Bringen Sie sich zum Denken

Peter Albertz hat eine systematische Betrachtung über das Denken verfasst. Er stellte sich der Aufgabe, die charakterisierenden Momente des Denkens, die meist getrennt voneinander in verschiedenen Disziplinen behandelt werden, in einen systematischen Zusammenhang zu bringen. In einem eMail-Gespräch mit DIALOGUS Herausgeber Joachim Zischke beantwortet Peter Albertz Fragen wie: Kommt das Denken aus der Mode? Warum sind wir eine Wissens- und keine Denkgesellschaft? Wie können wir unser Denken verbessern?

p Joachim Zischke: Im ersten Satz Ihres Buches schreiben Sie: »Der Begriff des Denkens ist in der Philosophie ein wenig aus der Mode gekommen …«. Sie sehen Begriffe wie Kognition, Rationalität, Intelligenz und Kommunikation im Vormarsch. Befürchten Sie, Herr Albertz, dass nicht nur der Begriff, sondern auch das Denken aus der Mode kommen könnte und haben deswegen ein Buch über das Denken geschrieben?

Peter Albertz p Peter Albertz: Geschrieben habe ich das Buch nicht aus einer bestimmten Absicht heraus oder mit einem Ziel, sondern aus dem Bedürfnis, mir über diese Aktivität in meinem eigenen Kopf klarzuwerden. Ich wollte meine Ideen darüber, die sich über einen längeren Zeitraum angesammelt hatten, ausarbeiten. — Denken ist, befürchte ich, nie allzusehr in Mode gewesen. Gedacht wird zwar immer, aber leider immer nur von zu wenigen. Und man kann nie wirklich zufrieden mit seinem eigenen Denken sein, es ist immer verbesserungsbedürftig. Es wäre daher schön, wenn Leser und Leserinnen aus meinem Buch Anregungen gewinnen könnten, sich über ihr Potential klarer zu werden, kristalliner und kreativer zu denken.

p »Nein, ich will nicht weiterdenken. Denken tut weh …«, lesen wir in einem von Ödön von Horváths Romanen. Kann Ihr Buch dabei helfen, dass das Denken nicht mehr weh tut?

p Wenn das Denken weh tut, liegt es wohl daran, dass es mehr Klarheit schafft oder zu schaffen verspricht, als jemand derzeit möchte oder zu ertragen imstande ist. Das ist kein Indiz für ein zufriedenstellende Lebenssituation. Man fasst dann Denken auch gern als einen Gegenpol zum Fühlen oder zum aktiven Leben auf. Ich hoffe, mit meinem Buch bewusst machen zu können, dass all das nicht zutrifft: dass es sinnvoll ist, Denken und Fühlen zu verbünden, sich seiner Denkmuster bewusst zu werden, seine Begriffe klar zu gliedern.

p Wie können wir unser Denken durch das Beschäftigen mit dem Denken wirkungsvoll verbessern?

p Die einfache Antwort ist: man verbessert es schon, indem man denkt und über das Denken nachdenkt. Man kann es nur verbessern, indem man es tut und sich dabei beobachtet, sich die Resultate anschaut, zu denen man gekommen ist, die Werkzeuge, die man benutzt hat.
Vor allem sollte man sich klar machen, dass Denken durch nichts ersetzbar ist. Es ist heute viel von Bildung die Rede, als sei diese der Schlüssel für die Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft. Doch eigentlich gilt dies für das Denken. Bildung ist nichts ohne Denken, nämlich bloß eine Ansammlung beliebiger Wissensbestandteile. Ohne gedankliche Durchdringung fehlen die Verbindungen, die daraus ein (wenn auch immer verläufiges) Ganzes machen.
Wenn vom Denken die Rede ist, dann allerdings meist als Mittel zur Problemlösung und Analyse, oder es geht darum, zu lernen, in Diskussionen gut zu argumentieren und Denkfehler bei Anderen aufzudecken. Dabei wird Denken meist als eine Art von Intelligenzprobe betrachtet: wer kann es besser, und schneller?
Sein Denken verbessern heißt aber nicht unbedingt, in einen Wettkampf einzutreten, sondern Dinge besser – intensiver, klarer, genauer – zu sehen und zu verstehen. Durch das Denken verbindet man auch, man sieht und stiftet Zusammenhänge, sieht das, was man vorher übersehen hat. Man erkundet Möglichkeiten, wird sich über die eigenen Ziele und Potentiale klarer.
Was jeder merkt, wenn er denkt, und meist erst dann merkt: Denken ist nichts Tristes. Es scheint erst mühselig und anstrengend zu sein, aber vor allem belebt es. Denken ist eine Energiequelle. Denn Denken heißt aufmerksam sein, und was immer man mit Aufmerksamkeit betrachtet, intensiviert das Lebensgefühl.

