Das Hartz-IV-Lernprogramm des rhetorischen Selbstmarketings
Text: Joachim Zischke
Viele Hartz-IV-Bezieher ziehen sich zurück und meiden die Gesellschaft, die ihnen die entsprechenden Gesetze auferlegte. Aber es gibt Zeitgenossen, die aus ihrer Situation eine Tugend machen, sich dem Leben stellen und mit rhetorischer Gewandtheit versuchen, dieser Gesellschaft ein Schnippchen zu schlagen. Dass es dabei nicht die trifft, die es eigentlich treffen sollte, liegt — wie so häufig — in der Natur der Sache. Ein Erfahrungsbericht aus einem fahrenden Zug.
Hannover Hauptbahnhof, Gleis 7. Der metronom, Abfahrt 17 Uhr 40, stand schon bereit. Ich drückte gerade auf den grün leuchtenden Lichterkranz des Türöffners, als hinter mir eine brummende Männerstimme fragte: Ach, könnten Sie bitte die Tür für mich aufhalten? Wieso aufhalten?, dachte ich noch, schaute mir dann über die Schulter. Ich sah nur ein Bartgesicht, eingerahmt von langen, leicht angegrauten Haaren. Da, wo ein Körper sein sollte, stand ein riesiger, blauer, prall gefüllter Müllsack. Die Umrisse des Inhalts waren eindeutig: PET-Flaschen, geschätzter Pfandwert 50 Euro.
[Exkurs:
Aus dem PET-Recyclat stellt die Industrie nicht nur wieder Flaschen her, sondern auch flauschige Fleece-Pullover oder Fotorucksäcke.]
Bildete ich mir das nur ein? Ein süß-säuerlicher Geruch stieg mir in die Nase. Schnell stieg ich ein und ließ Höflichkeit Höflichkeit sein. Ich suchte mir einen Platz weit abseits des Eingangsbereiches. Mal sehen, wo sich der Müllsammler niederlässt.

Der Zug fuhr ab. Die Räder ratterten noch über Weichen und holprige Gleisstücke, schon hörten wir alle im Waggon eine einzelne Stimme — brummend, laut, penetrant. Es war der Bärtige. Meine Gegenüber zückten gleich den Walkman und stöpselten sich die Ohren dicht. Darf ich Sie mal was fragen?, hörte ich. Ich tippte den Abstand auf mindestens zehn Sitzreihen, drehte mich also um, um meine Vermutung zu überprüfen. Zehn, zwölf, es waren vierzehn Reihen. Der Bärtige hatte sich gegenüber zwei älteren Leuten platziert, vielleicht einem Ehepaar. Strategisch klug, wie wir noch sehen oder, besser gesagt, hören sollten. Der dicke Müllsack pendelte derweil vor der Kofferetagere, einem in Trance befindlichen buddhistischen Mönch nicht unähnlich, gemütlich hin und her.
Sie wundern sich bestimmt über mich, startete der Bärtige erneut das Gespräch, da keine Antwort gekommen war. Viele Leute wundern sich über mich. Wundern Sie sich nicht auch, ein wenig vielleicht? Der alte Herr lachte jovial, aber es klang ein wenig unsicher. Ja, schon, antwortete er, fast ebenso laut, weil er wohl etwas schwerhörig war. Dann verstummte er. Na, sehen Sie, sagte der Bärtige freundlich. Und es ist nicht nur wegen dem Müllsack, stimmt’s? Die Frau neben dem alten Herrn mischte sich ein, mit einem spitzen Unterton: Warum sammeln Sie denn das überhaupt? Müssen Sie das wirklich tun? Das ist eine gute Frage, die Sie da gerade stellen und eine sehr menschliche dazu, antwortete der Bärtige. Es ist liegt alles in meiner Biografie begründet, wissen Sie. Darf ich Ihnen das einmal erzählen? —

Langenhagen, Isernhagen und Großburgwedel hatten wir längst passiert. Und der Bärtige war immer noch bei seiner Lebensgeschichte. Die neu eingestiegenen Fahrgäste sahen sich zuerst verwundert um, doch dann wendeten sie sich, teils entrüstet, teils amüsiert, wieder ihrer Fahrtrichtung zu und vergaßen das hinter ihnen ablaufende Theaterstück.
Mein Buch hatte ich weggelegt und meinen Kopf nach hinten an die Kopfstütze gelehnt. So lauschte ich dem nahezu rhetorisch perfekt aufgebauten Satzgefüge des Bärtigen. Geschickt vermied er alle persönlichen Details, die ihn in das Licht des Selbstverschuldeten bringen könnten. Immer wieder unterbrach er seinen Redefluss, seine ganz persönliche Reflexion, stellte Fragen, die seine beiden Zuhörer nicht unbeantwortet lassen konnten. Sie saßen ihm ja gegenüber und er schaute sie freundlich fragend an.
Darf ich das so sagen?, fragte er beispielsweise immer wieder, wenn er über die politischen Verhältnisse in unserem Land rapportierte und seine finanzielle Situation deckungsgleich mit den Hartz-IV-Gesetzen brachte. Er lästerte nicht, er schimpfte nicht, er polterte nicht. Ruhig, fast schon gleichmütig und Schicksal ergeben, schilderte der Bärtige seine Sicht der Dinge, die sein Leben umgeben und bestimmen, ihn — leider — dazu zwingen, einmal in der Woche eine Sammlung in Hannover durchzuführen. Eigentlich, so sinnierte er weiter, könne er seinen Kühlschrank abschalten und das Geld für den Strom sparen — er sei ja sowieso immer leer. Das ist ja fürchterlich, entsetzte sich die Frau. Der Bärtige sagte dazu nichts.
Darf ich Sie mal was fragen?, lautete seine Form der zielorientierten Frage, wenn er die Leutchen darüber gezielt aushorchte, wie ihre wirtschaftliche Situation aussieht. Der Bärtige fragte unverblümt und doch so unscheinbar beiläufig, wo sie ihren letzten Urlaub verbrachten. Und die erzählten freiwillig und mit gewissem Stolz, dass sie just vor zwei Monaten eine teure Urlaubsreise nach Amerika machten und Sorge hatten, dass während ihrer Abwesenheit in ihrem Haus eingebrochen werden könnte — wegen der wertvollen Sachen, die man eben heute so hat. Seltsamerweise — man könnte auch sagen, perfekt rhetorisch inszeniert — kommentierte der Bärtige den Urlaubsbericht der alten Leute überhaupt nicht. Im Gegenteil.
Darf ich Ihnen das auch noch erzählen?, schloss er sich einfach an und schilderte sein ehemals verpatztes Amerika-Erlebnis. Flunkerte er oder sprach er die Wahrheit? Es kam ihm flüssig über die Lippen, wie von einem Abenteurer, der vor seinem gespannt lauschenden Publikum noch einmal seine Erlebnisse Revue passieren lässt. —

Als die beiden alten Leute in Celle ausstiegen, folgte ihnen der Bärtige mit dem blauen Müllsack auf dem Fuße. Dreimal dürfen Sie raten, wohin sein Weg ihn geführt haben wird.
Veröffentlicht am 02. Juli 2009