cm. Wir sollten uns immer des Gewichts und der Kraft der Steine bewusst sein.
Wir legen uns einen kleinen Fundus von verschiedenen Steinen zu: Wir unterscheiden Formen, Farben, Größen und Gewichte. In unserem Sortiment sollten sich sowohl runde flache als auch ungleichmäßig geformte Steine befinden. Steine mit Aushöhlungen, Einbuchtungen oder Vertiefungen sind von besonders hohem spielerischen Wert.
Schmutzige, mit Sand oder Lehm behaftete Steine reinigen wir zunächst, damit wir sie später gut in die Hand nehmen und damit arbeiten können. Eine weitere Behandlung benötigen unsere Steine nicht.
Das Setzen der Steine
Eine Spielsitzung beginnen wir, indem wir die Steine aus unserem Fundus in einem Halbkreis vor uns auslegen. Während wir sie einzeln betrachten, wählen wir einen Stein aus, der uns heute auf Anhieb gefällt. Wir legen ihn unmittelbar vor uns hin. Dann wählen wir einen weiteren Stein aus, vielleicht einen, der eine besondere Form aufweist.
Wir versuchen nun, den zweiten Stein auf den ersten zu setzen und zwar so, dass die Gravitation ausgewogen ist, gleichzeitig auch eine ästhetisch-visuelle Balance entsteht. Gelingt uns dies auf Anhieb und sind wir mit der Lage des Steins zufrieden, wählen wir weitere Steine aus und setzen diese wie bereits geschildert. Allein das Kräfteverhalten der Steine und unsere ästhetische Wahrnehmung, die sich in der Anordnung und Formgestalt ausdrückt, entscheiden darüber, wann das Spiel zu Ende ist.
An einem Tag sind wir vielleicht traurig oder wollen die Gleichförmigkeit unserer Tage sichtbar machen. Wir setzen die Steine zügig und passend aufeinander, reflektieren, ob dieses Bild unsere innere Stimmung widergibt. So dann beginnen wir das Gegenteil entstehen zu lassen: Wir versetzen die Steine derart waghalsig, das die Balance gerade noch gewahrt ist. Wir bringen Spannung ins Bild. Wir erfahren, wie minimale Veränderungen große Wirkungen erzeugen. Wie in unserem Leben. Wenn wir wollen, können wir mit zwei oder mehr Steinen gleichzeitig hantieren — das Sinnbild für ein aufregendes, abwechslungsreiches Leben.
An einem anderen Tag sind wir vielleicht impulsiv, gut gelaunt und mutig. Wir treiben unsere Stimmung mit den Steinen buchstäblich auf die Spitze: Wir setzen Steine spitz aufeinander und halten den Atem an, damit nicht ein leiser Lufthauch oder ein schwaches Erschüttern unser Werk zu Fall bringt.
Wenn es unser gesetztes Steingebilde erlaubt, drehen wir den untersten Stein — und alle Steine mit ihm — langsam und ruhig. So erfahren wir andere Perspektiven, erleben eine differenzierte Wahrnehmung.
Das Vergessen der Welt
Wir setzen Stein auf Stein, doch wir bauen keinen Turm. Wir denken nicht an eine bestimmte Form, die wir kopieren. Wir lassen einfach ein Gebilde entstehen, das unserem inneren intuitiven Empfinden von Ausgewogenheit, Schönheit und Gestalt folgt. In unserem Tun vergessen wir die Welt.
Veröffentlicht am 01. Oktober 2009