Die Vorstellung von Glück als Strategie zur Lebenskunst

Wir streben alle nach Glück. Um das zu erreichen, sollen uns Strategien zur Lebenskunst helfen. In Büchern und Seminaren werden sie uns angeboten. Brauchen wir wirklich Strategien und welche sind es? Könnte es auch sein, dass wir falsche Vorstellungen vom Glück haben? Der Glücksforscher Wolff Horbach setzte sich mit diesen Fragen auseinander.

beach Kennen Sie einen Lebenskünstler? Sind Sie selbst ein Lebenskünstler? Was macht überhaupt einen Lebenskünstler aus? Fragen, über die es sich lohnt, eine Weile nachzudenken.

Nehmen wir einmal an, es gäbe eine Akademie der Lebenskunst. Was würde dort gelehrt werden? Wie sähe die erste Unterrichtsstunde aus? Was wäre der große, übergeordnete Plan?

Stellen wir uns weiter einige Lehrende aus der Geschichte vor. Könnte uns beispielsweise ein Carl von Clausewitz bei den übergeordneten Zielen weiterhelfen? Schließlich war ein Meister der großen Schlachten. Clausewitz unterschied drei Dinge:

  • Die Strategie ist »der große Plan über allem«. Das betrifft längere Zeiträume.
  • Die Taktik ist die aktuelle Aktivität zur Erreichung eines kurzfristigen Ziels. Die kurzfristige Taktik ist Teil der Strategie.
  • Die Operation steht zeitlich und räumlich zwischen Taktik und Strategie.

Unternehmen scheinen von Claueswitz begeistert zu sein, denn sie haben die ursprünglich rein militärisch gedachten Begriffe übernommen. Sie sprechen von strategischer Planung und dem operativen Geschäft.

Im ersten Moment scheint Clausewitz ein geeigneter Lehrer für unsere Akademie der Lebenskunst zu sein. Er könnte uns helfen, den großen Plan über allem, die Strategie zur Lebenskunst zu entwickeln. Und so lauten denn auch die einschlägigen Artikel, Bücher und Seminare: Strategien zur Lebenskunst oder Die 15 wichtigsten Lebenskunst-Strategien für mehr Erfolg und Lebensqualität. Bemerkenswerterweise reicht eine Strategie nicht mehr aus, sondern es müssen gleich mehrere sein.

Wenn Clausewitz von der Strategie als dem großen Plan über allem spricht, dann hat er ein militärisches Denken im Kopf, nämlich Macht, das Erobern oder Verteidigen von Räumen und Ressourcen.

Aber ist das Leben ein Kampf um Macht? Geht es nur darum, möglichst viel zu erobern? Ist das Leben eine Aneinanderreihung von Schlachten, die möglichst siegreich zu bestreiten sind?

Wer ist für Sie eher ein Lebenskünstler: der erfolgreiche Unternehmer, der unablässig sein Filialnetz ausbaut und jetzt auf den asiatischen Markt vordringt oder der Maler, der in bescheidensten Verhältnissen lebt und nach dem Verkauf eines Bildes erst mal eine gute Flasche Rotwein aufmacht? Ist es der Immobilienmakler, der mit Anzeigen und manch taktischer Finte versucht, die Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen oder vielleicht die Arzthelferin, die nach Feierabend Gedichte schreibt?

Lebenskunst bedeutet für mich, den Hindernissen, die das Leben manchmal bereitstellt, mit besonders kreativen Ansätzen entgegenzutreten. Dabei geht es nicht darum, ob man die Hürde nimmt oder sie umgeht, sondern wie man dies tut.
Anna Walli

Bevor wir uns dem Schreiben einer Strategie zur Lebenskunst widmen, müssen wir uns erst einmal ganz andere Gedanken machen. Für Clausewitz war es recht einfach: Er wollte Kriege gewinnen. Aber ist das Leben ein Krieg? Für die meisten von uns zum Glück nicht. Daher brauchen wir andere Kriterien. Aber welche?

Hier kommt unsere Vorstellung von Glück ins Spiel. Aufgrund unserer Genetik, Erziehung und den permanent auf uns einprasselnden Werbebotschaften entwickeln wir schon als junger Mensch eine Vorstellung davon, was uns glücklich macht. Leider sind diese Vorstellungen oft diffus und meistens wenig hilfreich. Schauen wir uns ein paar grundlegende Glücksvorstellungen an und wie sie unser Leben bestimmen.

