Rubrik 'Leben'


Leben

Es lebe Lena hoch

Text: Jürgen Vogdt

»Halt! Ich hab’s: ‘Jeden Tag mindestens eine Zeichnung. Jede Woche mindestens ein Buch. Jede Stunde mindestens ein Widerspruch.’ Das ist so originell philosophisch. Darüber ließe sich doch trefflich formulieren. Was meinen Sie?« Joachim Zischke. — »Ja, meine ich, danke.« Jürgen Vogdt.

Das Zitat stammt von Heiner Frost, veröffentlicht in den kostenlosen Niederrhein-Nachrichten. Diese Aufzählung komprimiert mich, Künstler, sehr gelungen. Niederrheiner aus Zufall und Beuysianer aus Überzeugung. Um in der Kunst gewollte Ergebnisse zu erzielen, und dies mit möglichst wenig »Aufwand, bedarf es intensiver Vorbereitungen. Intensiv ist kein zwingender Zeitfaktor, sondern das handwerkliche Prinzip des Übens. Nur wer geübt hat, kann gedankenlos handeln. Eine Erkenntnis, die jungen Künstlern heute oft abgeht. Es werden Abort-Einfälle zu Ideen stilisiert, die im Ergebnis nicht einmal die Kraft haben, eine Fliege zu verscheuchen. Fliegenschisskunst als Zeitzeichen. Korinthen als Sammelgut. Es ist so, als ob ständig Leben und Eigentum bedroht wären, so dass sich deswegen alle Unterscheidungen aufheben« (Konrad Bayer, der sechste sinn). Dabei sind es die individuellen Unterscheidungen wie die realen Unterschiede, die den subjektiven Wert von Kunst ausmachen, also den Geistes- und Seelenzustand des Betrachters und Kommentators beschreiben. Sehnsucht als bildender Selbstzweck.

Malcolm Gladwell beschreibt in Überflieger sehr einleuchtend, warum der Start in beste Ergebnisse mit mindestens 10.000 Übungsstunden beginnt. Dieses Üben gilt für die Kunst genauso wie für die Musik. Ein Pianist, der nicht täglich übt, stottert ohne Übung irgendwann nur noch egomanisch auf den Tasten herum. Warum soll dies bei einem Zeichner oder Maler anders sein? Es gibt so viele Missverständnisse zwischen Hirn und Hand, dass es Pflicht ist, diese durch Übungen zu minimieren. Insbesondere dann, wenn das Thema der Kunst narrative Abstraktion ist. Bei Beuys wird seit langem kolportiert, dass er dermaßen genial war, dass jeder Strich, auch der übende, verwertbare Kunst ist.

Weit gefehlt. Wer sich über die Vergänglichkeit von Kunst ein Bild machen will, möge sich die Sammlung van der Grinten, wie sie im Museum Schloss Moyland gezeigt wird, konstruktiv antun. Es ist erstaunlich, wie schnell, und wie viele künstlerischen Übungen des Meisters schon auf die berühmten Knie gegangen sind und wie sie zu Nichts verkümmerten. Nur Fanatiker schöpfen vor solchen Attitüden Hoffnung für die eigne Unfertigkeit. Weil Beuys dieses Üben bestimmt gelebt hat, wird sein Ruf als der Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts gefestigt, und nicht, wie Ignoranten prophezeiten, geschmälert. Hätte der Kunstmarkt Picasso nicht als Ersatzwährung definiert, landete der größte Teil des Werks genau dort, wo er hingehört. Als Poster ins Universum der Spießbürgerlichkeit. Doch da Geld nicht erblinden lässt, bleibt der eigentliche Wert die banale Augenweide, nicht die künstlerische Vision. Beiden Künstlern war das Üben sehr zu Eigen.

mantelbrett
Jürgen Vogdt: Mantelbrett 250 x 160 cm

Die unerträglichste aller Kunstfragen ist die, die auf das »Was will der Künstler uns damit sagen?« giert. Wollte er das überhaupt? Da die Realität uns immer mehr Verbrechen, Unglück und exzeptionelle Dummheit zeitnah bietet, bleibt der Fantasie als Quelle der Inspiration nur das Schundbuch. Das erdachte Elend zu Mord und Totschlag, Sex und Glaube, Widerstand und Gewalt ist praktisches Second Mind Angebot. Die Wirklichkeit ist immer unerträglicher als das böseste Buch, so dass dieses wie ein Realitätsfilter wirkt. Es relativiert das Menschsein auf eine verständliche Handlung, unterscheidet nicht zwischen Fiktion und Wunschtraum; das Schundbuch ist, in Kombination mit der eigenen Befindlichkeit, die Realität, die sinnstiftend ist. Sie animiert, weil sie wiederholt werden kann. »Er hatte seit Tagen nicht geschlafen, aber Augen, die geschlossen werden konnten.« Leider ist die Quelle dieses Satzes verloren gegangen, allerdings nicht die Zeichnungen, die dieser anonyme Satz hervor gebracht hat. Narrative Abstraktion basiert folglich aus geistigem Diebstahl. Nicht wortwörtlich, allerdings als Gut, mit Kunst die Welt zu verändern. Welche Welt, bleibt offen. Lenas Optimismus pur.

