Gesellschaft

Über das Neue

Text: Joachim Zischke

Das Neue ist etwas ganz Altes. Wir brauchen das Neue als Unterscheidung zum Alten, zu unseren vergangenen Generationen. So wird auch das Neue, das wir erschaffen, zum egoistischen Versuch gegen unser eigenes Vergessenwerden.

newNeulich traf ich einen Bekannten. Nach der rituellen Grußformel — »Wie geht’s?« – »Danke, gut. Und selbst?« — fragte er mich: »Und: Was gibt’s Neues?« Im Augenblick konnte ich gar nicht antworten. In meinem Hirn sauste die Frage hin und her, über welches Neue ich ihm berichten sollte. Über das, was für ihn neu sein könnte oder für mich neu ist? Über das Neue in der Welt, in meiner Branche? Wo fängt das Neue an, wo hört es auf? Ich sagte schließlich: »Es gibt eine Anzahl neuer Projekte. Aber wie und wann oder ob: das ist noch völlig offen.« Nun, damit gab sich mein Bekannter zufrieden und die Frage nach dem Neuen war für mich abgehakt.

Später, zuhause in meinem Lesesessel — hübsches Verwirrlesewort, übrigens —, dachte ich noch einmal über meine Sprachlosigkeit nach: Warum erwarten wir überhaupt immer etwas Neues? Welche Bedeutung hat das Neue eigentlich für uns? Warum sehnen wir uns danach, stets etwas Neues zu erleben, zu entdecken, zu lesen, zu hören, zu schmecken, zu spielen? Liegt es vielleicht daran, dass unser Dasein erst durch das Neue seine Bestätigung findet, beispielsweise durch den Morgen eines jeden neuen Tages?

Ich erinnerte mich an einen Schnipsel, den ich in meinem digitalen Karteikasten aufbewahre. In einem Interview sagte Boris Groys, Philosoph und Kunstwissenschaftler an der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe, in der Wochenzeitung Freitag:

»Zunächst ist das Neue etwas ganz Altes. Es gibt nichts Traditionelleres als die Orientierung am Neuen. Um unsere Zeit und uns selbst von den vorangegangenen Generationen und Zeiten zu unterscheiden, brauchen wir das Neue. …
Die Wirtschaft, die Technik befinden sich im Zustand des ständigen Wechsels. Deswegen ist es schwierig, im Kontext der Wirtschaft über das Neue zu sprechen. In der Wirtschaft wird das Alte nämlich gleich entsorgt, sobald es sich nicht mehr verkauft. So kann das Neue mit dem Alten nicht verglichen werden. Aber wir brauchen den Vergleich, um festzustellen, ob das Neue wirklich neu ist.«

Folgen wir Groys’ Gedankengängen, handelt es sich bei dem Neuen vor allem um ein Unterscheidungsmerkmal. Und das bezogen auf alle unserer Lebensbereiche, ganz gleich ob Kultur, Religion, Gesellschaft oder Wirtschaft. So kennen wir beispielsweise das Neue Testament, das sich dadurch vom Alten Testament unterscheidet, dass nicht mehr Vergeltung, sondern Vergebung das Ziel sein sollte. Wir sprechen von der neuen Sachlichkeit, eine Stilrichtung, die sich in Architektur, Literatur und Kunst durch ihre Ausprägung von den vorangegangenen Epochen unterscheidet. Wir entdecken neue Werte und fordern eine neue Denkkultur, die fortan unser Leben vom bisherigen unterscheiden und menschlicher gestalten soll.

»Die Ideen sind nicht verantwortlich für das, was die Menschen aus ihnen machen.«

Neues bewirkt Aufmerksamkeit, Aufregung, Diskussion, auch Freude, Unruhe und Wettbewerb. So kann das Neue als Zündstoff für weitere Entwicklungen sorgen.

Neue Ideen können nützlich und hilfreich sein oder Schaden stiften. Denken wir an die Idee des Penicillins oder der Kernspaltung. »Die Ideen sind nicht verantwortlich für das, was die Menschen aus ihnen machen« schrieb der Physiker und Nobelpreisträger Werner Heisenberg.

Neues schafft auch neue Probleme. Denken wir an all jene Informationen, die wir auf elektronischem Wege erzeugen oder in digitale Archive überführen. Dieses Neue wird uns noch viel Kopfzerbrechen bereiten. Denn wir produzieren all das auf Zukunft. Wir häufen immer mehr Informationen an, deren Nutzen und Verwendung immer fraglicher wird. Die Kapazitäten für Speicherung und Sicherung steigen ins Unermessliche. Weil sich die Techniken der Archivierung ständig verändern, wird sowohl die Aufbewahrung als auch Aktualisierung dieser Bestände zu einem ungeahnten Problem. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, ob Sie Ihre digitalen Urlaubsfotos noch in zwanzig Jahren lesen können? Das Neue wird zur Altlast seiner selbst.

Und noch einen Aspekt gibt es, den wir nicht übersehen sollten: unsere Angst vor dem Vergessenwerden. Indem wir Neues schaffen, handeln wir egoistisch: Wir wollen uns einen Platz in der Geschichte sichern, uns davor schützen, von nachfolgenden Generationen vergessen zu werden. Würden wir nichts Neues in die Welt bringen, gäbe es keine Zeugnisse unseres Daseins. Ein schrecklicher Gedanke für viele.

Wie sagte Groys? Das Neue ist etwas ganz Altes. Das beruhigt irgendwie. fini

Veröffentlicht am 12. April 2009

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