Auf-Gelesen: Aus Gesellschaft und Politik
Meine Notizen, die ich in einem vierhundertachtzig Seiten starken paginierten Notizbuch des Formats dreißig mal vierzehn mal drei Zentimeter eintrage, sind ungeordnet und folgen keinen Themenvorgaben oder Kategorien, sondern nur meinen Entdeckungen. Es sind dies meist Fundstücke, die ich als merk-würdig, gedankenparallel oder schön formuliert empfunden, damit notierenswert und zur immer wieder neuen Lektüre geeignet erachtet habe. In ihnen zu blättern und zu lesen ist immer wieder eine Quelle der Erinnerung, häufig auch der Überraschung, nämlich darüber, wie auffallend wenig sich doch die Welt veränderte.
Hier folgt eine kleine Auswahl meiner Notizen zum Themenkreis Gesellschaft und Politik aus den letzten zehn Jahren.

»Sogar eine Krawatte ließ sich nicht vermeiden, wenn sie auch eine Sinnlosigkeit war: ein Streifen dünner, buntfarbiger Seide, der einem ohne Grund lebenslänglich die Kehle umschnürte!«
George Santayana, Der letzte Puritaner, 1935

»Nach meiner Meinung sieht es so aus: Mir scheint, dass das Leben so viel Anstrengung und Vorsicht erfordert, um anständig durchzukommen, dass es sich gar nicht lohnt. Ich meine damit das Leben, das wir kennen, also unsere Zivilisation, und nicht etwa das Leben, sagen wir, der Zulu-Neger oder Fidschi-Insulaner.
Bei uns muss alles so sorgfältig überlegt und geordnet sein, es muss bewusst getan, geplant und gesichert werden, dass wir nicht mehr Zeit und Muße finden, das Leben wirklich zu genießen, vom Glück ganz zu schweigen. Wir sind wie Artisten, die auf einem Seil balancieren. Das einzige Vergnügen, das wir an der Seiltänzerei haben, ist die Erleichterung, nach ein paar Metern gefährlichen Vortastens sagen zu können: ‘Gott sei Dank! Das Stück haben wir geschafft!’«
J. B. Priestley, Von der Nacht überrascht, 1937

»[...] wir müssen heute diesen Grundformen noch die jüngste und vielleicht furchtbarste Herrschaftsform hinzufügen, die Bürokratie oder die Herrschaft, welche durch ein kompliziertes System von Ämtern ausgeübt wird, bei der man keinen Menschen mehr, weder den Einen noch die Wenigen, weder die Besten noch die Vielen, verantwortlich machen kann, und die man daher am besten als Niemandsherrschaft bezeichnet.
Im Sinne der Tradition, welche die Tyrannis als die Herrschaft definierte, der man keine Rechenschaft abfordern kann, ist die Niemandsherrschaft die tyrannische Staatsform, da es hier tatsächlich Niemanden mehr gibt, den man zur Verantwortung ziehen könnte. [...] Die Unmöglichkeit, die verantwortlichen Stellen auch nur zu ermitteln und den Gegner zu identifizieren, führt theoretisch zu jenen Verallgemeinerungen, in denen das Partikulare verschwindet und die dann nichts mehr besagen, und in der Praxis zu einem Amoklaufen, das alles und vor allem die eigenen Organisationen vernichtet.«
Hannah Arendt, Macht und Gewalt, 1970

»Die Ersetzung der Herrschaft des Menschen durch die Herrschaft des Gesetzes ist [...] ein Prozess von begrenzter Wirkung: denn wir haben zwar die Leitbilder ausgewechselt, aber die emotionalen Reaktionen und Einstellungen sind mehr oder weniger gleich geblieben.«
Philip E. Slater, Mikrokosmos. Eine Studie über Gruppendynamik, 1982

»[...] da von der Politik nichts mehr zu erwarten ist, keine Wunder, kein neues Leben, nur nach und nach vielleicht noch etwas bessere Straßen [...]«
Friedrich Dürrenmatt, Justiz, 1985

