Paul fragt: Warum nicht alles inklusive?

Das Staatsprinzip kehrt sich um. Der Staat mutet Otto Normalo schon heute eine Steuern- und Abgabenbelastung von über fünfzig Prozent zu, agiert dennoch immer mehr als betriebswirtschaftliches Dienstleistungsunternehmen, das für jegliche Leistungserbringung zusätzliche Gebühren und Entgelte verlangt. Zeit, das Alles-inklusive-Prinzip einzuführen, meint mein Freund Paul.

portimaoLetzte Woche traf ich meinen Freund Paul auf dem Markt beim Einkaufen. Braun gebrannt stand er vor mir. Gardenien oder Strand, fragte ich ihn. Letzteres, sagte er. Und wo?, fragte ich. Du weißt vielleicht, antwortete er, dass ich an den Last Minute-Reisen meinen Gefallen gefunden habe. Das ist unheimlich spannend und witzig zugleich. Das verstehe ich nicht ganz, gab ich zurück. Sieh doch mal, fuhr Paul fort, ich gehe zum Schalter, stelle mich vor das lächelnde Gesicht der jungen Dame, die mich fragt, Na, wo soll’s denn hingehen?, und ich sage ihr genauso lächelnd, Das dürfen heute Sie entscheiden. Pause, vielleicht eine Denkpause? Und dann befragt die Dame den Computer, traktiert ihn, als wäre sie wütend auf ihn, weil sie nicht in Urlaub reisen darf. Nach drei, vier Minuten liegen mir die faszinierendsten Ziele vor Augen. Dubai, Muscat, Agadir, Limassol. Ich entschied mich für die Algarve. Und, hat es dir gefallen?, fragte ich. Und ob: Super Wetter, Hotel erste Klasse, ein bißchen abseits vom Ortskern zwar, aber dafür nur fünf Gehminuten zu einem prima feinsandigen Strand, fast keine Leute. Und Essen und Trinken, was und wann du willst, ob Sandwich, Coppa Banana oder Sundowner: alles inklusive.

Eine gute Marketing-Idee, das Alles-inklusive-Angebot, sagte ich. Ja, das ist es wirklich, meinte Paul. Aber es ist nicht nur eine gute Marketing-Idee. Es ist die logische und konsequente Weiterentwicklung der Buffet-Idee. Die Leute wollen im Urlaub eine gewisse Freiheit erleben, nicht den Zwängen von festen Essenszeiten und festgelegten Menüs ausgesetzt sein. Der Urlaub ist ja kein Krankenhaus-Aufenthalt. Zwänge haben sie zuhause schon genügend. Und es ist ja nicht so, dass die Leute die ganzen Tag an der Bar hängen oder ständig am Futtern sind, weil es sie so unmittelbar nichts kostet.

Paul, du bist doch, gewissermaßen, ein Vordenker. Vielen Dank, warf Paul ein. Ich sollte mich endlich besser verkaufen. Tu das Paul, ermunterte ich ihn. Aber im Ernst: Ließe sich das Alles-inklusive-Prinzip nicht auch in anderen Bereichen anwenden? Aber gewiss, antwortete Paul recht aufgeregt. Auf dem Rückflug habe ich exakt über dieses Thema nachgedacht. Komm, lass uns einen Kaffee trinken und darüber plaudern.

Wir gingen ins Justitia und setzten uns unter einen Marktschirm, Blick auf das Amtsgericht. Zum Glück waren heute dort und hier keine schwarzen Vögel zu sehen. Weil du gerade so nachdenklich auf’s Gericht schaust, nahm Paul unser Gespräch wieder auf. Fangen wir einfach mal bei unserem alles ein- und übernehmenden Staat an. Neulich las ich, dass die Belastungen von Steuern und Sozialabgaben von Otto Normalo schon längst die 50-Prozent-Marke überschritten haben. Und trotzdem kassiert der Staat für jede seiner Dienstleistungen munter zusätzlich ab.

