Blade, der unbekannte Aufklärer
Text: Joachim Zischke
Auf dem Lesepult liegt ein größeres Format, in edlem grau-meliertem Buckram gewandet, mit einem aufgeklebten, quadratischen Titelschild, das Vorsatzpapier frühkirschenrot, innen fein matt gestrichenes, elfenbeinfarbenes Kunstdruckpapier in haptischer Grammatur, und ein perfektes Druckergebnis.
Bücher, die mit dem Zitat eines Weisen beginnen, gefielen mir schon immer. Auch jetzt: »Ein besen ist besser als ordnung.« Meister Li. Wer ist Meister Li? Ich finde keine Werke von oder über ihn. Ist er vielleicht ein Chinese aus der fernen Zeit der Überlieferung? Dennoch: In der Schlichtheit seines Wortes spiegelt sich die Haltung unserer Welt. Ordnung ist immer bestimmend, fordernd, häufig vernichtend. Ein Besen hingegen ist nie radikal. Während er das eine Sandkorn hinwegfegt, überlebt ein anderes als Samen, wächst, blüht und gedeiht zu etwas Neuem, vielleicht zu einem Ideal. Doch in diesem schönen Buch geht es nicht um Meister Li und Sandkörner. Es geht um Blade, um Unterwelt, Gebirgspflaumen und Komfortzone, um Marketing, Medien und Macht und um eine Suche.
Blade, eine Figur in leuchtend hellrote Plakatfarbe getaucht, stets mit Hut, wie der grüne Ostampelmann, mit allerlei nützlichen und unnützlichen Werkzeugen ausgestattet — ewiges Feuerzeug, Hundeattrappe, stehendes Lasso, Illuminationskerze, Überraschungstorte —, dieser Blade sucht im grellgelben und blendweißen Lichtschein seiner Stablampe und sucht und sucht. In Sachen Aufklärung, sagt der Untertitel des Buches. Doch was genau Blade suchen und aufklären will oder muss, bleibt im Dunkeln. Mal bewegt er sich in einer Identitätsfalle, dann an der Goldküste, mal tarnt er sich als Marke, mal leuchtet er um die Ecke einer nicht weiter bezeichneten Scheu entgegen, Seiten später späht er in die Tiefen der Information, doch welcher? »Der alte traum: aufklärung ud technik nutzen, um leben zu retten.« Ist es das?
Blade ist mir sympathisch. Auf packpapiernen Untergründen, mit schnellen kräftigen Pinselstrichen gemalt, gezeichnet, gekleckst, eilt er von Blatt zu Blatt, macht auch vor Würstchenpapptellern nicht Halt. Ist Blade ein Detektiv, Beobachter, Retter, gar ein Philosoph? »Es war imer gut, schon zu laufen, während man denkt, wohin, dachte Blade. Nur so kann man finden, was nicht erst gesucht wurde.« Blade muss Peripatetiker sein, der im Gehen sein Denken stimuliert, das Perpetuum mobile in seinem Kopf immer wieder jene Gedanken und Ideen zutage fördern lässt, an die er gar nicht dachte. Ein Aufklärer, der sich selbst aufklärt, während er durch eine Geschichte spurtet, die keinen Sinn ergibt.

Rainer Zimmermann: BLADE, Gebirgspflaumen, Seiten 52/53
Die »Gebirgspflaumen«: Sinnbild für die Absurdität des Lebens. Auf einem Vorsprung, in urwirtlicher Höhe, frei aus dem Fels gemeißelt und technologisch begradigt, sehen wir am erwachsenen Baum die süßen, reifen Früchte im appetitlich leuchtenden RAL 4005 Blaulila. Eine Seilbahn, aufgehängt an durch Generationen gehüteten Geheimnissen und stets wiederkehrenden Illusionen, passiert knapp unterhalb des Himmels. Blade lehnt sich aus der grünen Gondel der Hoffnung, lässt seine Obstbeuteltasche hinab, und schon ahnt und sieht er, dass sein Bemühen nichts ernten, dass seine Reise an diesen Höhenflugort vergeblich gewesen sein wird. Ein naher Steinbock, verzückt, verwundert und vernarrt die Szenerie verfolgend, hätte jodelnd gelacht, könnte er sich in Fremdsprachen ausdrücken. Und auch ich, der ich das Bild betrachte, würde gerne an den Früchten naschen, mich am alten Gebirgspflaumenschnaps der trügerischen Versprechen berauschen. Doch vergebens: Die Seite dreiundfünfzig, meine persönliche mystische Jahreszahl, bleibt beim Umblättern als Geheimnis der Gebirgspflaumen zurück.
Dem Autor Rainer Zimmermann, Grenzgänger zwischen Wissenschaft, Unternehmertum und Kunst, ist mit seinem Bilderbuch und dem Protagonisten Blade eine spannende, unergründliche Geschichte gelungen, die uns bildhaft nahe an die Realität führt, um dann das Ziel der Reise doch offen zu lassen. »Auf wiedersehen« sagt uns ein letzter Schnipsel Packpapier. Werden wir Blade in einer Fortsetzung wiedersehen? Oder uns in Blade selbst begegnen?
Zimmermann, Rainer (Hg. Jürgen Vogdt): BLADE in sachen aufklärung, Kleve, 2005
Veröffentlicht am 06. Juli 2010