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	<title>DIALOGUS &#160; &#187; Britta Freith</title>
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	<description>Eine andere Sicht.</description>
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		<title>Sonnencreme: Durchs Ohr in die Nase</title>
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		<pubDate>Thu, 03 Jul 2008 04:56:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Britta Freith</dc:creator>
				<category><![CDATA[Impulse]]></category>
		<category><![CDATA[Erinnern]]></category>
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		<description><![CDATA[Das Vertraute verfremden und das Fremde vertraut machen. Diese dramaturgische Regel ist der Schl&#252;ssel zu authentischen, spannenden Texten. Das <i>h&#246;rbar</i> zu machen, was man nicht auf den ersten Blick sieht. So entsteht ein ganz eigenes Bild im Kopf.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p class="abstract">Das Vertraute verfremden und das Fremde vertraut machen. Diese dramaturgische Regel ist der Schl&uuml;ssel zu authentischen, spannenden Texten. Das <i>h&ouml;rbar</i> zu machen, was man nicht auf den ersten Blick sieht. So entsteht ein ganz eigenes Bild im Kopf.</p>
<p><span class="firstletter">E</span>s gibt ein Kinderspiel, das f&uuml;r Erwachsene meist schon die Unschuld verloren hat: &raquo;Wenn du w&auml;hlen k&ouml;nntest, w&auml;rst du dann lieber blind oder taub?&laquo; Und mal kneift dann das Kind die Augen fest zu, w&auml;hrend es sich mit den H&auml;nden nach vorne tastet oder sich von einem anderen Kind leiten l&auml;sst, oder es steckt fest die Finger in die Ohren und versucht nur mit den Augen zu erfassen, was die anderen ihm mitteilen wollen.</p>
<p>Ich erinnere mich noch, wie ich manchmal da lag und &uuml;berlegte: Wenn ich jetzt nicht mehr h&ouml;ren k&ouml;nnte, dann k&ouml;nnte ich doch zumindest alles sehen &mdash; und zum Sprechen g&auml;be es immer noch die Geb&auml;rdensprache. Ich k&ouml;nnte mich also verst&auml;ndigen. Vogelzwitschern g&auml;be es nicht mehr, das w&auml;re schade, auch Musik, nicht singen zu k&ouml;nnen oder Gitarre zu spielen. Doch immerhin h&auml;tte ich noch die Farben: Die Sonne, wie sie durch die Bl&auml;tter eines fr&uuml;hlingsgr&uuml;n belaubten Baumes f&auml;llt, die rosa und orange gef&auml;rbten Wolken mit dem blaugrauen Streifen in der Mitte, wie sie am durchscheinenden t&uuml;rkis und hellblauen Abendhimmel dahintreiben, vor einem gelb-metallisch glitzernden Wattboden an der Nordsee.</p>
<p class="sumup">&raquo;Mir h&auml;tte nie jemand erkl&auml;ren k&ouml;nnen, <br/>was zum Beispiel rot ist.&laquo;</p>
<p>Noch h&ouml;here Einbildungskraft brauchte ich um mir vorzustellen, ich sei bereits von Geburt an blind oder taub gewesen. Dann h&auml;tte ich ja nicht gewusst, was ich vermisse. Mir h&auml;tte nie jemand erkl&auml;ren k&ouml;nnen, was zum Beispiel rot ist &mdash; denn allein schon das Konzept einer <i>warmen Farbe</i> h&auml;tte mir ja nichts gesagt. Vielleicht w&auml;re es nicht so schlimm gewesen, weil ich ja noch den fernen Ruf des Kuckucks im Mai h&auml;tte h&ouml;ren k&ouml;nnen. Das Rauschen des Windes hoch in den Wipfeln eines Buchenwaldes, selbstgemachtes Popcorn, wie es gegen den Topfdeckel springt.</p>
<p>Wie auch immer ich es drehte und wendete: Ich konnte mich nicht entscheiden. Ich lag im Sommer im Schwimmbad und tr&auml;umte mich auf einer kratzigen Wolldecke davon, inmitten kreischender und plantschender Kinder, w&auml;hrend mir der Geruch der Pommes in die Nase zog. Wenn meine Mutter mir Geld gab, lief ich selbst zum Kiosk: Erst &uuml;ber den weichen gr&uuml;nen Rasen, dessen Grashalme sich zwischen meine Zehen schoben, dann &uuml;ber die Betonplatten, die gleichzeitig glatt und ein bisschen kratzig unter den F&uuml;ßen waren, und auf denen sich warme Wasserpf&uuml;tzen bildeten, wenn tropfende Badeg&auml;ste auf ihnen standen. Neben Grill und Friteuse, Eiswaffeln und Wassermelone roch es nach Chlor, Sonnencreme und nassen Badeanz&uuml;gen. </p>
<p>Das Gef&uuml;hl, versehentlich die feuchte Haut anderer zu ber&uuml;hren, war widerlich &mdash; seltsamer Weise &auml;nderte sich das ein gutes Jahrzehnt sp&auml;ter, als wir sechzehn-, siebzehnj&auml;hrig m&ouml;glichst eng nebeneinander auf den immer viel zu kleinen Handt&uuml;chern lagen und versuchten den besten Platz im Lager zu erk&auml;mpfen. Die Haare hingen uns nass in die Augen und die Sinne schwebten nicht mehr in die Ferne, sondern blieben ganz in der N&auml;he &mdash; jetzt dachte ich mit meinen Freundinnen statt &uuml;bers Sehen und H&ouml;ren dar&uuml;ber nach, ob Gedanken&uuml;bertragung und Fernhypnose wohl den Klassenschwarm dazu bringen w&uuml;rden, sich direkt neben eine von uns zu setzen.</p>
