Entdecken

Planquadrate

Text: Joachim Zischke

Ein Plan führt uns im Idealfall zum erfolgreichen Erreichen eines angestrebten Ziels. Wir planen zu optimistisch, weil uns das Erinnerungswissen gerne dazu (ver)leitet. Planquadrate helfen uns, die Welt, in der wir leben, besser zu ordnen und zu verstehen.

umt Planung ist die aktive Gestaltung der Zukunft«, lautet das Credo des österreichischen Software-Unternehmers Manfred Winterheller. Wenn wir also nur gut genug planen, haben wir die Zukunft fest im Griff. Ist das wirklich so? Können wir die Zukunft nach unseren Wünschen gestalten, indem wir sie planen?

Als die Deutsche Bundesbahn die Intercity-Taktung einführte, sah der Fahrplan an den Knotenpunkten der Linien eine Umsteigemöglichkeit am gleichen Bahnsteig vor, ein Novum in der damaligen Zeit. Doch die an den Knoten vorgesehene fahrplanmäßige Haltezeit der Züge von exakt einer Minute war in den seltensten Fällen zu halten. Zu viele menschliche und technische Imponderabilien durchkreuzten die sorgfältig erstellten Planungen. Verspätungen waren die zwangsläufige Folge. Heute gestattet sich die Bahn eine Karenzzeit zwischen fünf und zehn Minuten.

»Je planmäßiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer trifft sie der Zufall.«
Friedrich Dürrenmatt

Natürlich können wir den Druck eines Prospektes planen, das Material beschaffen und die Maschinenzeit freihalten. Das müssen wir auch, wenn wir ein Projekt erfolgreich zu Ende bringen wollen. Was aber, wenn wie auf Knopfdruck eines der vier Farbwerke ausfällt? Dann sind zwar nicht die Prospekte Makulatur, jedoch unsere schöne Planung. Und nicht immer greift sofort ein Plan B, der uns aus der Patsche hilft.

Ein Plan verhilft im Idealfall durch die Festlegung von Handlungsschritten zum erfolgreichen Erreichen eines angestrebten Ziels. Soziologen sind zu der Erkenntnis gekommen, dass wir Menschen im Allgemeinen zu optimistisch planen. Wir sehen die Zukunft gerne rosiger, als sie sich in Wirklichkeit darstellt. Das ist eigentlich nicht verkehrt, denn viele Projekte wären bei zurückhaltender Planung nie durchgeführt und erfolgreich abgeschlossen worden. Allerdings können wir ein an sich positives Merkmal in unseren Planungen nur schwer überlisten: unser Erfahrungswissen.

»Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein kluges Licht, und mach dann noch ‘nen zweiten Plan, geh’n tun sie beide nicht.«
Bertolt Brecht

Nun ist es nicht immer so, dass wir eine Sache komplett von Null an beginnen und neu durchplanen müssen. Meist liegen uns schon gewisse Anhaltspunkte vor: Daten aus anderen vorhergegangenen Projekten oder wir greifen auf Erfahrungswerte zurück. Vor allem von Letzterem lassen wir uns zu gerne (ver)leiten. Es ist einfacher, für uns leichter nachzuvollziehen und führt zu beschleunigten Ergebnissen, wenn wir bereits abgeschlossene, ähnlich gelagerte Vorfälle und Vorgehensweisen für die Zukunft annehmen und danach handeln. Die Finanzkrise der Jahre 2008/2009 ist das Ergebnis einer Extrapolation, die gründlich schief ging.

Das am Anfang erwähnte Zitat gewinnt zusätzlich an Bedeutung, wenn wir erfahren, dass Manfred Winterheller der Hersteller einer Planungssoftware für betriebswirtschaftliche Daten ist. Indirekt sagt er zu seinen Kunden: Plane deine Unternehmensdaten mit meiner Software und eine sichere Zukunft gehört dir. Hier tritt ein weiterer Aspekt hinzu: unser moderner Glaube an die Lösungsfähigkeit der Technik und unsere Überzeugung, mit Hilfe von Technik (etwa durch Simulationen) unsere Zukunft einschätzen und planen zu können. Eine Betrachtung des aktuellen Themas Klimaveränderung zeigt, dass die mit Hilfe von Computersimulationen entwickelten Szenarien nicht unterschiedlicher sein können.

Wer meint, durch den Einsatz eines Zeitplanbuches seine Zeit und damit sein Leben besser planen zu können, um effizienter und leistungsfähiger zu sein oder mehr Freizeit für sich und seine Familie herauszuholen, wird häufig feststellen müssen, dass ihm statt mehr, weniger Zeit verbleibt. Auch das Managen der Zeit kostet Zeit.

»Make no little plans. They have no magic to stir men’s blood. Make big plans: aim high in hope and work.«
Daniel Hudson Burnham

Das Übertragen der geometrischen Figur Quadrat auf Planungen und den daraus entstehenden Planquadraten, verhilft uns zu einem besseren Einteilen, Klassifzieren, Ordnen und Orientieren, ermöglicht uns, die Welt, in der wir leben, leichter zu erfassen und zu verstehen. Sind die Planquadrate zu klein bemessen, verlieren wir uns schnell in Details; sind sie zu groß, vernachlässigen wir wiederum die Details. Hier das rechte Maß zu finden, ist schon eine Kunst. Ob Fahrplan, Produktionsplan, Zeitplan oder Lebensplan — das Wort des Sophokles hat auch heute noch Bedeutung: »Wer große Pläne hat, nehme sich Zeit.« Ob die Zeit geplant oder ungeplant sei, das sagte der Tragödiendichter nicht. fini

Veröffentlicht am 03. September 2009

Nach oben