Warum lesen? oder Bücher pflastern meinen Weg
Text: Petra Urban
Charles Edward Perugini | Reading Girl, 1878Von Gottfried Benn stammt der schöne Satz: »Kommt, reden wir zusammen / wer redet, ist nicht tot …«. Der Dichter hat Recht. Sprachlosigkeit kommt einer gewissen Erstarrung gleich. Wer Worte sucht und findet, ist lebendig, ist im Fluss.
In einem ähnlich lebendigen Wortfluss aber schwimmt auch der, der liest, der sich durch Worte in Weiten hinaus- und hineinlocken lässt, die er ohne die Lektüre niemals erreicht oder kennen gelernt hätte, dem sich lesend neue Gefühls- und Denkräume eröffnen. Der Lesende, der gleichsam doppelt lebendig ist.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich erinnere mich genau an den Augenblick, da ich endlich lesen konnte. Ein geradezu magischer Moment. Der Tisch damals war sorgsam abgewischt. Ein Lieblingssatz meiner Mutter zu jener Zeit lautete: »Du kannst doch das Buch nicht auf den dreckigen Tisch legen!« Auf dem sauberen Tisch also mein aufgeschlagenes Lesebuch, in dem ich mühsam die Zeilen entlang holpere und stolpere. Doch plötzlich, als hätte jemand in meinem Kopf einen Schalter umgelegt, plötzlich ist dieses Fließen da, die Buchstaben reihen sich wie geölt aneinander, bilden Einheiten, Worte, Sätze, spucken Sinn aus.
Von Stund an pflasterten Bücher meinen Weg und verliehen mir Flügel, auf denen ich mich in andere Welten hinüberschwang. Wie alle Lesenden vergaß ich dabei meine Umgebung, vergaß auch die Zeit. Wohl jeder hat das schon erlebt. Dieses Auftauchen aus der Lektüre und das fassungslose Kopfschütteln darüber, wie viele Stunden man im Bauch des Buches versunken, ja verschwunden war. Nicht selten sind solch Zurückgekehrte von langer Reise, langer Fahrt seltsam Entrückte, die sich — wie aus tiefem Schlaf Erwachte — im Hier und Jetzt erst neu orientieren müssen.
Nicht von ungefähr ist der lesende Mensch ein beliebtes Motiv in der Kunst. Das anwesend Abwesende an ihm fasziniert. So zeigt ein Gemälde von Caroline von der Embde aus der Mitte des 19. Jahrhunderts ein Lesendes Mädchen am Fenster. Mit Leichtigkeit könnte sich der Blick des Mädchens hinaus in die idyllische Landschaft verlieren. Aber die Lesende lässt sich nicht locken, hat Augen nur für die Lektüre, die vor ihr auf dem Tisch liegt und der sie im doppelten Sinne des Wortes zugeneigt ist.
Wer liest, blendet nicht nur seine Umgebung, sondern auch seinen Alltag aus. Eine Lesezeit lang zumindest lebt er ausschließlich im Buch. Durchlebt und durchleidet alles das, was in und zwischen den Zeilen geschrieben steht. Weint, wenn es traurig ist, wütet, wenn es ungerecht ist, lacht, wenn das Erlesene zum Lachen ist. Bücher sind gigantische Konserven.
Konserviertes Leben, das uns nicht nur an langweiligen verregneten Novembernachmittagen bedeutend spannender erscheinen kann als unser eigenes Leben. Alles, was Menschen je gelitten, gefühlt und gedacht haben, ist in Büchern verewigt. Eingeschrieben und festgeschrieben. Und doch sind wir es, die das Buch, das stets dasselbe ist und bleibt, verändern. Indem wir uns hineinlesen. Im buchstäblichen Sinne des Wortes. Wir lesen unsere Lebenserfahrung, unsere eigenen Geschichten in die Geschichte mit hinein.
Wenn wir Goethes Wahlverwandtschaften in jungen Jahren für uns entdecken, so können wir den Roman im fortgeschrittenen Alter mit ganz anderen Augen lesen. Denn im Gegensatz zu »Eduard«, der nach wie vor ein »Mann im besten Mannesalter« ist, haben wir uns im Laufe der Zeit verändert. Vielleicht weinen wir jetzt an anderen Stellen oder auch gar nicht mehr, zürnen viel mehr oder viel weniger als früher, sind gelassener, heiterer, was auch immer.
Manchmal lesen wir Bücher auch mehrmals. Vielleicht, weil wir die Hoffnung oder die Kraft brauchen, die von ihnen ausgeht. Als Kind habe ich wieder und wieder die Rote Zora gelesen. Weil ich beim Lesen ein Mitglied der Uskosen und somit selbst ein wenig selbstbewusste rote Zora wurde.
Das Schöne beim Lesen ist, dass man aus den Welten, die sich einem erschließen, jederzeit aussteigen kann. Lektüre lässt sich unterbrechen. Leben nicht. Leben will gelebt und verarbeitet werden. Aber genau dabei können uns Bücher helfen. Mit den Tränen, die wir um die Sterbenden in der Literatur weinen, um die Verlassenen, die Betrogenen oder wen auch immer, beweinen wir stellvertretend auch alle schmerzlichen Tode und Verlassenheiten in unserem eigenen Leben.
Die Tränen, die ich lesend geweint habe, und das Lachen, das ich lesend gelacht habe — all das verändert mich. Ich kehre in meine Welt zurück und bin eine andere geworden. Vielleicht eine Bessere. Wie sagt Robert Musil treffend: »Was bleibt von der Kunst? Wir. Als Veränderte.«
Veröffentlicht am 05. November 2009