<p><span class="firstletter">E</span>twa in dieser Zeit muss es gewesen sein, dass ich in einem Magazin etwas &uuml;ber die Einteilung in H&ouml;r-, Seh- und F&uuml;hlmenschen las. Man k&ouml;nne sie unter anderem daran unterscheiden, wie sie sprechen. H&ouml;rmenschen bevorzugten demnach Wendungen wie &raquo;H&ouml;r mir mal zu&laquo; oder &raquo;in meinen Ohren&laquo;, Sehmenschen sagten gerne Dinge wie &raquo;Ansichtssache&laquo; oder &raquo;schau mal&laquo;, w&auml;hrend F&uuml;hlmenschen S&auml;tze à la &raquo;das f&uuml;hlt sich nicht richtig an&laquo; benutzten.</p>
<p>Ich sortierte mich selbst in die Kategorie der Sehmenschen ein, unter anderem weil ich lieber in Theater, Kino oder Galerien statt in Konzerte ging. Ich fotografierte, zeichnete und malte begeistert. Dass ausgerechnet ich selbst meiner Ausdruckspalette die Farben und Formen nehmen w&uuml;rde, h&auml;tte ich mir nicht vorstellen k&ouml;nnen. Mir wurde bewusst, was ich getan hatte, als ich meinen ersten Beitrag f&uuml;rs Radio machen sollte. Ausgerechnet &uuml;ber eine so stumme Angelegenheit wie eine Lichterkette rund um die Hamburger Alster.</p>
<p>Jahrelang habe ich daraufhin an meinem Ausdruck gearbeitet (wenn auch nicht an diesem ersten Beitrag). Ich habe immer wieder versucht h&ouml;rbar zu machen, was man nicht auf den ersten Blick sieht. Nicht zu sagen &raquo;Der Zug f&auml;hrt ein&laquo; und im Hintergrund h&ouml;rt man <i>tschtschtsch tuuu tuuuu</i>. Das Banale zu vermeiden, eine zus&auml;tzliche Ebene einzuziehen. Nicht das Hintergrundger&auml;usch &mdash; die Atmo &mdash; benutzen, an das man als erstes denkt, sondern das, das außerdem da ist, das jeder kennt, das aber ein ganz eigenes, zus&auml;tzliches Bild im Kopf erzeugt.</p>
<p class="sumup">&raquo;Der Blick auf die Details l&auml;sst authentische Szenen entstehen.&laquo;</p>
<p>Im Englischen gibt es dazu die Dramaturgie-Regel von T.S. Elliot: <i>Make the familiar strange, and the strange familiar</i> &mdash; das Vertraute verfremden und das Fremde vertraut machen. Praktisch heißt das, nicht das erste Bild zu verwenden, das einem einf&auml;llt. Der Blick auf die Details l&auml;sst authentische Szenen entstehen. Der Wassertropfen, der &uuml;ber die flaumigen Haare in die Ellenbogenbeuge rinnt; das Geldst&uuml;ck, das in zwei Metern Tiefe auf dem Beckenboden liegt und mit den Lippen hochgeholt werden muss. Das fiese Ziehen im Mund, wenn man beim Picknick versehentlich auf die Alufolie beißt.</p>
<p>F&uuml;r ein H&ouml;rst&uuml;ck bedeutet das, nicht das erstbeste Ger&auml;usch zu verwenden, das einem in den Kopf kommt. Wenn jemand nach dem Regen auf der Terrasse sitzt, ist da sicher nicht nur das Tropfen vom Balkon &uuml;ber ihm. Sondern auch der Gesang der Amsel auf dem Giebel. Vielleicht ein Sonnenschirm, der aufgekurbelt wird. Ein nasser Stuhl, den man abwischen muss. All diese Dinge kann man h&ouml;ren; und ohne dass es uns bewusst ist, sind so viele Ger&auml;usche und T&ouml;ne in uns abgespeichert, die wir genau zuordnen k&ouml;nnen, wenn wir wissen, wo die Szene spielt. Jeder kennt dieses Ph&auml;nomen, wenn man zuhause sitzt und etwas knackt: Wir selbst erschrecken nur, wenn es ein ungewohntes Knacken ist. Das hauseigene Rauschen, Knistern oder T&uuml;renquietschen ist uns vertraut, w&auml;hrend es uns in fremder Umgebung unruhig macht.</p>
<p>Noch enger mit Situationen und Orten verbunden sind Ger&uuml;che: feuchtes Laub, eine gerade ausgepustete Kerze oder eine frisch aufgeschnittene Ananas. Der Duft von Sonnencreme war f&uuml;r mich allerdings nur so lange fest mit dem Schwimmbad verbunden, bis ich zum ersten Mal im Ski-Urlaub war: Lange danach noch erinnerte er mich pl&ouml;tzlich nicht mehr an die kalte Dusche, bevor man ins Becken springen darf, sondern an den Sessellift. In ihm saß ich bei dickstem Nebel eingekuschelt neben meinem Freund, w&auml;hrend wir durch die Wolkendecke hindurch zur sonnigen Piste hinaufgetragen wurden. <img src="../../../magazin/img/fini.gif" alt="fini" /> </p>
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