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	<title>DIALOGUS &#160; &#187; Horst Buchholz</title>
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	<description>Eine andere Sicht.</description>
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		<title>Lerne lesen, ohne zu klagen</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Nov 2009 04:50:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Horst Buchholz</dc:creator>
				<category><![CDATA[Wandel]]></category>
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		<description><![CDATA[Die Welt des ersten Lesens, getrübt durch den Zwang zur Interpretation des Gelesenen, gipfelte schnell im schulischen Erfolg, nur noch das zu lesen, was nicht zu vermeiden war. Doch dann folgte meist die Welt der Bücher, einhergehend mit diagonal beschleunigtem Lesen, nur aufgehalten von  nicht korrekter Rechtschreibung und der Faulheit des Schreibers. Heute nun die Welt der Blogs und Smileys, mit ihren Konventionen und Besonderheiten. Der Autor Horst Buchholz reflektiert sein Leseleben und Wandern durch die Welt des Lesens.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="abstract">Die Welt des ersten Lesens, getrübt durch den Zwang zur Interpretation des Gelesenen, gipfelte schnell im schulischen Erfolg, nur noch das zu lesen, was nicht zu vermeiden war. Doch dann folgte meist die Welt der Bücher, einhergehend mit diagonal beschleunigtem Lesen, nur aufgehalten von  nicht korrekter Rechtschreibung und der Faulheit des Schreibers. Heute nun die Welt der Blogs und Smileys, mit ihren Konventionen und Besonderheiten. Der Autor Horst Buchholz reflektiert sein Leseleben und Wandern durch die Welt des Lesens.</p>
<p><img src="../../../magazin/img/2009/23,schwein.jpg" alt="schwein" class="right"><span class="firstletter">D</span>amals stand in der Fibel auf der ersten Seite in großen Buchstaben I IMI I. Das Kind kannte das Waschmittel, zerlegte es aber nicht in seine chemischen Substanzen, sondern fügte die leicht unterscheidbaren Lautsymbole <em>iiiiii</em> und <em>mmmmm</em> zum Namen der Substanz zusammen und mit dieser Analyse und Synthese war eine Fähigkeit geboren, die ebenso trivial wie erstaunlich ist.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Wie Musik als Noten festgehalten werden kann, so seit Jahrhunderten in quasi digitalisierter Art das gesprochene Wort in Schrift. Zumindest von dem Moment an, als kluge Leute die Gleichung festlegten, dass ein Laut ungefähr einem Zeichen entspricht. Keine verwirrenden Keil-Einkerbungen in den weichen Ton, keine schön gemalten geheimen Bilder auf Papyrus oder an der Wand &mdash; das war alles zwar noch weiterhin in Gebrauch, aber veraltete Technik. Statt des Priesters und Beamten hatte sich der Kaufmann der Schrift angenommen. Auch in der endenden Bronzezeit galt, dass Zeit eben Geld sei. Schnell ergriff auch der Dichter dieses Medium und schon zu Beginn wurden in Europa Texte von erstaunlicher Länge niedergeschrieben, wie <em>Ilias</em> und <em>Odyssee</em>. Das Werkzeug war also seit rund drei Jahrtausenden da und hat sich seit den Notizen der Phönizier in seinem Prinzip nur wenig geändert. Sogar die Reihenfolge der Zeichen blieb weitgehend stabil.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Das Kind begriff Sinn und Struktur der etwa dreißig Chiffren, lernte später auch die Ausnahmen, die jede Regel hat &mdash; wie den Notfall <em>SCH</em> mit drei Buchstaben &mdash; und  kam recht früh frohgemut zu der Überzeugung, dass ihm die Welt nun offen stand.