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Meine absurdistische Bibliothek

Text: Joachim Zischke

librarySeit Jahren pflege ich eine absurdistische Bibliothek. Sie beinhaltet Bücher, die ein abstraktes Gedankengerüst — Logik des Zerfalls, Absurdität des Daseins, Vernichtung von individueller Identität, notwendiges Scheitern, gebannter Blick auf den Tod — überspannt. Ich liebe Werke, die in einer elliptischen Form mit hermetischer Tendenz, in wortgewaltigen Gedanken und ruppiger Handgreiflichkeit eine Symbolik darstellen, welche die pessimistische Unerbittlichkeit dieser Welt ad absurdum führt oder destruiert. Die sich nicht scheinbar zyklisch wiederholende Geschichte, getragen von archetypischen Verhaltensmustern, animalischen Trieben und den daraus abgeleiteten Gesellschaftsstrukturen, bestätigt in diesen Büchern ein negatives, pandämonisches Weltverständnis. Diese absurdistische Bibliothek dient mir als Kulissenbeschreibung des Fallens und Stürzens einer ganzen Epoche. Nichts wird sein, kein Schmerz, keine Angst … keine Engel. Kein Teufel. Nichts.

Das Motto, das ich über der Eingangstüre anbrachte, lautet: Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben. Man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken. Karl Kraus

Ich bespreche hier einige Bände, die Bände sprechen und die ich immer wieder gerne zur Hand nehme. Was mir dabei erst jetzt auffällt, ist, dass mein Buchbestand meist vom Essen und Trinken und Kochen handelt. Das ist sehr verwunderlich.

Brot in Venedig — Thomas Mann

Teigstück; Erstbäcker: Hyperionbäckerei Hans von Weber, 1912.

Gustav von A. ist ein berühmter deutscher Dichter, der sehr auf Essen und Trinken bedacht ist. Unvermittelt unterliegt er der Versuchung, für ein paar Wochen zu verreisen und gelangt so nach Venedig, wo er dem Anblick eines Brotlaibs erliegt, den er für den Inbegriff des Schönen hält. – In dieser neoklassizistischen novella pistoria sind die Zutaten mindestens ebenso wichtig wie die Rundungen. Es geht um den Konflikt zwischen dem Apollinischen und dem Dionysischen am Beispiel des Verfalls des Geschmacks in der bemehlten Atmosphäre einer krustigen Stadt.

Bezahlt wird nicht — Dario Fo

Ristorante reale: Non si paga! non si paga!; Restaurant: ohne Ortsangabe, Mailand 1974.

Der ängstlich auf Geld bedachte geizige Gourmand Giovanni Avariti ist mit der resoluten, schlagfertigen Antonia verbandelt, die gewissermassen das Fast-Food-Establishment verkörpert und nicht zögert, Currywurst und Pommes als Waffe gegen die Klasse der Epicures und Vinomicos einzusetzen.

Effis Bries — Theodor Fontane

Menus: 1888/89 bis 1894; Probe: 1894/95; Erstmenu: Berlin 1895.

Die 17-jährige Effi bekocht den doppelt so alten Landrat Baron von Innstetten. Bald fühlt sie sich allein in der Küche und unterfordert. Das ändert sich erst, als der leichtkochende und üppige Saucen verachtende Maître Crampas ihr zeigt, wie wahre Liebe schmeckt. — Die Handlung beruht auf einem authentischen Fall. Fontane beschäftigt sich eingehend mit Menus und Rezepten, hält sich jedoch mit leidenschaftlichen Gefühlausbrüchen zurück und vermeidet jede pathetische Gourmetsophie.

Der Mann mit der Paste — Henning Mankell

Hors de criminale: Pyramiden; Lokalität: Ordfront, Stockholm 1999.

Am Heiligen Abend findet Kurt Wallander in einem Tante-Emma-Laden ein fertig zubereitetes Vol-au-vents. Bevor er einen klaren Gedanken fassen kann, wird er von hinten niedergeschlagen. – Der Titel ist eindeutig mangelhaft und unvollständig übersetzt, da er auf Carêmes Zufallsereignis anspielt, was im Buch jedoch keinesfalls berührt wird.

Der Hummerkünstler — Franz Kafka

Show-Restaurant; Idee: Die Schmiede, Berlin 1924.