»Die legalisierte Abzocke.«

An was denkst du konkret, Paul, fragte ich. Paul anwortete: Ich denke an ein recht alltägliches Beispiel: die Bürgerpflicht, einen Personalausweis zu führen, der zudem stets aktuell und gültig zu halten ist. Du bist gesetzlich dazu verpflichtet und für diese Pflicht, die dir der Staat auferlegt, musst du natürlich bezahlen. Nicht nur für das angeblich fälschungssichere Idiotenfoto, das du bei einem Fotografen deiner Wahl schießen lassen kannst, sondern auch für den Verwaltungsakt. Das Einwohnermeldeamt schickt ja dein Bild und deine Daten an die Bundesdruckerei — übrigens seit kurzem wieder gegen viel Geld aus privatisierter Hand gelöst —, die dann dein Bild kunstvoll computertechnisch einbindet, das Ganze abwaschbar laminiert und zurückschickt.
Aber damit nicht genug: Wie du weißt, hat so ein Perso eine Gültigkeitsdauer von zehn Jahren. Glaubst du, dass irgendein Bürger, ganz gleich ob nativer oder anderer ethnischer Herkunft, das Ablaufdatum seines Perso in einen Terminkalender einträgt? Oder dass er jedes Jahr zu Silvester draufsieht und sagt, Aha, noch sieben, noch sechs Jahre Zeit?
Es passiert, was passieren soll: Die Verwaltungsbehörde, das zuständige Einwohnermeldeamt, schickt dir nach Ablauf der Gültigkeit ein Erinnerungsschreiben mit angehängtem Verwarngeld in Höhe von 50 Euro. Stell dir das mal vor: Die Verwaltung hat alle deine Daten gespeichert, sitzt still und schweigsam in ihren Amtstuben und wartet darauf, dass du den Termin versäumst. Zack! Geld her, Bürger! Das ist eine legalisierte Abzocke! Und dann reden die Großkopfeten vor der Wahl von mehr Gerechtigkeit!

»Das Staatsprinzip kehrt sich um.«

Paul atmete tief ein und wieder aus, nahm einen Schluck von seinem Café au lait und sagte dann wieder etwas ruhiger: Hier hast du deinen exemplarischen Fall von Alles inklusive: Wenn der Bürger schon Abgaben in horrender Höhe zahlen soll, dann aber bitte alles inklusive. Ein anderes Beispiel: Du kennst sicherlich das Procedere für das Kindergeld. Fragebögen hin- und herschicken, weil ja jedes Jahr geprüft werden muss, ob deine Kinder wirklich noch deine Kinder sind. Paul grinste. Wenn du einmal eine Frage hast, beispielsweise , wenn dein Sohn mit seinem Studium beginnt, dann konntest du bisher eine Ortsrufnummer anwählen. Das geht heute nicht mehr: die Familienkasse mutierte zu einem Dienstleistungsunternehmen, inklusive einer kostenpflichtigen Service-Hotline der Klasse 01805 — 14 Cent die Minute, Mobilfunkpreise natürlich abweichend. Und bis die Hotline ans Telefon geht — das dauert …
Siehst du die Zusammenhänge? Hier ist eine Umkehr des Staatsprinzips im Gange, nicht sehr augenfällig, sondern schrittweise, jedoch gezielt. Der Staat agiert jetzt als Dienstleistungsbetrieb, der betriebswirtschaftlich kalkuliert. Die Steuern und Gebühren, die zu zahlst, sind keine verfluchten Steuern mehr. Das ist ein ganz normales Leistungsentgelt dafür, dass dich der Staat hier in Frieden leben lässt, dir die freie Entfaltung von Glauben und Beruf erlaubt, dich vor bösen Leuten schützt, dass er dir eine Autobahn baut, die du bald kostenpflichtig benutzen darfst, etc., etc. Böse Zungen könnten auch geneigt sein, unsere Steuern als Schutzgeld zu betrachten. Und wie werden Schutzgelder eingetrieben? —

Ich war betroffen. Paul hatte irgendwie recht. Mir fielen spontan keine Gegenargumente ein, also schwieg ich. Paul bemerkte es und sagte: Ich denke ja noch weiter, als Vordenker, der ich nun einmal sein soll. Nehmen wir abschließend den ÖPNV oder den Personenverkehr überhaupt. Wir wissen seit Jahrzehnten, dass im öffentlichen Nahverkehr nur eine Kostendeckung von circa vierzig Prozent erreichbar ist. Auch die Deutsche Bahn wäre ohne Milliardenhilfen aus der Staatskasse nicht mehr handlungsfähig. Würden wir eine korrekte Deckung erreichen wollen, müssten die Fahrpreise verdreifacht werden. Und bei diesen Kosten würden die Deutschen schnell die Lust am öffentlichen Fahren verlieren. Also wird die Differenz aus Steuern, die du und ich abführen, beglichen. Ich frage mich nun: Warum machen wir den öffentlichen Transportsektor nicht derart attraktiv, dass es möglichst keine Alternative zum umweltschädlichen, Gemeinkosten intensiven Indivualverkehr gibt? Nach dem Alles-inklusive-Prinzip würde das heißen: Freifahrt für freie Bürger. Was meinst du? fini

3. September 2009 | | , ,