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Herr Neumann erklärt das Glück

Text: Joachim Zischke

Das Glück — was würden wir nicht alles geben, um glücklich zu sein: als Unternehmer, als Politiker, als Familie, als Ehepartner, als Single. Kommt das Glück ganz alleine zu uns? So auf gut Glück? Oder müssen wir vielleicht für unser Glück etwas tun? Wie kann man das Glück einfangen? Vielleicht mit Hilfe einer Software? Das wäre doch mal etwas Neues. Herr Neumann erklärt das Glück.

welleHerr Neumann sagt, wir können unser Glück modellieren. Daher ist sein kleines Büchlein auch Model Dein Glück getitelt. Der Begriff modeln ist hier als eine Mischung aus Anglizismus und Germanismus zu betrachten. Leider sagt uns Herr Neumann nicht, ob wir es mohdeln oder moddeln aussprechen sollen. Damit man das mit dem Modellieren versteht, muss man wissen, dass Herr Neumann zusammen mit einem Partner eine Software entwickelte, welche Zusammenhänge und Bewertungen von Faktoren in einem visuellen Modell darstellt. Und wie das bei wissenschaftlich orientierten Menschen so manchmal passiert, ist auch Herr Neumann von seinem Produkt derart fasziniert, dass er es auf alle möglichen und auch unmöglichen Lebenssituationen übertragen will. Beispielsweise auf das Glück.

Aber bevor wir so weit sind, wollen wir uns mit Herr Neumanns Theorie auseinandersetzen. Ganz im Sinne von Immanuel Kant — »Es gibt nichts praktischeres als eine gute Theorie« — entwickelte Herr Neumann eine kleine Theorie der Glücksursachen. Dabei greift Herr Neumann in die Evolutionskiste und erklärt uns, dass wir uns zum Erfolg und Glück einerseits in die Umwelt integrieren müssen und andererseits weiterentwickeln wollen. Das würde auch erklären, warum es heute keine Dinosaurier mehr gibt — die haben sich schlicht nicht weiterentwickelt.
Herr Neumann verwendet für die Darstellung seiner Theorie das diesmal nicht Software gestützte Modell einer Welle. Wenn wir integriert sind und uns weiterentwickeln wollen, sind wir glücklich und erfolgreich, schwimmen also ganz oben auf der Welle. Fehlt eine der beiden Voraussetzungen über längere Zeit, sind wir unglücklich, stürzen über die Welle ab oder fallen ins Wellental zurück. Herr Neumanns Wellenmodell lehnt sich hier an die Katastrophen-Theorie des französischen Mathematikers René Thom an, die sich mit unstetigen, sprunghaften Veränderungen von dynamischen Systemen befasst.

Als weiteres Bindeglied der Theorie fügt Herr Neumann seine Know-Why-Methode an. Herr Neumann behauptet, dass in der hollistischen Fragestellung Warum der Schlüssel zum Ursache-Wirkungsmodell Integration – Weiterentwicklung liegt. »Warum betreiben wir Konversation, warum gehen wir ins Fussballstadion, warum ist das iPhone erfolgreich, warum hängen Jugendliche mit Punkern ab, warum scheitert die Reformpolitik« [...] Alle erfolgreichen Beispiele sind die Ursache einer integrierten Weiterentwicklung, negative Beispiele zeigen zu viel Weiterentwicklung ohne Integration.

Und, wie um diesem recht schlichten Theoriegebilde eine Krone aufzusetzen, sieht Herr Neumann das Müssen und Wollen als die Triebfedern des Menschen. Warum überwindest Du Dich, Sport zu treiben? Warum trennst Du den Müll? Warum liest Du dieses Buch? Herr Neumann schreibt: »Die generelle Antwort auf solche Fragen ist eigentlich immer, dass Du etwas willst oder Du etwas musst, oder sogar Du etwas musst und auch willst.« Guten Tag, Herr Maslow, demontieren Sie Ihre Pyramide, wir haben ein schöneres, einfacheres Modell gefunden.

Nun, da wir die nüchterne Theorie kennengelernt haben, führt uns Herr Neumann in seinem Buch in das pralle Leben ein. In fast dreißig Kapiteln, manche nicht mehr als eine Seite lang, erfahren wir:

p Die Partnerschaft reift – Liebe braucht neue Ideen
p Varietät – mach’ Deinen Erfolg wahrscheinlich!
p Sex multifunktional
p Karriere vs. Hausfrau – entwickeln wir uns selbst?
p Jugendliche – they just wanna have fun
p PC und TV – passives Erleben
p Produkte – gekaufte Weiterentwicklung und Integration
p Drogen – grundlose Gefühle
p Glauben – evolutionäre Integration
p Fans – fanatische Integration
p U-Bahnschläger – ausgegrenzte Homonjäger
p Asiaten – zuwenig Weiterentwicklung
p Amerikaner – zu wenig Integration
p Kreativität – nützliche Querbefruchtung
p Emotionale Intelligenz – richtig ticken
— usw.

Dann endlich, in Kapitel 33 hält Herr Neumanns rauschender Wortwasserfall zum Lebensglück inne — wir sollen etwas über seine Software erfahren, ein Werkzeug, das uns helfen soll, unser Glück zu modeln, die Grenzen unseres Verstandes [zu] erweitern. Doch mit dem Modellieren von Glück, das erkennen wir schnell, hat die Software recht wenig zu tun. Sie erinnert ein wenig an das Prinzip MindMap oder Creative Map: wir listen Stichworte auf, ordnen und verschieben sie in einem Fenster, verknüpfen sie mit Pfeilen, gewichten sie vielleicht noch, und schon sind wir mitten drin im vernetzten Denken. Was hat das mit Glück zu tun? fragen wir uns und blättern weiter. Ach, eine Urlaubsplanung können wir auch mit der Software erledigen?

»Dieses Buch ist nur erfolgreich, wenn es Dich als Leser/in integriert weiterentwickelt«, spricht uns Herr Neumann an. Fühlen wir uns denn nach der Lektüre integriert weiterentwickelt? Nein, Herr Neumann, ganz sicherlich nicht. Welche Zielgruppe hatten Sie eigentlich im Sinn, als Sie dieses Buch schrieben? Was wollten Sie damit erreichen? Mussten Sie den Verkauf Ihrer Software ankurbeln? Wollten Sie uns einfach einmal Ihre Sicht der Welt beschreiben? Uns vorführen, ob wir richtig ticken? fini

Neumann, Kai: Know-Why, Model Dein Glück. 2008, Norderstedt.

Veröffentlicht am 06. August 2009

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