Eingesperrt in einen Käfig, sitzt der Hummerkünstler auf etwas gehackten Schalotten und nimmt keine Nahrung ausser einen Hummer Thermidor zu sich. Hungrige drängen sich, um ihn zu sehen. Weil aber der Patron weiss, dass der Hunger der Zuschauenden ins Unermessliche ansteigt, bricht er die Darbietung jeweils nach 40 Tagen ab.

Die Säue der Erde — Ken Follett

Historienspektakel; Original: The Pigs of Earth, 1990; Deutsche Erstausgabe: 1992.

Nach dem Tod von König Heinrich I. im Jahr 1135 kommt es in England zu einem Schinkenfolgekrieg. Vor diesem Hintergrund kämpfen der Prior Philip und der Schlachtermeister Tom Butcher gegen zahlreiche Widerstände für ihren Lebenstraum: den Bau einer gewaltigen gotischen Räucherkammer.

Alice im Plunderland — Lewis Carroll

Phantasie-Confiserie: 1865; Alice’s Adventures in Plunderland; Deutsche Handelsausgabe: 1869.

Alice ist eine etwa 20-jährige Frau, die sich über eine sprechende Teigtasche wundert, die auch noch eine Uhr bei sich hat. Neugierig folgt sie der Tasche in deren Bäckerei und gerät in ein überirdisches Plunderland. Einmal wächst Alice bis weit über die Baumkuchen hinaus. Auf die Größe eines Nougatkonfekts geschrumpft, erlebt Alice mit Amerikanern und Kopenhagenern ein lukullisch-sibyllinisches Abenteuer nach dem anderen und kommt aus dem Essen nicht mehr heraus.

Alexis Sorbet. Teurer Abend auf Kreta — Nikos Kazantzakis

Essdramolett; Lokalität: ohne Ortsangabe; Griechenland 1946.

Ein feinschmeckender Engländer, der eine Taverne auf Kreta pachtet, um unter einfachen Menschen ein neues Leben zu beginnen, wird mit archaisch-grausamen Kostproben der griechischen Esskultur konfrontiert. Der Intellektuelle trifft auf einen ungebildeten, aber küchenerfahrenen Mann mit einem unverfälschten gesunden Produktverstand. — Alexis Sorbet ist ein sündhaft teures, dennoch wunderbares Dessert.

Omelette — William Shakespeare

Kochstück; The Tragical Cooking of Omelette, Prince of Denmark; Kochkurs in fünf Gängen; Manuskript: um 1600; Urkurs: London 1602; Deutscher Erstkurs: Wien 1773.

Essen oder Nichtessen, das ist hier die Frage. Dem dänischen Prinzen Omelette erscheint eines Nachts der Geist einer Terrine de Nérac, der ihm offenbart, er werde von einem Bruder namens Claudius beim Essen jener Terrine vergiftet. Von da an lebt Omelette zwar nur noch in der Küche, zögert aber, selbst Koch zu werden.

Warten auf Bordeaux — Samuel Beckett

Degustationsritual; Klassifizierung: 1948; Originaltitel: En attendant Bordeaux; Urprobe: Paris, 5. Januar 1953; Deutsche Erstverkostung: Berlin 1953.

Auf tragikomische Weise veranschaulicht Samuel Beckett die Sinnlosigkeit des Weinliebhabers Warten auf den neuen Wein: Wir wissen nicht, warum wir warten und ob sich unser Warten auf den neuen Jahrgang lohnt. Das ist eine grausame Erkenntnis. Trotz der Absurdität können wir uns bewusst entscheiden, weiter zu warten oder einfach den alten Jahrgang auszutrinken.

Zwei Köche am Herd — Patricia Highsmith

Kochwettbewerb; Originaltitel: Strangers on a Stove; New York, 1950; Deutsche Fassung: Kochtopf für zwei, Reinbek/Hamburg 1967.

Der Souchef Guy Haines, der seinem Chefkoch den ersten Michelin-Stern nicht gönnt und deshalb seine Stelle einnehmen möchte, tritt mit einem Fremden zum Kochwettbewerb an. Charles Bruno – so heißt der Mann – will den Chefkoch aus dem Weg schaffen, und Guy soll Charles’ verhassten Patron umbringen. Weil es keine persönliche Beziehung zwischen Tätern und Opfern gäbe, wäre es das perfekte Verbrechen. Guy nimmt das Gerede nicht ernst – bis der Chefkoch erstochen in der Kühlkammer aufgefunden wird …
fini

Veröffentlicht am 05. Juni 2008

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