Nun gibt es nicht stündlich Kontakt zu anderen Menschen, darum ist ein stündlich formulierter Widerspruch nicht möglich. Diese Behauptung von Heiner Frost ist metaphorisch. Andererseits, wer sich einmal, im Dialog mit sich selbst, belauscht, wird sich täglich bei Widersprüchen erwischen, sogar im stillen Dialog des Zeugungsakts. Im Kopfe agiert die Madonna der Gelüste und die Tat gilt dem Partner. Da das Ergebnis authentisch wird, löst sich der Widerspruch in großes Wohlgefallen auf. Seltsam ist nur, dass dies für die Ergebnisse in Kunst, Literatur und Musik nicht mehr gelten soll. Anders als beim Fußball sind diese Ergebnisse keine Erinnerungen, sondern ständig belastbare wiederholbare Tatsachen. Darum sollten wir Lena und unsere Zukunft mit dem Lenada genießen. Dieser junge Mensch hat alle Widersprüche auf den Punkt gebracht. Nix üben, machen, und wenn das Ziel erreicht ist, mit den Übungen beginnen. Lena ist das Highlight an aktuellem Optimismus. In den USA verpesten Millionen Liter Öl die Welt, und gleichzeitig schöpft die Welt, zumindest unsere deutsche, Kraft und Energie aus dem Wesen von Lena. Allen Kochs, Merkels, Mixas und Ichs zum Trotz. Üben, lesen und stündlicher Widerspruch sind also normal? Wenn Hirn und Hand dies im Einklang mit den lebensnotwendigen Gelüsten gemeinsam erledigen wollen, ist dies so. Lena sei Dank! fini

Nach oben 31. Mai 2010


Leben

Von der neuen Dekadenz

Text: Joachim Zischke

Kaum ist unsere iPhone®-App Optismo veröffentlicht, kommen viele freundliche Anfragen. Eine eMail-Korrespondenz.

Nach oben 2 24. Februar 2010


Leben

In der Gemeindebücherei

Text: Joachim Zischke

Die kleine Gemeindebücherei hat geöffnet, und es ist Schülertag. Eine bunte Gruppe Schüler schlendert lässig herein, »Mal sehen, was die hier so haben«, hört die Büchereileiterin sie im Vorbeigehen murmeln. Zielstrebig geht die Gruppe in die Abteilung Jugend. Dort ziehen sie Bücher aus den Regalen, blättern, stellen die Bücher wieder weg, eins ums andere.

Nach gut zehn Minuten kommen die Schüler wieder am Tresen vorbei — ohne ein einziges Buch in der Hand. »Na, habt Ihr nichts Passendes gefunden?«, fragt sie die Frau dahinter. »Nein, zu viel Text«, und draußen waren sie. fini

Nach oben 15. Januar 2010


Leben

Die zehn wichtigsten Wörter des Lebens

Text: Joachim Zischke

Am 4. Januar 1960 verunglückte der Schriftsteller und Nobelpreisträger Albert Camus auf einer Autofahrt tödlich. Eigentlich wollte er aus der Provence im Zug nach Paris reisen, doch dann stieg er als Beifahrer in den Reisesportwagen seines Freundes Michel Gallimard, einem Neffen von Camus’ Verleger. So wie Camus den Tod in seinen Werken beschrieb — die einzige Fatalität, die vorbestimmt ist und der niemand entrinnen kann — so musste er ihn selbst erleben: als Absurdität des Lebens.

Zu Lebzeiten formulierte Albert Camus die zehn wichtigsten Wörter seines Lebens. Es sind dies: «die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer».

Denken Sie nun selbst einmal nach: Welches sind die zehn wichtigsten Wörter Ihres Lebens? Es ist gar nicht so leicht, die Frage zu beantworten, wie ich feststellen musste.

Die Frage ergibt auch ein schönes Konversationsspiel, das sich gut mit Freunden spielen lässt. Und wer die Antworten in sein Tagebuch schreibt, erkennt in späteren Jahren vielleicht die Veränderungen und Wandlungen seines Lebens. fini

Nach oben 05. Januar 2010

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Leben

Atsu

Text: Joachim Zischke

Wir leben in einer Zeit der Abschiede: Abschied von liebgewonnenen Gewohnheiten; von der Art und Weise, wie wir Arbeit bewerten und organisieren; von unserem modernen Leben, das uns an existenzielle Grenzen bringt; vom Konsumieren als dem Inbegriff des Lebensinhalts; von der Vorstellung, der Wert eines Mensch bemesse sich nur durch seine Leistung. Welche Perspektiven bieten sich uns?

Nach oben 03. Dezember 2009


Leben

Über Notizen und ihre Bücher

Text: Joachim Zischke

Was und wer wären wir ohne unsere Notizbücher? Wo blieben unsere vielen Gedanken, Ideen und Lösungsansätze, wenn sie nur flüchtig gedacht, aber nicht niedergeschrieben wären? In einem selbst verfassten Notizbuch zu blättern und zu lesen ist wie ein Gang in die Erinnerung, zurück zu unseren gedanklichen Wurzeln, zu Entdeckungen und manchmal auch Verirrungen. Aber nicht nur das: In einem Notizbuch schlummern mitunter Ideen, die die Welt verändern.

Nach oben 2 05. November 2009

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Leben

Lebenskunst. Ein gedanklicher Rundgang

Text: Joachim Zischke

»Kunst kommt von Können«, sagt ein Sprichwort. Wenn wir unser Leben selbst gestalten, sind wir dann Künstler und unser Leben ein Kunstwerk? Ist das nun eine philosophische oder eine praktische Frage? Dass Lebenskunst auch ganz profane Grundlagen haben kann, zeigen uns beispielsweise Janoschs Ansicht über Bratkartoffeln und viele eingesandte Umfrage-Antworten.

Nach oben 01. Oktober 2009


Leben

Anzahl Leben: 1

Text: Joachim Zischke

Wir alle wissen, dass unser Leben endlich ist. Während für einige Menschen der Tod ein Tor zu einer anderen, schöneren Welt darstellt, verdrängen andere den Tod aus ihrem Bewusstsein und leben so, als sei das Leben ein endloses Spiel. Werden sie am Ende ihrer Tage ihr Leben bereuen?

Nach oben 01. Oktober 2009

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