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Endliche und unendliche Spiele

Text: Joachim Zischke

Der amerikanische Theologieprofessor James P. Carse benennt zwei Spieletypen als Analogie für die Art, wie wir unser Leben betrachten könnten: endliche und unendliche Spiele. Entstanden ist eine Lebensphilosophie, welche die Zielsetzung des Handelns in gesellschaftlichen oder auch wirtschaftlichen Bereichen neu definieren kann.

Schon seit ewigen Zeiten spielen Menschen. Vor mehr als 1500 Jahren spielten die Azteken und Mayas heilige Spiele, nicht zum Spaß oder um einen Pokal zu gewinnen, sondern zur Ehre ihrer zahlreichen Götter. Und fast immer endeten diese Spiele mit einem blutigen Menschenopfer. Im 19. und bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein spielten Engländer und Russen in den Bergen Afghanistans Das Große Spiel um Politik, Intrige und Weltreiche.

In unserem alltäglichen Vokabular verankerten sich zahlreiche Begriffe aus diesen Bereichen: Wir sprechen von Gewinnern und Verlierern, von einem Anfang und einem Ende, von Zielen, Strategien und Etappensiegen. Obwohl wir heute beim Wort Spiel eher an ein sportliches Ereignis oder an Unterhaltung denken, begleitet uns der Begriff auch immer noch als Metapher für unser Leben.

In seinem bereits 1986 erschienenen Buch Endliche und unendliche Spiele: Die Chancen des Lebens, beschreibt James P. Carse, Professor der Theologie und Kirchengeschichte an der New York University, eine Lebenstheorie, die auf dem Begriff Spiel aufbaut. Die wichtigsten Aussagen lauten:

  • Es gibt zwei Arten von Spielen. Wir bezeichnen sie endliche und unendliche Spiele.
  • In endlichen Spielen handeln wir nach festgelegten Regeln, um zu gewinnen. In unendlichen Spielen handeln wir mit ständig wechselnden Regeln – um weiterzuspielen.
  • Endliche Spieler spielen innerhalb von Grenzen; unendliche Spieler spielen mit den Grenzen.
  • Unendliche Spieler verbrauchen keine Zeit, sondern erschaffen Zeit.
  • Wer spielen muss, spielt nicht.

Lesen wir Carses Werk zum ersten Mal, erscheint es uns verwirrend und anstrengend; das Buch ist wirklich nicht leicht lesbar. Denken wir etwas länger darüber nach oder konzentrieren wir uns auf die wichtigsten Punkte, so entdecken wir eine Philosophie, die in vielen Feldern unseres Lebens, beispielsweise im Beruf, in der Familie oder mit Freunden, aber auch auf gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Ebenen anwendbar ist. Eine tabellarische Übersicht bietet uns eine Hilfestellung, tiefer in das Gedankenmodell einzudringen:

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Vergleich endlicher und unendlicher Spiele an ausgewählten Faktoren

Wir müssen erkennen, dass unser Leben endlich ist. Daher sind auch unsere Handlungen im täglichen Leben derart angelegt, dass sie zu einem zwangsläufigen Ende kommen, wenn sie ihren Zweck erfüllten. Carse setzt nun ein Modell der Unendlichkeit des Lebensspiels dagegen: Der endliche Spieler spielt innerhalb der Grenzen, welche die Regeln vorgeben und möchte das Spiel möglichst schnell in einer eindeutigen Situation – entweder als Gewinner oder als Verlierer – beenden. Der unendliche Spieler verändert jedoch ständig die Spielregeln, welche wiederum die Grenzen des Spiels so verschieben, dass ein kontinuierliches Spiel möglich wird. Er spielt also um des Spielens willen und strebt kein Spielende oder eine Gewinn-Verlust-Situation an.