p Wir wollen eine Wissensgesellschaft sein. Das Bildungsziel heißt Wissen. Warum nicht Denken? Wollen wir keine Denkgesellschaft werden? Tut Denken vielleicht doch weh, Herr Albertz?

p Die Rede von der Wissensgesellschaft klingt, als sei es selbstverständlich, dass es Wissen gibt, Wissen, das bloß gelernt werden muss. Auch das andere Schlagwort zur Kennzeichnung unserer Gesellschaft, Information, erscheint als etwas, das laufend entsteht, leider mit der Mühsal der Auswahl und Bewertung verbunden, die man gerne elektronischen Programmen überlassen würde.
Der Stellenwert des Denken scheint mir widersprüchlich eingeschätzt zu werden: entweder als etwas Selbstverständliches, das sowieso jeder kann, dann wieder als etwas, wozu man eine besondere Befähigung braucht und das man daher lieber den Experten überlassen sollte. Tut Denken weh? Es ist anstrengend, keine Frage. Man muss sich dazu bringen. Gedanken kommen mir nur, wenn ich mir vorher welche gemacht habe. Aber nur durch sie wird Wissen, wird Information erzeugt, und das ist für den Betrieb der Gesellschaft immer wichtiger als Lernen und Aufnehmen von Vorgegebenem.

p Ein weiterer Begriff, den Sie bereits erwähnten, bevölkert heute die Medien, wird sogar als wichtige Kompetenz gehandelt: das Problemlösen. Frieder Lauxmann vertritt in seinem Buch Der philosophische Garten die Meinung, »Denken ist mehr als Probleme lösen, es ist zunächst einmal: Probleme erkennen!« Sind wir mithilfe des Denkens überhaupt in der Lage, die Komplexität unserer Welt zu erfassen, um dann ihre Probleme lösen zu können? Welche Art des Denkens müssten wir dafür nutzen?

p Meiner Auffassung nach kann es gar nicht die Aufgabe des Denkens sein, die Komplexität der Welt zu erfassen. Denken funktioniert gerade nur durch das Setzen von Gesichtspunkten, Gewichtungen, Wertungen. Es gliedert und reduziert Komplexes durch Perspektiven. Die Probleme, deren Entstehung der hohen Komplexität der Welt zugeschrieben werden, haben meines Erachtens ihren Grund eher darin, dass — teilweise wissentlich — die falschen Perspektiven gewählt werden, nämlich zum Beispiel nicht die möglichen negativen Folgen einer Sache bedacht oder Schuldige statt Ursachen gesucht werden. Insofern stimme ich Frieder Lauxmann zu: es kommt darauf an, zu sehen, ob das eigentliche Problem erkannt, der richtige Ansatzpunkt gewählt wird.

p In Ihrem Buch sprechen Sie auch von einer Kunst des Denkens. Können wir das Denken tatsächlich als eine Kunst betreiben, wie beispielsweise die Bildhauerei oder das Musizieren? Was wären dann unsere Handwerkszeuge?

p Von einer Kunst kann man reden, wenn die eigenen Fähigkeiten, Erfahrungen, Einstellungen beim Ausüben eines Handwerks immer mehr ineinanderspielen und zu ungewöhnlichen Ergebnissen führen. Um das zu fördern, ist immer wieder zu erproben, welche Einstellung, welches Vorgehen derjeweiligen Situation angemessen ist. Manchmal ist es wichtig, sich in das Denken des Anderen zu versetzen, ein andermal, die Distanz des Selbstdenkens einzunehmen; manchmal muss ich darauf aus sein, knapper und zielgerechter zu denken, dann wieder geht es um eine Ausdehnung meiner Ideen auf verschiedene Gebiete. Und immer wieder muss ich Sorge tragen, dass meine Gedanken einander begegnen, damit mein Denken zugleich flexibler und konsistenter wird; sonst bemerken Andere meine Widersprüche, nicht aber ich selber.

p Zum Schluss, Herr Albertz, geben Sie uns bitte noch drei Tipps, wie uns das Denken mehr Freude und Spaß machen kann.

Denken p Meine Vorschläge wären:
1. Bringen Sie sich zum Denken, warten Sie nicht auf Anstöße. Finden Sie mindestens vier verschiedene Dinge, die Sie ständig interessieren.
2. Führen Sie immer ein Notizbuch mit sich, in dem Sie schlechthin alles hineinschreiben, was Ihnen einfällt. Alles durcheinander; jeden Tag.
3. Überlegen Sie, wie Sie ihre Alltagsgeschäfte (beruflicher und privater Art) anders erledigen könnten.

p Herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Albertz, Peter: Denken. Systematische Betrachtungen; Würzburg, 2009
Peter Albertz | Lektorat und Technische Redaktion