Die Vorstellung, dass Glück sich dann einstellt, wenn man über möglichst viele und machtvolle Ressourcen verfügt, ist weit verbreitet. Sie bestimmt in wesentlichen Teilen unser Wirtschaftsleben. Das Glück wird von außen erwartet. Hohes Einkommen, Reichtum und mit großer Macht ausgestatte Posten sollen es uns bringen. Oder, um es in eine griffige Formel zu bringen: Mein Haus, mein Auto, mein Boot. Dementsprechend fällt auch die Strategie aus: Karriere machen, ständig den eigenen Vorteil im Blick haben, Frauen erobern, Konkurrenten ausstechen und Ellenbogen ausfahren.

Lebenskunst ist, durch alle Fährnisse des Lebens, unbeschadet zu bleiben, was man auch als Glück bezeichnen kann. Lebenskunst ist, mit Anstand gegenüber seinen Mitmenschen, ohne anzuecken durchs Leben zu gehen. Lebenskunst ist, aus jeder Situation das Beste machen.
Günther Nestler

Wer von der Vorstellung geprägt ist, Glück wäre die Abwesenheit von Leid, fährt eine andere Lebensstrategie. Er vermeidet alles, was Schmerzen verursachen könnte. Er geht keine Risiken ein, schaut ständig, was und wer ihm schadet, sichert sich ab, hängt sein Mäntelchen in den Wind. Und verkümmert dabei jämmerlich. Wer Angst hat, zu verlieren, wird niemals als Sieger in einem Wettbewerb hervorgehen. War Angst hat, sich zu blamieren, wird niemals das Glückserlebnis spüren, etwas Außergewöhnliches geschafft zu haben. Wer Angst vor Kritik hat, wird sein Werk niemals der Öffentlichkeit zugänglich machen. Nein, noch schlimmer: Er wird das Werk erst gar nicht beginnen.

Auch die Religionen haben viel dazu beigetragen, falsche Glücksvorstellungen zu entwickeln. Wer daran glaubt, dass die Erde ein Jammertal sei und das wahre Leben erst nach dem Tode beginne, wird wohl kaum die Kraft entwickeln, das Leben vor dem Tode meisterhaft zu gestalten. Seine Strategie würde lauten: Durchhalten und sich einigermaßen so verhalten, dass man die Zugangsberechtigung zum Himmelreich nicht verliert.

Ist es so, dass es unglaublich viele falsche Glücksvorstellungen gibt und nur wenige richtige? Schaut man sich den Bevölkerungsdurchschnitt an, so scheinen tatsächlich sehr viele Menschen Anhänger von falschen Glückvorstellungen zu sein. Anders ist die häufige miesepetrige Haltung, der dramatische Anstieg an Depressionen und die wachsende Unfähigkeit, das eigene Leben erfolgreich zu gestalten, kaum zu erklären. Die positiven hilfreichen Glücksvorstellungen sind dennoch gleichzeitig vorhanden. Selbst die erstgenannte Gruppe macht ab und zu etwas richtig. Das Problem ist nur: Die Ergebnisse sind rein zufälliger Natur und es wird zu selten aus ihnen gelernt.

Sich akzeptieren und sich loslösen von Zwängen der Gesellschaft, Vorstellungen des Glücks erarbeiten, die Wege dazu finden und sie umsetzen. Der Schlüssel zum Glück liegt in der Abschätzung von realistischen Visionen und Ziele bezogen auf die Ausschöpfung der eigenen effektiven Fähigkeiten und Ressourcen.
Eric Waidyasekera

Es scheint daher eine kluge Strategie einer Lebenskunst zu sein, sehr aufmerksam zu beobachten, was (uns) wirklich glücklich macht. Die Erkenntnisse der modernen Glücksforschung können uns dabei helfen. Aber wir können mit den Forschungsergebnissen nur etwas anfangen, wenn wir eigene Erfahrungen machen. Wir können nicht jemandem erklären, wie Erdbeeren schmecken. Nur derjenige, der selbst Erdbeeren gegessen hat, weiß wie Erdbeeren schmecken. So ist das auch mit dem Glück.

Bei der Beobachtung des Glücks sind die folgenden Fragen sehr hilfreich: Was tut mir gut? Was tut mir nicht gut? Was tut anderen gut? Was tut anderen nicht gut? Wie fühlt sich derjenige, der das schon hat, was ich anstrebe?

Wer aufmerksam beobachtet was geschieht und was nicht geschieht, wird (hoffentlich) seine Lehren daraus ziehen. Die Strategie einer Lebenskunst könnte dann ganz einfach aussehen: Finde heraus, was dich wirklich glücklich macht. Pflege und entwickle das, was zu deinem Glück beiträgt. Meide und reduziere das, was deinem Glück abträglich ist. fini