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Für ein Kind, das in einer Stadt wie Hamburg groß werden sollte, hatte das Lesenkönnen sofort durchaus praktische Bedeutung. Aufschriften der Läden waren erkennbar und die Namen der Freunde auf den Klingelschildern. Jenseits der Lesebuchgeschichten in der Schule waren nun die Namen der Straßen nicht mehr geheim und die Ziele, zu denen die verschiedenen Straßenbahnlinien fuhren. Der Vergleich mit einem Stadtplan erlaubte so die Vorbereitung zu Expeditionen, allein oder mit Freunden, die in unbekannte Welten führten zum geringen Preis von fünfzehn Pfennig für einen Kinderfahrschein. Später gelang auch die Eroberung des Beifahrersitzes, weil man dem Vater durch Lesen der Landkarte den Weg zeigen konnte (na ja, er ließ das Kind gewähren und das war dankbar über diesen Vertrauensbeweis). Die Zeitung war der nächste Schritt. Las man sie unbefugt als Erster, so hatte man sie allerdings sorgfältig wieder zusammen zu falten.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Getrübte Freude neben dieser Eroberung des Geschriebenen und Gedruckten war die zwangsweise Lektüre von immer länger werdenden Texten, die nicht nur zu lesen waren, sondern die man auch gefälligst noch sinnvoll zu interpretieren hatte. Das war für manche der wenig begeisterten Gemüter der Punkt der Umkehr und des Vorsatzes, nur noch das zu lesen, was nicht zu vermeiden war. Wer sich da aber durchbiss, gelangte allmählich in die Welt der Bücher.</p>
<p class="sumup">&raquo;Das Bestehen auf korrekter Rechtschreibung ist ein Anspruch des Lesers an den Schreiber.&laquo;</p>
<p><span class="firstletter">W</span>ir wollen bei der Begeisterung über das Lesen die andere Seite der Medaille nicht vergessen. Bevor jemand etwas lesen kann, muss sich ein anderer die Mühe des Schreibens machen. Hier wird das Vergnügen in unerwarteter Weise getrübt. Der Hauptfeind war ein gewisser Konrad Duden. Das Bestehen auf korrekter Rechtschreibung ist ein Anspruch des Lesers an den Schreiber. Der Anspruch besteht zu Recht, wenn man davon ausgeht, dass die Mühe des einen Schreibers einer bis in die Millionen gehenden Zahl von Lesern das Leben erleichtern kann. Man sieht es ein als fair denkender Mensch &mdash; ohne zu klagen lesen zu können, verdankt man auch zum gewissen Teil der Mühe der Schreiber, sich an Regeln zu halten, deren Logik nicht immer eingesehen werden kann.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Wer abschreckende Gegenbeispiele auf sich wirken lassen will, tummele sich in Internetforen oder Blogs. Nicht nur, dass besondere Abkürzungen und Smileys gelten, die als Konvention zu lernen sind, die Phonetisierung der Schrift ist zum Teil weit fortgeschritten. Diese Art des Schreibens ist wenig höflich zum Leser und manche Neuerung ist offensichtlich keine Innovation, sondern schlicht Faulheit des Schreibers oder eben auch Suche nach Aufmerksamkeit. Hier ist manche Klage des Lesers durchaus angebracht und sie wird in diesen Medien hin und wieder auch recht heftig ausgesprochen.<br />
 <img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Umberto Eco führt in seinem <em>lector in fabula</em> das kulturhistorische Wissen im gedanklichen Hintergrund des Lesers als Abkürzung der Informationsübertragung ein. So verlässt sich der niveauvollere Schriftsteller darauf, dass der Leser schon eine entsprechende Atmosphäre aufbauen wird, wenn von einer billigen Absteige in Istanbul die Rede sein soll. Der Leser registriert diese Erleichterung dankbar &mdash; erinnert er sich doch noch, wie Karl May lang und breit den Llano Estacado beschrieb oder die Silberbüchse Winnetous. Seiten, die erfahrene Jungens einfach überblätterten, weil sie wussten, dass diese Texte in verschiedenen Geschichten identisch waren &mdash; so als hätte Herr May schon mit <em>copy &#038; paste</em> am PC gearbeitet.</p>
<p class="sumup">&raquo;Auf der Suche nach der verlorenen Zeit mag mancher viel Zeit verloren haben. Andere hatten sportlichen Ehrgeiz.&laquo;</p>
