Gelesen: Die Flaneurin
Eine Frau stellt einen Mann nach, den sie nicht kennt. Ihr Beobachten und Verfolgen wird zur Obsession, das ihr Leben stillstehen lässt und dramatisch verändert. – Petra Urban, Schriftstellerin, Literaturwissenschaftlerin und DIALOGUS Autorin bringt in ihrem neuen Buch ein aktuelles, gesellschaftlich noch wenig beachtetes Thema zur Sprache.
Eine Frau, fünfzig Jahre alt, familiär und finanziell unabhängig, Bestattungsrednerin aus Langeweile und Leidenschaft, in Albträumen von ihrer verstorbenen Mutter geplagt, sieht in ihrer Stadt einen Mann, einen eleganten Abenteuerertyp, der sie ganz plötzlich über alle Maßen fasziniert. Sie begegnet ihm bei einem Begräbnis, später erneut in einem Hotel. Diese Begegnungen deutet Henriette als Bestätigung seines Interesses und ihrer stillen Hingabe. Sie beginnt ihm nachzustellen.
Als sie der Silbergraue, wie sie ihn nennt, anspricht und um das Manuskript ihrer Trauerrede bittet, wird das Verfolgen seines Lebens zur Obsession. Sie steigt über Balkonabsperrungen, um ihn zu sehen, reist an seinen Wohnort, beobachtet sein privates Eheglück, sein berufliches Leben, dringt alsbald unter Vorwand in sein Haus ein und stiehlt ein silbernes Feuerzeug, das sie wie einen Fetisch bei sich trägt. Ihre Besitz-Phantasien verstärken sich zu Halluzinationen zwischen einem längst vergangenen, unerfüllten Liebesabenteuer und den sinntäuschenden Attacken ihrer toten Mutter. Ihr Leben bleibt stehen, dreht sich nur noch um das Beobachten und Verfolgen. Da Albert, der Verehrte, sie natürlich nicht wahrnimmt, ruft Henriette ihn an. Von einem gegenüber gelegenen Haus sieht sie zu, wie er ihren Anruf annimmt und zu ihr spricht. Das gestohlene Feuerzeug benutzt sie als Pfand und Lockmittel, um Albert zu einem in ihrer Phantasie erfüllenden Rendezvous in jenes Hotel zu bewegen. Albert sagt zu, zu kommen.

»Mein Blick schweift weiter durch die Menge, suchend. Und tatsächlich, da entdecke ich ihn, er lehnt nebem dem Eingang der noch geschlossenen Kapelle an der Wand. Er unterhält sich, trägt seinen braunen Kamelhaarmantel und fährt sich mit einer lässigen Geste, die mir gut gefällt, durch das dichte silbergraue Haar. In der Hand hält er Lilien, weiße Lilien, die ich in diesem Moment zu meinem Lieblingsblumen erkläre.«
»Albert, flüstert die Stimme in mir.
Erschrocken ziehe ich den Kopf ein. Im Sturzflug kommt etwas auf mich zu, etwas Dunkles und Bedrohliches, eine Art Schatten, rast auf mich hernieder wie ein riesiger schwarzer Vogel.
Mama ist wieder da. Ihr Gesicht ist kalt und streng, ihr Mund spitzer als spitz, er sieht aus wie ein Schnabel, mit dem sie nach mir hacken will. Mama ist böse. Und ich weiß auch warum.«
»Die Alten kommen noch näher, krabbeln auf mich zu. Schwarze Todesvögel, die schon lange nicht mehr zum Himmel auffliegen können, und die mich jetzt umkreisen, in ihre Mitte einschließen und sogar berühren, als wollten sie nicht nur von der Verstorbenen, sondern auch von mir Abschied nehmen.«
»Unvermittelt mache ich einen Schritt zur Seite. Albert hat sich umgedreht und mich angeschaut. Aber schon gucke ich wieder hinein ins hellerleuchtete Zimmer, Albert streckt die Arme nach ihr aus, sagt etwas, was ich nicht verstehen kann, lacht, und zieht Schneewitchen zu sich heran. Das weiße Handtuch fällt zu Boden, sieht aus wie frisch gefallener Schnee zu ihren Füßen. Wie schön sie ist, wie beneidenswert jung und wie unschuldig in ihrer Nacktheit, die weißen Brüste mit den rosigen Spitzen, die wie Knospen sind und die sie ihm sehnsüchtig entgegenstreckt. Sie tut mir dennoch leid.«

Der Roman ist skurril, urban, lebensnah und psychologisch tiefgründig, dabei atmosphärisch dicht geschrieben. Scharf und kantig sind die Sätze in die Geschichte geschnitten. Klar und präzise die Beschreibungen von Raum und Ort. Da bleibt kein Platz für sentimentale, elegische oder träumerische Betrachtungen. Alles ist sichtbar und transparent. Wie auf Schienen läuft die Handlung vorwärts und der Leser folgt ihr gebannt, Seite um Seite, fast schon hypnotisch. Kein gedankliches Abschweifen, kein müßiges Zurücklehnen.
Die Figuren, wie mit einem Skizzierstift gezeichnet, erfahren durch ihren wiederholten Auftritt, wie sie sprechen und agieren, an Kontur und Bekanntheit. Sie tragen Namen, die schmunzeln lassen: Frau Toxi, Schneewitchen, Madonnengesicht, Fohlen im Rock. Die Protagonistin bleibt dem Leser vielfältig in ihrer Wandlung: Zuerst erscheint ihm ihr Wesen verschroben, eigenbrödlerisch, dann irrsinnig, pathologisch, später hilflos, verletzt, verständlich. Doch wer ist Henriette wirklich?
Das Thema ist aktuell. Stalking, das obsessive und bedrohende Belästigen von bekannten oder unbekannten Personen, die erzwungene Annäherung und unerwünschte Kommunikation — dieses Verhalten tritt erst sein kurzer Zeit in unser gesellschaftliches Bewusstsein. Petra Urban behandelt in ihrem Buch Stalking nicht als Folge eines Liebeswahns, wie es bislang Filme und einige wenige Bücher darstellten, sondern als psychologische Auseinandersetzung mit einer unbewältigten Vergangenheit, ausgelöst durch den Einfluss einer alles beherrschenden Mutter und einer unerfüllten, verhinderten Liebesbeziehung. Die Geschichte schließt, nach einer lang anhaltenden Spannungskurve, nicht mit einem vielleicht erwarteten fulminanten Paukenwirbel — das Buch endet mit dem leisen Anschlagen einer Triangel. Das stimmt umso mehr nachdenklich. 
Urban, Petra: Die Flaneurin; Leinpfad-Verlag, Ingelheim. 2009.