Was könnten wir mit dieser Theorie anfangen? Mit Carses Denkansatz könnten wir sowohl eine neue menschliche Gesellschaftsordnung konstruieren als auch Konzepte für unsere Kommunikation oder die Arbeitsweise von Unternehmen entwickeln. An zwei Beispielen möchte ich Carses Überlegungen darstellen:

Die unendliche Kommunikation

Unsere Kommunikation könnten wir als unendlich bezeichnen, wenn wir offen sind, im Dialog gemeinsam neue Perspektiven zu entdecken. Wir sind initiativ, indem wir fremde Gedanken und Ideen zulassen, sie als willkommene Bereicherung auf dem Wege zu neuen Erfahrungen und Erkenntnissen schätzen.

In endlichen Gesprächen nimmt jede Person ihren eigenen Standpunkt ein, den sie meist nicht verändert. Diese Art von Kommunikation entspricht einem Nullsummenspiel, in dem der Eine gewinnt, der Andere zwangsläufig verlieren muss. Viele Menschen sind in dieser endlichen Welt gefangen, in der sie nicht einmal die Annahmen in Frage stellen, obwohl es nur einen einzigen, deutlich sichtbaren Weg gibt. Endliche Gesprächspartner neigen dazu, ihren Willen und ihre Schlussfolgerungen den unendlichen Spielpartnern aufzuzwängen. Damit zerstören sie Alternativen und verhindern, sich selbst den unendlichen Spiel-Möglichkeiten zu öffnen.

In der unendlichen Kommunikation beeinflussen sich die Dialogpartner gegenseitig: Ein neuer Standpunkt kann sich aus vielen einzelnen Gedanken der Gesprächspartner bilden, so dass neue Perspektiven entstehen, die Welt zu betrachten und zu neuen Lösungen zu kommen.

Das unendliche Unternehmen

Die typische wirtschaftliche Sicht eines Unternehmens ist endlich: Im Vordergrund steht das Spiel der Konkurrenz, gewinnen oder verlieren. Je stärker ein Unternehmen im Markt agiert, umso höher mögen Erlöse und Gewinne sein, aber umso unbeweglicher und damit angreifbarer wird es. Endliche Unternehmen verharren oft in alten Methoden und erleben Schwierigkeiten, wenn sich die Grenzen der Märkte verschieben. Die wirtschaftlichen Zielvorgaben greifen nach immer höheren Werten, was das Denken und Handeln einschränkt. Endliche Unternehmen führen sich selbst zwangsläufig ins Abseits.

Das unendliche Unternehmen bewegt sich flexibel, reagiert schnell und behände auf Veränderungen. Nicht die Grenzen des Marktes bestimmt das Handeln, sondern der Horizont der Ideenvielfalt. Und so wie sich der Horizont beim Vorwärtsgehen immer weiter verschiebt, so eröffnen sich dem unendlichen Unternehmen ständig neue Spielräume, Märkte und Betätigungsfelder. Unendliche Unternehmen definieren die Spielregeln neu, überspringen bestehende Grenzen mit leichter Eleganz und zukunftsorientiertem Denken. Das Ziel ist nicht Gewinn um jeden Preis, sondern gesundes Wachstum, Nachhaltigkeit, das kontinuierliche Weiterspielen, eine immer wieder stattfindende Erneuerung, die ewige Geburt des Unternehmens.

Fazit

James P. Carse schuf mit seinem Ansatz der endlichen und unendlichen Spiele nicht nur eine verständliche Form, unser menschliches Handeln zu beschreiben, sondern auch eine nützliche Methodik, unterschiedliche Bereiche unseres Lebens mit Hilfe dieser Einteilung zu überprüfen und neu zu bestimmen.

Für den interessierten Leser, der die Methode für sich oder im Rahmen beruflicher Aufgaben nutzen möchte, steht eine Übersicht in Formularform zum Download bereit. fini

Literatur:
Carse, P. J.: Endliche und unendliche Spiele: Die Chancen des Lebens; 1987.
Berndt, Ralph (Hrsg.): Management-Konzepte für die New Economy; 2002.

Veröffentlicht am 03. April 2008

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