<p><span class="firstletter">D</span>as diagonale Lesen hat seine Vorteile. Das Auge hängt an Schlüsselworten und prüft, ob dieser Textabschnitt wesentlich sein könnte. Man spart viel Zeit. Es hat auch seine Tücken. Wer es kann, ist für die genaue Prüfung der Orthografie oft gehandicapt.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> So werden irgendwann gewaltige Aufgaben in Angriff genommen. Alle sieben Bände von Harry Potters Einstieg in die Zauberwelt und ihr zu gutbürgerliches Ende. Sieben Bände scheint auch neben Trilogien oder seltenen Tetralogien wie Lawrence Durrells <em>Alexandria Quartett</em> ein Maximum dessen zu sein, das ein ernsthafter Autor fähig ist, sich sinnvoll auszudenken. Noch längere Texte haben den deutlichen Hang zum Trivialen.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Auf der Suche nach der verlorenen Zeit mag mancher viel Zeit verloren haben. Andere hatten  sportlichen Ehrgeiz. Zwanzig Seiten Öde und ein Glanzlicht, dann wieder fünfundzwanzig Seiten Öde und zwei Glanzlichter, gefolgt von zwölf Seiten Öde. Eine Wanderung durch die Wüste von Oase zu Oase. Man tat es sich an. Ja, man hat es geschafft. Man ist stolz darauf. Man klagt nicht.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Bei der Bewältigung solcher Aufgaben haben Leser verschiedene Taktiken entwickelt. Einige bevorzugen die Gewaltmethode, die oft auf die Nachtruhe geht: Beginnen und beenden in einem Zuge. Sie hat den unbestreitbaren Vorteil, dass man im Spannungsbogen des Textes bleibt. Kein mühsames Rückbesinnen auf den Anknüpfungspunkt, kein Lesen schon gelesener Seiten, wenn man neu aufsetzt. Schön, wenn am Morgen danach die Kaffeemaschine funktioniert.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Eine weitere Spezies des Lesers ist der Viertelstundenfan. Immer nur ein Stück, immer nur ein Kapitel zu regelmäßiger Tageszeit, gern im Bett vor dem Einschlafen. Ich gebe zu, dazu gehört gewisse Disziplin. Eben auch die, sich von der Geschichte nicht so gefangen nehmen zu lassen, dass man unfähig ist, den täglichen Schnitt zu machen.</p>
<p class="sumup">&raquo;Eine Liste der nicht bis zum Ende gelesenen Bücher? Sie kann große Namen enthalten.&laquo;</p>
<p><span class="firstletter">I</span>n wie viel Bücher kann man gleichzeitig eintauchen? Diese Frage stellt sich natürlich nur für den, der Bücher häppchenweise angeht. Manche haben drei oder vier Objekte gleichzeitig in Arbeit. Letztlich passt jedes Buch in eine Schublade der Erinnerung und diese Menschen tolerieren eben auch mehrere nur halb gefüllte gleichzeitig.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Der erobernde Leser lässt eher Bücher liegen, die er nicht im ersten Durchlauf geschafft hat. Eine Liste der nicht bis zum Ende gelesenen Bücher? Sie kann große Namen enthalten. Autoren wie Goethe rangieren durchaus vorn. Die Chemie der Wahlverwandtschaften führte nur zu lauer Reaktion. Auch ein mit Glück erworbener theoretisch hochgelobter Klassiker wie J.P. Jacobsen <em>Niels Lyhne</em> blieb auf der Strecke &mdash; irgendwann riss die sklavische Verehrung für Frau Boye nicht mehr mit. Was macht man mit dem nur halb gelesenem Buch? Es beschwert das Gewissen. Ja, da ist durchaus das Gefühl, versagt zu haben. Hier kommt die Assoziation an ungeliebte Schullektüre. Es wird Arbeit, die man auf den nächsten Tag verschiebt, den übernächsten, den unbestimmten. Nur wenige Bücher werden mit dem Urteil <em>mangelhaft</em> bewusst vorzeitig ins Vergessen verbannt.<br />
<img src="../../../magazin/img/transparent.gif" alt="p" height="10" width="20"/> Die neue Möglichkeit, sich das Klagen beim Lesen zu verkneifen, ist der Bildschirm. Das Scrollrad der Maus zu bedienen wird bald eine so unbewusste Bewegung wie die Gangschaltung im Auto. Das Medium hat seine Vorteile und Meriten, gewiss. Es ist aktuell und kann leicht geändert werden. Eben das kann auch zu Frust und Ärger führen, wenn Dinge zu flüchtig sind und verschwinden, bevor man bestimmte Aussagen nicht auf den Klassiker gebannt hat &mdash; Papier. <img src="../../../magazin/img/fini.gif" alt="fini" />   </p>
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