Er blickte wieder auf sein Glas. »Es ficht mich an, dass diese Dinge geschehen, dass wir uns selbst und unsere Nachkommen vergiften, dass wir wissentlich unsere Zukunft zerstören, aber meiner Ansicht nach gibt es nichts — und ich wiederhole, nichts —, was wir tun könnten, um es zu verhindern. Wir sind ein Volk von Egoisten. Es ist unsere Zierde, aber es wird unser Verderben sein, denn keiner von uns lässt sich je davon abbringen, sich mit etwas so Abstraktem wie dem Allgemeinwohl zu befassen. Die Besten von uns kommen soweit, sich um das Wohl ihrer Familien zu sorgen, aber als Volk sind wir zu mehr nicht fähig.«
Donna Leon, Endstation Venedig, 1993

»[...] die sogenannte Politik (jene lächerliche Folge von Abkommen, Konflikten, Verschärfungen, Spannungen, Meinungsverschiedenheiten, Zusammenbrüchen und der Verwandlung völlig harmloser Städte in die Namen internationaler Verträge) [...]«
Vladimir Nabokov, Die Gabe, 1993

Was bedeutet rechts für Sie?
»Eine gute Definition stammt von Ernst Nolte, der sagt: Links bedeutet Harmonisierung, Einebnung, Unterschiedslosigkeit, rechts steht für Ordnung, Differenz, Diskurs. Für Sebastian Haffner liegt die Erklärung auf den Händen: Die rechte Hand für das praktische Tun, die linke Hand zum Gegensteuern.«
Peter Gauweiler, Interview, 1995

Können soziale Großsysteme wie Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände oder Kirchen überhaupt nach moralischen Kriterien beurteilt werden?
»In der Tat sind soziale Systeme als solche nicht moralisch im eigentlichen Wortsinne. Prinzipiell verfolgen sie zwei Ziele, nämlich ihren Selbsterhalt und ihre Expansion.
Moralische Zielsetzungen können nur von Menschen in sie hineingetragen werden, denen daran gelegen ist, die beide Systemzielen Selbsterhalt und Expansion zu moderieren und gegebenenfalls auch zurückzunehmen. Die vielen Versagensfälle in Politik und Wirtschaft, aber auch im Sozialbereich und auf dem kulturellen Sektor, mit denen wir es heute zu tun haben, zeigen deutlich, in welch starkem Maße Menschen durch den Zerfall der moralischen Werte in dem einzelnen Systemen affiziert werden können und nun selbst moralisch wertfrei handeln.»
Rupert Lay, Interview, 1996

[Gerechtigkeit] »Dieser Begriff und noch mehr der Begriff der sozialen Gerechtigkeit ist rein emotional geprägt. Heißt Gerechtigkeit gleiches Einkommen? Oder gleiche Chancen? Ist es gerecht, wenn ich die Gerechtigkeit erzwinge? Oder dass ein Dritter befindet, was gerecht ist? Milton Friedman spricht vom Trugschluss des Sozialstaats: Wenn man Gutes auf Kosten anderer tut, führt das zum Verlust der Freiheit.«
Erich Sixt, Interview, 1999

»[...] Nur hätte ich nie gedacht, dass es mit so einer kaltblütigen Dreistigkeit geschieht. Dabei wird dies in auf gewisse Weise erst durch eine totale Fügsamkeit des normalen Bürgers möglich. Früher waren die Leute aufmerksamer und das hat viel damit zu tun, wer an der Macht ist. Im Grunde geht es immer ganz vulgär ums Geld.
[...] Alles wird als unabwendbar betrachtet. Das Ziel ist wohl, die Leute in eine globale Depression zu versetzen, so dass sie in einer Lähmung verfallen oder, besser noch, in Dummheit versinken.«
Liaty Pisani, Der Spion und der Schauspieler, 2000

»Wenn man, wie hier, in einer sterbenden Zivilisation lebt, stehen einem genau drei Wege offen: Wir können versuchen, den Untergang abzuwenden wie ein Kind, das seine Sandburg an den Rand der Flutlinie setzt. Wir können den Niedergang von Schönheit, Bildung, Kunst und intellektueller Integrität ignorieren und in der inneren Emigration Trost suchen. Oder wir machen gemeinsame Sache mit den Barbaren und kassieren unseren Anteil der Beute.«
P.D. James, Tod an heiliger Stätte, 2002

»Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen — Erwachsenen, damit sie aufwachen.«
Jorge Bucay

